Multiple Sklerose trifft oft junge Menschen

Lars Budde

Multiple Sklerose: Einblicke in Diagnose und Forschung

04.06.2013

Multiple Sklerose ist die häufigste Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Nach jüngsten Berechnungen des Bundesversicherungsamtes sind in Deutschland bis zu 200.000 Menschen betroffen – fast doppelt so viele als bisherige Schätzungen ermittelten. Die Krankheit ist schwer zu erkennen und gilt noch immer als unheilbar. Grund genug, das Thema Multiple Sklerose genauer unter die Lupe zu nehmen.

Multiple Sklerose: „Die Krankheit der 1.000 Gesichter“
Multiple Sklerose wird nicht ohne Grund als die „Krankheit der 1.000 Gesichter“ bezeichnet. Mit ihr einhergehende Symptome sind vielfältig: „Die Spanne reicht von Taubheitsgefühlen über Seh- und Koordinationsstörungen, kongnitiven Schwierigkeiten, Blasenstörungen, unendlicher Erschöpfung (Fatigue) bis hin zu Antaxie, Tremor, Bewegungsstörungen und Lähmungen“, erklärt die Geschäftsführerin der Multiplen Sklerose Gesellschaft Dorothea Pitschnau-Michel in einem Interview mit Mediaplanet. „Multiple Sklerose ist ausgesprochen komplex und vielseitig“, fügt sie später hinzu. Die Forschungsarbeit der vergangenen Jahre habe jedoch enorme Fortschritte in der Behandlung ergeben.

Auch Prof. Heinz Wiendl sieht positiv in die Zukunft. Im Interview berichtet der Leiter des Departments für Neurologie am Uniklinikum Münster von den Forschungserfolgen der letzten Jahre, „sowohl was die Untersuchung von Faktoren der Krankheitsentstehung als auch die Therapien betreffen“. Das größte Problem sei vielmehr die frühzeitige Diagnose der Multiplen Sklerose. Wichtig sei, bei entsprechenden Symptomen schnellstmöglich einen entsprechenden Experten zu konsultieren. „Spätestens wenn es um Entscheidungen über eine Therapie geht, sollte man nach Möglichkeit darauf bestehen, von einem ausgewiesenen MS-Spezialisten oder in einem Behandlungszentrum behandelt zu werden.“

Folgen der Erkrankung an Multipler Sklerose
Die Erkrankung des Zentralen Nervensystems lässt sich auf ein Eindringen von Immunzellen ins Gehirn beziehungsweise die von den Immunzellen initiierte Zerstörung von Schützhüllen der Nervenfasern zurückführen. Die Folge sind allerlei neurologische Ausfallerscheinungen, nicht selten ist auch Depressionen. Oftmals zeigen sich die Symptome der Multiplen Sklerose aber nur für einen begrenzten Zeitraum und klingen im Laufe von Wochen wieder ab. „Je nach Schwere und Dauer des Schubes können sich die Symptome wieder komplett zurückbilden oder aber eine Behinderung zurücklassen“, schreibt die gemeinnützige Hertie Stiftung anlässlich des Welt-MS-Tages.

Am häufigsten zeigt sich Multiple Sklerose im Alter von 20 bis 40 Jahren – Frauen sind jedoch doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Ursachen der Nervenerkrankung sind weitgehend unklar. Eine klassische Erbkrankheit sei Multiple Sklerose jedenfalls nicht, erklärt die Hertie Stiftung. „Wahrscheinlich gibt es eine gewisse Veranlagung, die zusammen mit äußeren Faktoren wie zum Beispiel Virusinfektionen die Krankheit verursacht.“ So sei die Wahrscheinlichkeit an Multipler Sklerose zu erkranken nahe dem Äquator unwahrscheinlicher als in den südlichen oder nördlichen Breitengraden.

