Multiresistente Keime auf Tiefkühlhähnchen

Fabian Peters

Tiefkühlhähnchen mit gefährlichen multiresistenten Keimen belastet

15.06.2011

Reporter haben in Tiefkühlhähnchen multiresistent Erreger entdeckt, die bei Menschen gefährliche Infektionen auslösen können. Das NDR-Magazin „Panorama Nord“ hat tiefgefrorenes Hähnchenfleisch aus dem Supermarkt untersucht und dabei multiresistente Staphylokokken Bakterien entdeckt. Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) sind bei einer Infektion für den Menschen besonders gefährlich, da sie gegen sämtliche gängigen Antibiotika resistent sind und so die Behandlung der Erkrankten erheblich erschwert wird.

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Die auf den Tiefkühlhähnchen entdeckten multiresistenten Erreger können laut Aussage des Chirurgen Doktor Burkhard Kursch gegenüber „Panorama Nord“ beim Menschen lebensgefährliche Infektionen hervorrufen. Zwar werden die Keime beim erhitzen des Fleisches abgetötet, doch beim Kontakt mit dem Fleisch im Rahmen der Zubereitung könnten die multiresistenten Erreger über kleinste Wunden in den menschlichen Körper gelangen und hier schwerwiegende Erkrankungen auslösen, warnten die Experten. Das Auftreten der multiresistenten Keime werde durch die Produktionsbedingungen in der Massentierhaltung begünstigt, da hier oft relativ sorglos Antibiotika zur Krankheitsvorbeugung eingesetzt wird, so die Aussage in dem aktuellen NDR-Bericht.

Multiresistente Erreger auf Tiefkühl-Geflügel keine Seltenheit
Die multiresistenten Erreger sorgen hierzulande vor allem in den Kliniken, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen immer wieder für Aufsehen. Relativ häufig infizieren sich Patienten in Deutschland bei einem stationären Aufenthalt mit den gefährlichen Keimen. Dass die multiresistenten Bakterien auch in Nahrungsmitteln enthalten seien können, ist jedoch den wenigsten Menschen bewusst. Obwohl das Robert-Koch-Institut (RKI) bereits im vergangenen Jahr die Ergebnisse einer Studie vorgelegt hatte, bei der mehr als 30 Prozent des untersuchten Tiefkühl-Geflügelfleischs multiresistente Keime enthielt. Das NDR-Magazin „Panorama Nord“ hat nun auf den Tiefkühlhähnchen aus einem Supermarkt ebenfalls MRSA-Keime entdeckt. Erschreckend ist dabei die Leichtigkeit mit der der verantwortliche Lebensmittelproduzent in dem Fernsehbericht die Belastung seiner Tiefkühlhähnchen bei Seite schiebt. Zwar bestätigte der Hersteller auf Nachfrage der Reporter die MRSA-Belastung des Geflügels, doch sei diese beim Verzehr kein Problem, wenn das Fleisch richtig durchgegart wird. Das Robert-Koch-Institut (RKI) bestätigte diese Aussage, wies jedoch darauf hin, dass auch bei der Zubereitung ein erhöhtes Infektionsrisiko durch MRSA besteht.

MRSA können bei der Fleischzubereitung aufgenommen werden
Die multiresistenten Keime können über kleinste Schnittwunden an den Händen in den menschlichen Körper gelangen und dort schwerwiegende Infektionen auslösen, erklärte der Mikrobiologe Wolfgang Witte gegenüber „Panorama Nord“. Außerdem bereitet den Experten die wachsende Verbreitung der multiresistenten Bakterienstämme erhebliche Sorge. Da die Erreger über den Austausch von Erbinformationen voneinander lernen, könnte nach Einschätzung des Facharztes für Allgemeinmedizin,Thomas Fein, eine Art „mikrobiologische Apokalypse“ bevorstehen, bei der eine Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten mit Antibiotika in Zukunft ausgeschlossen wäre. Zwar lässt sich laut Aussage der Experten die Aufnahme der aktuell auf den Tiefkühlhähnchen entdeckten MRSA-Keime zum Beispiel durch das Tragen von Einweghandschuhen bei der Zubereitung vermeiden, doch die generelle Verbreitung multiresistenter Erreger droht durch die Produktionsbedingungen in der Massentierhaltung weiter zu steigen.

Massentierhaltung begünstigt Verbreitung multiresistenter Erreger
Die Verbreitung multiresistenter Erreger wird bei der Massentierhaltung vor allem durch die sorglose Verwendung von Antibiotika begünstigt. Obwohl der Einsatz von Antibiotika als „Leistungsförderer“ in der Europäischen Union seit dem 01. Januar 2006 verboten, dass heißt, die Zufütterung von Antibiotika zur Ertragsmaximierung untersagt ist, wird den Vorwürfen verschiedener Tierschutzorganisationen zufolge Antibiotika in der Massentierhaltung immer noch häufig provisorisch an den gesamten Bestand ausgegeben. Oft erhalten unter dem Deckmantel der therapeutischen Notwendigkeit nicht nur die Kranken sondern auch die gesunden Tiere regelmäßig Antibiotika. Da neben den Tieren auch die Bakterien so ständig in Kontakt mit Antibiotika kommen, entwickeln sich resistente Erreger, die mit den herkömmlichen Antibiotika nicht mehr zu behandeln sind. Durch den dichten Besatz in den Ställen können die multiresistenten Erreger wie zum Beispiel MRSA anschließend leicht von Tier zu Tier überspringen und am Ende den ganzen Bestand belasten, erklärte der Veterinärmediziner Hermann Focke gegenüber „Panorama Nord“.

Experten befürchten Entstehung neuer multiresistenter Erreger
Da die multiresistenten Erreger beim Menschen lebensgefährliche Infektionen auslösen können, ist der sorglose Umgang mit Antibiotika in der Massentierhaltung laut Aussage der Experten besonders kritisch zu bewerten. So hat in der Vergangenheit bereits die teilweise unsachgemäße Verwendung von Antibiotika in der Humanmedizin für erhebliche Kritik aus der Fachwelt gesorgt, da das Auftreten multiresistenter Erreger in den Krankenhäusern und Kliniken hierdurch begünstigt werde. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene sieht in der unsachgemäßen Antibiotika-Verwendung die Hauptursache für das Auftreten der multiresistenten Keime in den Kliniken. Dass in der Massentierhaltung die Verbreitung multiresistenter Erreger offenbar einfach in Kauf genommen wird, ist für die Experten aus dem Bereich der Humanmedizin kaum zu verstehen. Denn sie haben die Sorge, dass die multiresistenten Keime aus der Massentierhaltung irgendwie in die Krankenhäuser und Kliniken eingeschleppt werden könnte und hier durch den Austausch mit den bereits vorhandenen sogenannten Krankenhauskeimen neue, besonders gefährliche Erreger entstehen. (fp)