Mutter verweigert krankem Kind Medikamente

Heilpraxisnet

Verwehrte „Sekten-Guru“ einem 12-jährigen Jungen die medizinische Versorgung?

17.07.2014

Weiterhin Aufregung um den sogenannten „Sekten-Guru“ aus dem mittelfränkischen Landkreis Erlangen-Höchstadt. Wie die Nachrichtenagentur „dpa“ berichtet, sollen die Mutter eines schwer kranken 12-jährigen Jungen sowie deren Lebensgefährte dem Kind jahrelang Medikamente und Arztbesuche verwehrt haben. Nun stehen die beiden vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth und müssen sich wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen verantworten.

Paar muss sich nun vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth verantworten
Hat eine Mutter aus dem mittelfränkischen Landkreis Erlangen-Höchstadt ihrem an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose leidenden Sohn bewusst die medizinische Versorgung verwehrt? Mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit das Landgericht Nürnberg-Fürth. Der Tatvorwurf: Die Frau und ihr Partner sollen dem damals zwölfjährigen Jungen im Zeitraum von November 1999 bis Dezember 2002 „die notwendige medizinische Versorgung vorenthalten haben“, so die Information des Oberlandesgerichts. Zudem stehe die Frau laut „dpa“ im Verdacht, ihrem Kind wiederholt nichts zu essen gegeben zu haben. Doch nicht nur das: Als 1999 eine ernsthafte Lungenkrankheit bei dem Jungen entdeckt wird, habe die Mutter eine weitere Behandlung abgelehnt. Mit weitreichenden Folgen, denn der Zustand des Kindes habe sich daraufhin massiv verschlechtert, sodass er zeitweise nur noch 28 Kilogramm gewogen habe.

12-jähiger sei selbst die treibende Kraft gewesen
Vorwürfe, die für die heute 48-Jährige und ihren 55 Jahre alten Partner scheinbar abwegig sind, denn laut den Beschuldigten sei das Kind zu keiner Zeit eingeschränkt gewesen, sondern habe immer frei über die Einnahme von Medikamenten, Arztbesuche und seine Ernährung entscheiden können, berichtet die dpa weiter: „Die Kinder hatten sämtliche Freiheiten zu entscheiden, was sie wirklich wollen.“ Vielmehr sei der 12-jähige nach Angaben der Mutter selbst die treibende Kraft gewesen, indem er selbst beschlossen habe, keinen Krankenversicherungsschutz mehr haben zu wollen.

Angeklagter bezeichnet sich als „Lehrer der zeitlosen Weisheit
Der 55-Jährige Lebensgefährte bestätigte die Ansicht seiner Partnerin, dass der Junge ausreichend versorgt gewesen sein soll. „Es waren immer genug Medikamente da", so der Mann, der sich laut Anklage als Lehrer der "Neuen Gruppe der Weltdiener" begreife und mit seinen religiösen Anschauungen Einfluss auf das Familienleben ausgeübt habe. Dies entspräche jedoch dem Angeklagten nach nicht der Wahrheit, denn seine Familie gehöre keinesfalls zu den "Weltdienern", stattdessen hätte er sich „allerhöchstens als Lehrer der zeitlosen Weisheit bezeichnet.“

Junge erlebt zu Hause „die Hölle“
Laut dpa habe es aus Sicht des heute 27-jährigen Sohns jedoch keine ausreichende Versorgung gegeben: „Uns wurde gesagt, dass wir die Medikamente nicht mehr brauchen", so seine Ausführung gegenüber dem Richter. Darüber hinaus habe der Partner seiner Mutter prophezeit, dass er mit 17 oder 18 Jahren gesunden würden, sofern er „alles mitmache und meditiere“ – Medikamente habe es ab da an gar nicht mehr gegeben. Der Junge habe dies damals nach eigenen Angaben geglaubt und war den Anweisungen des „Gurus“ gefolgt, da ihm und den Geschwistern suggeriert worden wäre: „Wenn man nicht mitmacht, hat man nicht das Glück, was man halt braucht." In der Folge sei durch seine Erkrankung oft körperlich sehr erschöpft und kraftlos gewesen. "Ich war sofort außer Atem und hatte ständig Kopfschmerzen.“ Mit 15 Jahren war der Junge schließlich zu seinem leiblichen Vater gezogen, denn er habe es irgendwann nicht mehr ausgehalten: „Es war für mich die Hölle“.

Etwa 8000 bis 10.000 Kinder und junge Erwachsene leiden hierzulande an Mukoviszidose
Mukoviszidose (cystische Fibrose) ist bei jungen Menschen kein Einzelfall – etwa 8000 bis 10.000 Kinder und junge Erwachsene leiden hierzulande an der erblichen Stoffwechselerkrankung, deren Ursache – ein genetischer Defekt – bislang leider nicht heilbar ist. Kennzeichnend für Mukoviszidose ist eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit der schleimbildenden Drüsen im Körper, wodurch sich ein sehr zäher Schleim bildet, der insbesondere die Lungenfunktion, aber auch die Verdauungsorgane betrifft und dadurch zu Beschwerden wie beispielsweise Luftnot, Atemwegsinfektionen, Durchfall und Fettstuhl führt. Dementsprechend wichtig ist es, die Symptome zu behandeln, gerade weil die meisten Komplikationen infolge der Auswirkungen der Erkrankung auf die Lunge entstehen. Daher ist es beispielsweise unverzichtbar, Atemwegsinfektionen mithilfe von Antibiotika zu behandeln oder die Atmung durch die Gabe schleimlösender Medikamente (Mukolytika) zu erleichtern. (nr)

Bild: Michael Grabscheit / pixelio.de