Nicht jeder Zeckenstich verursacht Borreliose

Astrid Goldmayer

Experten klären über Irrtümer bei Borreliose auf

25.04.2014

Zum Thema Borreliose und Zeckenstiche kursieren viele Gerüchte. So bestehen unter Laien häufig Unsicherheiten darüber, ob nach jedem Zeckenstich ein Arztbesuch nötig ist und wie lange eine Antibiotika-Behandlung dauern sollte. Auch die ersten Anzeichen für Borreliose sind vielen Menschen nicht bekannt. Zwei Experten klären im Gespräch mit „Spiegel Online“ die wichtigsten Fragen und decken Irrtümer auf.

Wanderröte nach Zeckenstich weist zweifelsfrei auf Borreliose hin
Vielerorts sind Zecken bereits seit März wieder aktiv. Sie lauern in Büschen, Sträuchern, im Unterholz und auf der Wiese, wo sie auf ihren nächsten Wirt warten. Normalerweise ist ein Zeckenbiss nicht gefährlich. Die Tiere saugen lediglich Blut, gleichzeitig können aber auch Erreger von den Tiere auf den Menschen übertragen werden. In Deutschland erfolgen Infektionen mit sogenannten Borrelien meist durch den gemeinen Holzbock. Diese Erreger verursachen die sogenannte Lyme-Borreliose. Das bekannteste und auffälligste Symptom dieser Erkrankung ist die Wanderröte. „Sie tritt aber nur in etwa 70 bis 90 Prozent der Fälle auf. Ist sie zu sehen, kann gleich mit Antibiotika behandelt werden. Ansonsten kann man gegebenenfalls eine Antikörperuntersuchung durchführen und den Verlauf verfolgen“, berichtet Volker Fingerle vom Nationalen Referenzzentrum für Borrelien in Oberschleißheim gegenüber dem Magazin. Die Wanderröte sei „das einzige Symptom, das zweifelsfrei eine Borrelieninfektion anzeigt“. Doch nicht für jede Hautrötung ist ein Zeckenbiss verantwortlich. Dennoch sollten Betroffene nach einem Kontakt mit einer Zecken besonders aufmerksam sein.

Grippeartige Symptome sind keine charakteristischen Beschwerden bei Borreliose
Viele Menschen glauben, das grippeartige Symptome nach einen Zeckenbiss auf Borreliose hinweisen und dringend eine Behandlung mit Antibiotika erfordern. Fingerle gibt jedoch Entwarnung. „Grippeartige Symptome wie Abgeschlagenheit und Fieber sind keine charakteristischen Beschwerden. Tritt auch eine Bronchitis auf, dann spricht das für einen grippalen Infekt", erläutert der Borreliose-Experte. Ebenso gehöre die Annahme, dass Menschen, die bereits einmal mit Borrelien infiziert waren, immun gegen weitere Infektionen mit den Erregern seien, zu den Irrtümern über Borreliose. Man könne sich Finglere zufolge mehrfach anstecken und sogar gleichzeitig mehrere Erkrankungsstadien durchmachen. Treten nach einer Behandlung weiterhin Symptome auf, sollte die Antibiotikabehandlung aber nicht weiter fortgesetzt werden. „Dann sollte die Diagnose in Frage gestellt werden und man sollte auch nach anderen Erklärungen suchen. Gegebenenfalls kann man eine erneute Therapie beginnen – nach Sicherung der Diagnose – und ein anderes Antibiotikum einsetzen", rät Fingerle.

Hans-Walter Pfister von der Neurologischen Klinik am Klinikum Großhadern (LMU München) zufolge beinhalteten die Leitlinien nach einem Zeckenstich weder eine routinemäßige präventive Antibiotikaversorgung noch eine routinemäßige Blutuntersuchung. „Wichtig ist, die Patienten gut zu beraten und ihnen zu sagen, auf welche möglichen Symptome sie in den folgenden Wochen achten müssen. Bei Auftreten entsprechender Symptome wie etwa der Wanderröte oder Nervenwurzelschmerzen müssen sie sich umgehend in ärztliche Behandlung begeben", erläutert der Neurologe gegenüber dem Magazin.

Borrelien-Antikörper-Test weist auf Borrelieninfektion – auch aus der Vergangenheit – hin
Unsicherheit besteht unter Laien häufig auch beim sogenannten Borrelien-Antikörper-Test. „Streng genommen, sagt ein positiver Antikörper-Test nur, dass irgendwann in der Vergangenheit eine Borrelieninfektion abgelaufen sein muss. Es ist damit nur der erfolgte Kontakt mit Borrelien, aber nicht der Zeitpunkt feststellbar. Ein positiver Antikörpertest belegt noch keine Borrelien-Erkrankung", so Pfister. Wenn der Test nach einer Antibiotika-Therapie immer noch positiv sei, bedeute das für den Patienten nicht, dass erneute Medikamente eingenommen werden müssten. „Durch das Antibiotikum werden die Borrelien abgetötet und die Bestandteile der Borrelien, die jetzt frei werden, stimulieren die Antikörper-produzierenden Zellen und sorgen dafür, dass der Antikörpertest positiv ausfällt. Die Werte können dann sogar noch ansteigen. Patienten, deren Immunantwort sehr stark ausfällt, haben oftmals noch Jahrzehnte später einen positiven Antikörpertest. Das kann allerdings auch zum Problem werden, weil bei akuten Symptomen unklar ist, ob der erhöhte Antikörperspiegel die Folge einer erneuten Borrelieninfektion ist", erklärt Fingerle.

Ärzte unterscheiden drei chronische Borreliose-Erkrankungen: Lyme-Arthritis, die Neuroborreliose und die Acrodermatitis
Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten, Muskel- und Gelenkschmerzen, Müdigkeit und Kopfschmerzen in Verbindung mit einem positiven Borrelien-Antikörper-Test weisen nicht zwangsläufig auf eine chronische Boreliose hin. „Man kann von diesen Symptomen keine chronische Borreliose ableiten. Es gibt drei gesicherte chronische Borrelien-Erkrankungen: die Lyme-Arthritis, die Neuroborreliose und die Acrodermatitis. Daneben wird seit mehreren Jahren von einigen wenigen Ärzten bei Patienten, die die oben genannten unspezifischen Symptome zeigen, die Diagnose "chronische Borreliose" gestellt. Diese Vorgehensweise entbehrt allerdings einer wissenschaftlichen Grundlage. Die mitunter empfohlene monate- oder gar jahrelange Antibiotikaeinnahme kann aufgrund der Nebenwirkungen für den Patienten gefährlich werden", so Pfister. Falsch sei auch, dass eine Neuroborreliose schwer von anderen Erkrankungen abgrenzbar sei. „Wir untersuchen das Nervenwasser und können damit feststellen, ob eine Entzündung vorliegt. Die Bestimmung der Borrelien-Antikörper und der Vergleich der Antikörper in Blut und Nervenwasser erlaubt dann eine eindeutige Diagnose", erläutert Pfister. (ag)

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