Therapie Hühnerfarm hilft psychisch Kranken

Alfred Domke

06.04.2014

Die Arbeit mit Tieren kann Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen, sich selbst neu wahrzunehmen. Ein Hühnerhof mit wechselndem Standort im schwäbischen Ravensburg soll psychisch kranken Menschen Hoffnung auf ein erfülltes Leben geben.

Hoffnung auf ein erfülltes Leben
Können Hühner eine therapeutische Wirkung haben? Ein neues Projekt im schwäbischen Ravensburg macht Menschen mit einer psychischen Krankheit durch die Arbeit mit Tieren Hoffnung auf ein erfülltes Leben. Alle paar Wochen wechselt der fahrbare Stall der dortigen Riesenhof-Gärtnerei den Standort. Die Gärtnerei gehört zu den Sozialpsychiatrischen Hilfen der Bruderhaus Diakonie. Gärtnerei- und Produktionsleiter Andreas Gronmaier meint: „Sie können sich in ihrer Arbeit mit einbringen, haben eine Identifikation mit ihrer Aufgabe, mit der Natur und natürlich mit den Hühnern und den erzeugten Eiern.“

Mobile Farm ohne Massentierhaltung
Die Firmenmitarbeiter kümmern sich um die Tiere, sammeln Eier ein, halten den Hühnerstall sauber und kümmern sich um den Umzug. „Die Hühner zertreten und zerpicken die Wiese, der sich ansammelnde Kot ist auf Dauer aus hygienischer Sicht bedenklich“, so Gronmaier. Daher werden die Hühner bei schönem Wetter alle zwei Wochen und im Winter oder bei Dauerregen sogar wöchentlich an einen anderen Ort gebracht. „So dürfen sich die Hühner immer auf frisches Gras freuen.“ Im Gegensatz zur Massentierhaltung sei die mobile Farm überschaubar und beheimatet nur sieben Tiere.

Psychisch Kranke an eine Tagesstruktur heranführen
„Die Notwendigkeit, sich um die Tiere kümmern zu müssen, übt einen elementaren und sofort nachvollziehbaren Reiz aus“, erklärte Michael Ziegelmayer vom Berufsverband Deutscher Psychologen. „Man wird gebraucht, man hat Verantwortung. Es bedarf keiner komplizierten Vermittlung oder guter Argumente, die Notwendigkeit ist unmittelbar einsichtig.“ Es gibt in Deutschland etwa 40 Reha-Einrichtungen, die psychisch erkrankte Menschen in Ausbildung oder Beschäftigung, idealerweise auf dem ersten Arbeitsmarkt, führen wollen. „Wichtig ist in jedem Fall, die Erkrankten an eine Tagesstruktur heranzuführen und sie in einen guten Sozialkontext einzubinden“, so Ziegelmayer. „Das Wissen, dass einer auf den anderen angewiesen ist, hat einen unmittelbaren Aufforderungscharakter ganz im Gegensatz zu abstrakten Reizen, bei denen es ums reine Geldverdienen geht oder darum, dass eine Maschine bedient werden soll.“

Nicht alle psychischen Erkrankungen sind vergleichbar
Im Arbeitsbereich mit psychischen Beeinträchtigten sei die Arbeit mit Tieren derzeit noch selten, jedoch in besonderer Weise motivierend, meint der Geschäftsführer der Aktion Psychisch Kranke in Bonn, Ulrich Krüger. Es seien bei der Rehabilitation keine Patentrezepte, sondern passgenaue Lösungen gefragt. Es komme auf die richtige Form der Tätigkeit und die geeignete Belastung an, aber auch darauf, die passende Umgebung für die Patienten zu finden: „Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass alle psychischen Erkrankungen vergleichbar sind.“

Mehr als jeder dritte Europäer betroffen
Die Wichtigkeit für verschiedene Therapieansätze für psychisch Kranke wird auch deutlich, wenn man sich deutlich macht, wie viele Menschen davon betroffen sind. So zeigte eine Studie der Technischen Universität Dresden (TU) vor drei Jahren, dass etwa 38 Prozent der Europäer innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung wie Angststörungen, Alkoholhabitus, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) oder Depressionen litten. Auffällig sei gewesen, dass psychische Störungen in allen Altersstufen ähnlich häufig und selbst unter Kindern und jungen Erwachsenen weit verbreitet sind. In die insgesamt dreijährige Arbeit wurden alle 514 Millionen Einwohner der 27 EU-Länder sowie der Staaten Island, Norwegen und Schweiz mit einbezogen und über 100 verschiedene psychische und neurologische Krankheitsbilder berücksichtigt. (ad)

Bild: schemmi / pixelio.de