Sportler: Bei Muskelzerrung nicht weiter trainieren

Sebastian
Bei Muskelzerrung ist Trainingspause notwendig
Beim Fußball, Joggen oder Basketball holt man sich schnell eine Zerrung. Meist sind die Muskeln dann nicht ausreichend aufgewärmt oder überlastet. Zwar ist die Muskelzerrung eine eher harmlose Verletzung, eine Trainingspause ist aber dennoch notwendig. Trainiert der Sportler weiter, riskiert er einen Muskelfaserriss. Die Nachrichtenagentur „dpa“ sprach mit dem Orthopäden Ingo Tusk, dem Physiotherapeuten Michael N. Preibsch und Sportmediziner Jürgen Wismach, Präsident des Berliner Sportärztebundes, über die Ursachen von Muskelzerrungen und den Behandlungsmöglichkeiten.

Muskelzerrungen können sehr schmerzhaft sein
Muskelzerrungen kennt fast jeder Sportler. Sie sind unangenehm, heilen aber gut aus, sofern der Betroffene eine Trainingspause einlegt und sich schont. Unter einer Zerrung verstehen Mediziner eine Dehnung der feinsten Muskelfasern, der sogenannten Sarkomere, berichtet Tusk. „Das ist die harmloseste aller Muskelverletzungen.“ Sportler sollten sie dennoch nicht unterschätzen.

Meist spürt der Betroffene einen stichartigen, einziehenden Schmerz und der gezerrte Muskel wird hart. Auch die umliegende Muskulatur verspannt sich sofort. „Das ist ein Schutzreflex“, erläutert Preibsch. Typischerweise treten Zerrungen an den Innen- und Hinterseiten des Oberschenkels sowie den Waden auf. Der Orthopäde und der Physiotherapeut sind sich einig: Mit Sport sollte erst einmal Schluss sein. Denn wer mit einer Zerrung weiter trainiert, riskiert einen Riss des gezerrten Muskels. Tusk rät dazu, das PECH-Schema anzuwenden: Pause, Eiskühlen, Compression, Hochlegen. Die Kühlung bewirkt ein Zusammenziehen der Gefäße im Muskel, so dass weitere Einblutungen ins Gewebe verhindert werden. Ein elastischer Verband unterstützt diesen Prozess ebenfalls. „Das Hochlegen sorgt schließlich dafür, dass das Blut von dem gezerrten Muskel wegfließt“, erklärt Tusk. Je konsequenter das PECH-Schema angewendet wird, desto weniger Schaden entsteht durch die Verletzung und umso schneller ist man wieder einsatzfähig.

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Nach Muskelzerrung nur langsam mit dem Training beginnen
Bis die Zerrung vollständig geheilt ist, kann einige Zeit vergehen. Zunächst sollte der Muskel Tusk zufolge geschont und nur ohne Schmerzen bewegt werden. Leichte Dehnungen könnten nach einigen Tagen ausprobiert werden. Wenn der Muskel wieder weich wird, kann die Trainingspause beendet werden. „Dann kann langsam wieder eingestiegen werden“, so der Orthopäde. Physiotherapie helfe dabei, schneller wieder fit zu werden.

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Treten sehr starke Schmerzen auf, so dass man nicht mehr gehen kann und sogar in der Ruhestellung Beschwerden auftreten, sollte man einen Arzt aufsuchen, rät Wismach. Bei einer Zerrung würden 14 Tage Ruhepause als Faustregel gelten. „Pauschal ist das schwer zu sagen. Manchmal dauert die Heilung auch drei Wochen.“

Wie entstehen Muskelzerrungen?
Muskelzerrungen können entstehen, wenn sich der Sportler nicht richtig aufgewärmt hat. „Der Muskel muss erst warm laufen, fast wie ein Automotor“, berichtet Wismach. Deshalb seien Gymnastik- und Dehnübungen vor dem eigentlichen Training sinnvoll. Das gilt besonders bei kühleren Temperaturen, denn dann ist der Muskel anfälliger für Verletzungen. „Auch Regen kann einen auskühlenden Effekt haben“, ergänzt Tusk. Insbesondere die Waden seien häufig betroffen. Sportler können bei solchen Witterungsbedingungen auf spezielle Stutzen bis unter das Knie oder lange Hosen zurückgreifen, um ihre Muskeln zu schonen.

Weitere Ursachen von Zerrungen seien Überlastung und Übermüdung, wenn der Muskel beispielsweise nach starker Belastung ruckartig bewegt werde, so Wismach. Das ist vor allem bei Sportarten mit schnellen Tempowechsel wie Fuß- oder Basketball oder Intervallläufen mit langsamen und schnellen Teilen der Fall.

Zerrungen entstehen vereinfacht beschrieben durch nachgebende Streckungen der Muskelstränge, sogenannte exzentrischen Muskelbewegungen, wie sie unter anderem bei der Landephase beim Joggen während des Auftretens zu beobachten sind. „Weil bei diesen Bewegungen mehr Muskelfasern auch unwillkürlich anspannen, steigt die Gefahr, dass sie reißen“, erläutert Preibsch.

Grundsätzlich gilt: Wenn sich der Muskel leicht verhärtet, ist das ein erstes Anzeichen für eine Überlastung. Der Muskel „geht zu“, beschreiben Sportler diesen Zustand. Preibsch zufolge ist das eine Warnung und das Training sollte abgebrochen werden. Häufig fehlen dem Muskel wichtige Elektrolyte wie Magnesium. „Die sind ein wichtiger Weichmacher für die Muskeln“, erläutert der Physiotherapeut.

Zerrung kann sich zu Muskelfaserriss entwickeln
Wenn Sportler trotz Zerrung keine Trainingspause einlegen, droht ein Muskelfaserriss. Dieser macht sich unter anderem durch einen punktuellen, stechenden Schmerz bemerkbar. Manchmal tritt zudem eine Delle unter der Haut auf, die bei Druck ebenfalls schmerzhaft ist.

Bei einem Muskelfaserriss sind wesentlich mehr Muskelfasern verletzt. Der Muskel wird nicht hart wie bei der Zerrung sondern weich. „Er reagiert mit Entspannung, um ein weiteres Einreißen zu verhindern“, erklärt Preibsch. Bei Muskelfaserrissen treten zudem häufig Hämatome auf, so Wismach. Bei einer Zerrung liegt dagegen eine Verletzung in den Muskelzellen, die sich wieder regenerieren. „Sie ist eine Vorstufe zum Muskelfaserriss.“ Dabei wird die Grenze der Dehnfähigkeit des Muskels erreicht, aber nicht überschritten wie beim Riss.

Während bei der Zerrung die Schonung des Muskels ausreicht, kann bei einem Muskelfaserriss ein operativer Eingriff notwendig sein, wenn etwa eine beträchtliche Funktionseinschränkung besteht und mehr als ein Drittel des Muskels durchgerissen ist. Nach der Operation folgt eine Ruhigstellung des betroffenen Muskels für sechs Wochen, um einem erneuten Reißen vorzubeugen. Auch ohne Operation dauert die Genesung nach einem Muskelfaserriss drei bis sechs Wochen. Dabei spielt die Ausprägung des Risses eine wesentliche Rolle. (ag)

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