Mit Schlafentzug gegen Depressionen

Fabian Peters

Schlafentzug verbessert kurzfristig die Stimmung bei Depressionen

08.10.2011

Normalerweise gilt viel Schlaf als besonders heilsam. Doch bei Depressionen ist Schlafentzug für die Therapie von Vorteil, viel Schlaf wirkt hier eher kontraproduktiv, so die Aussage der Experten wie Psychiater Prof. Dr. Ulrich Hegerl auf dem 27 Symposium der Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP) in München.

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Mattheit und Müdigkeit zählen zu den typische Symptomen einer Depression. Die Betroffenen fühlen sich regelmäßig müde und antriebslos, jedoch hilft gründliches Ausschlafen hier nicht, erläuterten die Mediziner auf dem AGNP-Kongress. Stattdessen könne ein kontrollierter Schlafentzug förderlich sein, die Stimmung der Depressionspatienten kurzfristig relativ deutlich zu verbessern, erklärte der Psychiater und Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig, Ulrich Hegerl. Derzeit suchen die Forscher nach Möglichkeiten, um die bisher lediglich kurzfristigen positiven Effekte des Schlafentzugs dauerhaft zu erhalten.

Positive Wirkung des Schlafentzugs bei Depressionen
Die durch den Schlafentzug ausgelöste positive Wirkung auf die Stimmung der depressiven Patienten führen die Forscher darauf zurück, dass viele der Betroffenen ohnehin unter erheblichen Schlafstörungen leiden. Durch den kontrollierten Schlafentzug werde verhindert, dass die Depressionspatienten Nachts stundenlang wach liegen und sich ihren Stimmungsschwankungen ergeben, so die Aussage der Experten. Um diesen kontrollierten Schlafentzug zu erreichen, werden depressive Patienten im Schlaflabor wenige Stunden nach dem Einschlafen geweckt und anschließend bis zum nächsten Abend wach gehalten, erklärte Ulrich Hegerl. Die Therapeuten unterbrechen gezielt den gestörten Nachtschlaf der Depressiven, wodurch diese sich am nächsten Tag deutlich besser fühlen, so der Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie weiter. Allerdings zeige der kontrollierte Schlafentzug bisher lediglich eine relativ kurzfristige Wirkung, ergänzte der Schlafforscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, Axel Steiger. Daher arbeite die Forschung derzeit daran, die positiven Effekte des Schlafentzugs auch langfristig zu erhalten, betonte Steiger.

Gefühl der Überforderung als Anzeichen einer Depression
Generell sind der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zufolge Schlafstörungen neben Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, und Schuldgefühlen eines der typischen Symptome bei Depressionen. Auch der Schlafforscher Steiger erklärte, dass Schlafstörungen ein häufiges Symptom bei Depressiven sind. Darüber hinaus könne das Fehlen von Emotionen und Appetitlosigkeit auf eine depressive Erkrankung hinweisen. Außerdem begleite „das Gefühl des Überfordertseins und der Überlastung“ jede Depression, erläuterte Ulrich Hegerl. Der Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie betonte, dass der oftmals als Auslöser von Depressionen in Verdacht stehende Leistungsdruck und Stress, nicht als Hauptrisikofaktoren bei der Entstehung der Erkrankung wirken. „Das Leben bietet ununterbrochen Gelegenheiten, depressiv zu werden“, doch längst nicht alle Menschen leiden unter entsprechenden psychischen Problemen, betonte Hegerl. Allerdings stehe fest, das viel Schlaf – der bei etlichen anderen Krankheiten deutlich zur Heilung beiträgt – bei Depressionen eher kontraproduktiv wirkt.

Versorgung der Depressionspatienten bisher unzureichend
Auf dem ersten Deutsche Patientenkongress zum Thema Depressionen in Leipziger am 02. Oktober hatten die Experten bereits zu einer besseren Versorgung der Depressionspatienten in Deutschland gemahnt. Viele Betroffene würden zu lange auf einen Arzttermin warten und „von den depressiv Erkrankten erhalten nur zehn Prozent die optimale Versorgung“, bemängelte die Privatdozentin Dr. Christine Rummel-Kluge im Rahmen des Patientenkongresses. Dabei bestehen nach Ansicht der Expertin oftmals auch „diagnostische und therapeutische Defizite in der Versorgung“. Trotz der bestehenden Behandlungsmöglichkeiten, könne bis heute längst nicht allen Betroffenen geholfen werden, kritisierten die Experten. (fp)