MS-Forschung erzielt große Fortschritte in der Therapie
Für Prof. Ralf Gold ist vor allem die frühzeitige Diagnose der Krankheit wichtig, erklärt er im Interview mit Mediaplanet. Wie auch Wiendl sieht er nach einer raschen Diagnose große Chancen für Betroffene. „Patienten, bei denen die Krankheit heute erkannt wird, haben gute Chancen damit in guter Verfassung alt zu werden“, erklärt er optimistisch. Obwohl die niedergelassenen Kollegen für die Symptome der Krankheit sensibilisiert sind, sollten Betroffene „aber immer auch eine Zweitmeinung einholen“. Sind die Indizien eindeutig, gilt es schnell entsprechende Behandlungen einzuleiten. Den größten Einfluss habe dies vor allem in der frühen Phase der Krankheit. „Hier können die aktuell auf dem Markt verfügbaren antientzündlichen Therapien am effektivsten wirken“, erklärt Gold.

Schon in diesem Jahr dürften neue Medikamente auf den Markt kommen, die der Multiplen Sklerose wirksamer entgegentreten erklärt Dr. Siegried Throm, Geschäftsführer für Forschung, Entwicklung und Innovation des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen. Schon jetzt könnten einzelne Medikamente die Schubfrequenz der leidenden Patienten um rund ein Drittel senken. Für Forscher in Unternehmen und Universitäten sei das jedoch nicht genug: So ermittelten beispielsweise Wissenschaftler der Ruhr-Universität-Bochum, dass Fumarsäureester wirksam gegen Multiple Sklerose helfen. Dieser Wirkstoff wurde bislang vor allem gegen Schuppenflechte eingesetzt.

„Aktuell haben es vier neue Medikamente ins Zulasungsverfahren geschafft, drei weitere sind in den letzten Tests“, so Throm. „Eine Herausforderung für die Ärzte in der Praxis wird es sein zu klären, für welchen Patienten welches […] Mittel das jeweils beste ist.“ Vieles deute jedoch darauf hin, dass entschlossenes und frühzeitiges Handeln die größten Erfolge hervorbringe. Thom schließt sich insofern auch Gold und Wiendl an: Eine schnelle Diagnose ist für Betroffene außerordentlich wichtig. Aufklärung in Form eines Welt-MS-Tages scheint der richtige Ansatz.

Wie können Patienten mit Multipler Sklerose leben?
Völlig abseits der medizinischen Hintergründe beleuchtet die Fachpublikation von Mediaplanet auch den Umgang mit der Nervenkrankheit. Eine aktuelle Umfrage habe demnach ergeben, dass „für viele Betroffene der Rückhalt durch Freunde, Kollegen und Arbeitgeber unerlässlich“ sei. Grundsätzlich würde „mehr Kenntnis über die Erkrankung in der Öffentlichkeit weiterhelfen.“ Auch die Teilhabe an der Gesellschaft durch Bewegung, Spiel und Sport sei wichtig, schreibt Mediaplanet. Denn „letztendlich verbessert regelmäßiges Training auch die Immunabwehr und trägt zur Vermeidung von Infekten bei.“ Dies zeigt auch die Geschichte von Andreas Beseler, der vor 20 Jahren mit Multipler Sklerose diagnostiziert wurde.

Im Interview berichtet Beseler wie er angefangen hat mit der Krankheit zu leben. „Nach der Diagnose ging es sehr schnell bergab.“ Schon nach kurzer Zeit war er nicht mehr in der Lage zu laufen, er fühlte sich im eigenen Körper gefangen. Weil ein Freund ihn mit ins Schwimmbad nahm, er dort im Strömungskanal zum zweiten Mal in seinem Leben laufen lernte und später anfing Fahrrad zu fahren, besserte sich sein Leben. Er musste zu Beginn viel kämpfen, Hürden überwinden und Fehler wegstecken. Jetzt aber „möchte er anderen MS-Kranken Mut machen“ und „mit dem Rennrad durch die kanadischen Rocky Mountains fahren, von Whitehorse nach Vancouver.“ Mit seinem Projekt Rad-statt-Rollstuhl.de will er in diesem Zuge Spenden für die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung sammeln, die sich für MS-Kranke in Not einsetzt. (lb)

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