Müssen Antibiotika doch nicht so lange eingenommen werden?

Alexander Stindt
Welche Folgen hat ein frühzeitiger Abbruch der Antibiotika-Behandlung?
Sicherlich haben die meisten Menschen schon einmal gehört, dass die Behandlung mit Antibiotika unbedingt bis zum Schluss durchgeführt werden sollte. Forscher fanden jetzt aber heraus, dass eine vorzeitige Beendung der Medikation zu dem Zeitpunkt, wenn die Patienten sicher besser fühlen, offenbar sinnvoller ist.

Die Wissenschaftler der Brighton and Sussex medical school stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass Behandlungen mit Antibiotika durchaus vorzeitig beendet werden können, wenn es den Patienten wieder besser geht. Bisher galt die Vorstellung, dass eine Behandlung mit Antibiotika unbedingt bis zum Ende der Verschreibungszeitraums fortgesetzt werden muss, auch um die Entwicklung von resistenten Erregern zu vermeiden. Die Mediziner veröffentlichten ihre gegenteilig ausfallenden Ergebnisse in der Fachzeitschrift „British Medical Journal“.

Bislang galt die Annahme, dass Behandlungen mit Antibiotika bis zum Schluss fortgeführt werden müssen, weil eine zu kurze Einnahme zu einer Resistenz der Bakterien führen kann. Mediziner fanden nun heraus, dass diese Vorstellung nicht der Wirklichkeit entspricht. (Bild: CrazyCloud/fotolia.com)

Lässt die zu kurze Einnahme von Antibiotika die Bakterien mutieren?
Bisher galt bei der Einnahme von Antibiotika die Regel, dass eine Behandlung erst abgeschlossen ist, wenn alle verschriebenen Tabletten eingenommen wurden. Ärzte rieten davon ab, die Einnahme vorzeitig zu beenden, selbst wenn Betroffene sich bereits besser fühlen. Die bisherige These ging davon aus, dass die Einnahme von zu wenig Antibiotika die Bakterien mutieren lässt und diese dadurch resistent gegen das Medikament werden, erklären die Mediziner.

Zu lange Einnahme von Antibiotika erhöht die Resistenz der Bakterien
Die Annahme, dass eine frühzeitige Beendung der Antibiotika-Behandlung die Antibiotika-Resistenz fördert, wird nicht durch wissenschatliche Beweise unterstützt, sagen die Experten. Allerdings könne die zu lange Einnahme von Antibiotika bewirken, dass sich das Risiko einer Antibiotikaresistenz erhöht, erläutert Autor Professor Martin Llewelyn.

Bei einigen Erkrankungen fördert die zu kurze Einnahme von Antibiotika Resistenzen
Es gibt tatsächlich einige Erkrankungen, bei denen die Bakterien resistent werden können, wenn die Medikamente nicht lange genug eingenommen werden. Das offensichtlichste Beispiel hierfür ist Tuberkulose, erklären die Experten. Die meisten zu Krankheiten werden jedoch durch Bakterien ausgelöst, die sich auf der Haut des Menschen befinden. Diese Bakterien wie E coli oder Staphylococcus aureus verursachen normalerweise keinen Schaden, doch können Menschen an ihnen erkranken, wenn die Bakterien in den Blutkreislauf oder den Darm gelangen. Je länger solche Bakterien Antibiotika ausgesetzt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Widerstände entwickeln, sagen die Forscher.

Behandlungen mit Antibiotika variieren von Patient zu Patient
Es gibt zu wenig Forschung über die ideale Länge einer Behandlung mit Antibiotika, erläutern die Experten. Solch eine Behandlung variiere von Person zu Person und sei auch abhängig von der Einnahme von Antibiotika in der Vergangenheit, sagen die Mediziner.

Beweise für eine lange Therapiedauer sind nur sehr schwach
Es ist in Krankenhäusern möglich festzustellen, wann eine Behandlung mit Antibiotika beendet werden kann. Wenn keine wiederholten Tests in Krankenhäusern möglich sind, könnte Patienten empfohlen werden, die Behandlung zu beenden, wenn sie sich wieder besser fühlen, erläutern die Studienautoren. Die aktuelle Untersuchung unterstütze die Idee, dass Antibiotika in Zukunft sparsamer eingesetzt werden sollten. Ausdrücklich weisen die Forscher darauf hinweisen, dass die wissenschaftlichen Argumente für den Sinn einer langen Therapiedauer im besten Fall schwach sind. Die Verkürzung der Dauer einer Behandlung könne eine Antibiotikaresistenz jedoch eindeutig weniger wahrscheinlich machen, erklären die Wissenschaftler.

Kritiker: Verbesserung der Symptome bedeutet keine garantierte Ausrottung der Infektion
Einige Kritiker äußern sich allerdings besorgt. Die empfohlene Länge von Behandlungen mit Antibiotika sei nicht zufällig. Viele Mediziner sehen eine Gefahr darin, wenn Patienten geraten wird, ihre Behandlung abzubrechen, sobald es ihnen wieder besser geht. Denn die Verbesserung der Symptome hat nicht unbedingt zu bedeuten, dass die Infektion vollständig eliminiert wurde. (as)