Multiresistenter Darmkeim verbreitet sich ransant überall in Deutschland

Alfred Domke

Antibiotikaresistenzen: Multiresistenter Darmkeim auf dem Vormarsch

Escherichia coli-Bakterien können gefährliche Magen-Darm-Infektionen verursachen, die mitunter sogar tödlich enden. Forscher haben nun festgestellt, dass sich seit Jahren ein multiresistenter Stamm dieses Darmkeims in Deutschland rasant ausbreitet. Gefährlich kann er vor allem für geschwächte Patienten werden.

Bedrohung durch multiresistente Keime

Resistente Bakterienstämme stellen eine wachsende tödliche Bedrohung dar. Wenn das Problem nicht bald unter Kontrolle gebracht wird, droht laut Forschern ein Schreckensszenario. Einer älteren Studie der Berliner Charité zufolge könnte es bis 2050 rund zehn Millionen Tote durch multiresistente Keime geben. Wissenschaftler an der Universität Gießen haben nun einen Escherichia coli-Stamm gefunden, der gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig unempfindlich ist und sich hierzulande schon seit Jahren rasant ausbreitet.

Forscher der Uni Gießen haben einen Escherichia coli-Stamm gefunden, der gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig unempfindlich ist. Die gefährlichen Bakterien breiten sich in Deutschland schon seit Jahren aus. (Bild: jarun011/fotolia.com)

Schwer behandelbare Infektionen

Die Zunahme von Antibiotika-resistenten Bakterien führt besonders in Krankenhäusern zu schwer behandelbaren Infektionen. Häufiger Auslöser sind die multiresistenten Escherichia coli-Bakterien, die besondere Enzyme entwickelt haben, um die Antibiotika unwirksam zu machen.

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) an der Universität Gießen untersuchten diese Bakterien nun genauer und fanden einen Escherichia coli-Stamm, der sich seit 2010 in Deutschland rasant ausbreitet und gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig unempfindlich ist.

Im Fachmagazin „Emerging Infectious Diseases“ berichten die Experten über ihre Ergebnisse.

Erreger sind in Kliniken besonders gefürchtet

Wie das DZIF in einer Mitteilung erklärt, gehört Escherichia coli, kurz E. Coli genannt, zu den Gram-negativen Enterobakterien, die vor allem im menschlichen Darm zu Hause sind.

Einige Stämme können Infektionen auslösen, wenn sie in den übrigen Körper gelangen. Insbesondere bei geschwächten Patienten kann es zu Blutstrominfektionen, Wund- oder Harnwegsinfekten kommen.

Ihre Behandlung wird zunehmend schwerer, denn im Kampf gegen Antibiotika haben E. coli-Bakterien und andere Enterobakterien einen Abwehrmechanismus entwickelt:

Sie bilden Enzyme aus, die Antibiotika unwirksam machen können: die sog. Beta-Laktamasen mit erweitertem Spektrum (ESBL). Durch ihren Mechanismus werden die bakteriellen Erreger multiresistent und sind in Kliniken besonders gefürchtet.

Bakterium breitet sich weltweit aus

„Wir müssen besonders eine Untergruppe eines multiresistenten E. coli-Bakteriums im Blick behalten, die wir in unserer aktuellen Studie gefunden haben“, erklärt Prof. Trinad Chakraborty, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Justus-Liebig-Universität (JLU) in Gießen und Koordinator am DZIF-Standort Gießen-Marburg-Langen.

Diese Untergruppe breitet sich momentan weltweit aus und wurde nun auch in Deutschland gefunden.

Die Gießener Wissenschaftler untersuchten in ihrer Studie insgesamt fast 1.000 Isolate von ESBL-produzierenden Bakterien aus Mensch, Tier, Umwelt und Lebensmitteln.

Ihr Vorgehen ist dabei ganz im Sinn des One Health-Ansatzes, der nicht nur den Menschen, sondern auch seine Umwelt mit in die Untersuchungen einbezieht.

Dabei identifizierten sie gezielt die Gene für die Beta-Laktamasen und suchten nach einer Untergruppe, die in anderen Ländern bereits auf dem Vormarsch ist.

Für Millionen von Infektionen verantwortlich

Es handelt sich hierbei um einen multiresistenten E. coli-Stamm vom Sequenztyp 131 (ST131), der weltweit für Millionen von Infektionen verantwortlich ist, vor allem Blutstrominfektionen und Blasenentzündungen, und der ein relativ seltenes ESBL-Gen trägt, nämlich blaCTX-M-27.

Die Suche war erfolgreich: Die Forscher fanden E. coli ST131 CTX-M27 ausschließlich in menschlichen Isolaten und konnten nachweisen, dass seine Häufigkeit von 0 Prozent im Jahr 2009 auf 45 Prozent 2016 gestiegen ist.

„Damit macht dieser E. coli-Stamm mit seinem spezifischen ESBL-Gen einem E. coli ST131-Stamm Konkurrenz, der bisher in Deutschland am häufigsten nachgewiesen wurde und ein anderes ESBL-Gen trägt“, so Dr. Can Imirzalioglu, Wissenschaftler der Uni Gießen.

Hier sind weitere Studien notwendig, um die Ursachen und die klinische Bedeutung dieses Shifts zu untersuchen.

Dennoch zeigen die Ergebnisse, wie wichtig der Einsatz von modernen Verfahren wie der Genomsequenzierung ist, um solche Entwicklungen zu beobachten und notfalls schnell reagieren zu können. (ad)