102-jährige Medizinerin erhält erst jetzt ihren Doktortitel

Sebastian
Die 102-jährige Medizinerin Ingeborg Syllm-Rapoport hat 77 Jahre nach Einreichen ihrer Dissertation endlich ihren Doktortitel erhalten. Die Nazis verwehrten ihr damals die Verteidigung, da sie als „Halbjüdin“ galt. Sie dürfte nun die älteste Doktorandin der Welt sein.

102-jährige Kinderärztin erhält Doktortitel
Am Dienstag soll die Kinderärztin Ingeborg Syllm-Rapoport in Hamburg ihre Promotionsurkunde erhalten. Und das im Alter von 102 Jahren! Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, war ihr die Zulassung zur mündlichen Prüfung einst wegen ihrer jüdischen Abstammung von den nationalsozialistischen Hochschulbehörden verwehrt worden. Syllm-Rapoport hatte von 1937 bis 1938 am Israelitischen Krankenhaus Hamburg als Assistenzärztin gearbeitet und ihre Doktorarbeit geschrieben. Vor Professoren des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) legte sie nun – 77 Jahre nach dem Einreichen ihrer Dissertationsschrift über Diphtherie – im Mai ihre mündliche Doktorprüfung erfolgreich ab.

Späte Doktorwürde für Ärztin (Bild: fotomek/fotolia)
Späte Doktorwürde für Ärztin (Bild: fotomek/fotolia)

Doktorandin galt als „Halbjüdin“
Ihr damaliger Doktorvater, Professor Rudolf Degkwitz, wurde später wegen seines Widerstandes gegen die Kinder-Euthanasie vom Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. 1938 bescheinigte er ihr, „dass diese Arbeit von mir als Doktorarbeit angenommen worden wäre, wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten“. In einem Interview mit der „taz“ erklärte Frau Syllm-Rapoport: „Das Thema hat er angenommen, ich führte die Experimente durch und gab die Arbeit ab. Er akzeptierte sie als Doktorarbeit, konnte mich aber nicht zur mündlichen Prüfung einladen, weil ich als „Halbjüdin“ galt.“

Aufarbeitung der dunkelsten Seiten deutscher Geschichte
Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, paukte die Doktorandin für die mündliche Prüfung mit Hilfe von Angehörigen und Freunden. Sie könne aufgrund ihrer Sehschwäche weder einen Computer nutzen noch Bücher lesen. Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Uwe Koch-Gromus, sagte nach der 45-minütigen Prüfung: „Nicht nur unter Berücksichtigung ihres hohen Alters war sie einfach brillant.“ Er erklärte zudem, dass das UKE mit der nachgeholten Verleihung des Doktortitels zur Aufarbeitung der dunkelsten Seiten deutscher Geschichte an den Universitäten und Hochschulen beitragen möchte. Allerdings könne geschehenes Unrecht nicht wieder gut gemacht werden. Bei einer Feierstunde soll die Promotionsurkunde übergeben werden. Frau Syllm-Rapoport darf sich dann „Prof. Dr. Dr.“ nennen.

Erster Doktortitel in den USA
Die Tochter eines Kaufmanns und einer Pianistin emigrierte 1938 in die USA, machte dort ihren ersten Doktor und lernte ihren Mann Samuel Mitja Rapoport kennen, ebenfalls Mediziner und Biochemiker. Das Paar engagierte sich in der Kommunistischen Partei. Samuel Rapoport hatte nach dem 2. Weltkrieg vom US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman eine Auszeichnung für seine Forschung zur Konservierung von Blut verliehen bekommen. Nachdem ihm in den 1950er-Jahren eine Vorladung wegen seiner kommunistischen Aktivitäten drohte, kehrte Rapoport von einem Auslandsaufenthalt nicht mehr in die Vereinigten Staaten zurück. 1952 zogen er und seine Frau nach Ost-Berlin, wo sie an der Charité arbeiteten.

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Älteste Doktorandin der Welt
Im Jahr 1958 habilitierte Syllm-Rapoport und wurde im Jahr darauf Dozentin an der Charité-Kinderklinik. Schließlich wurde sie 1968 zur ordentlichen Professorin berufen. Sie baute die Abteilung für Neonatologie (Neugeborenenheilkunde) an der Charité auf und erhielt 1984 den Nationalpreis der DDR. Nun dürfte Syllm-Rapoport die älteste Doktorandin der Welt sein. Bislang galt der Medizinprofessor Heinz Wenderoth aus Elsfleth bei Bremen als der älteste Mensch, der je eine Doktorprüfung abgelegt hat. Er hatte im Alter von 97 Jahren über Zellbiologie in Hannover promoviert. Als älteste Doktorandin galt Rosemarie Achenbach, die mit 90 Jahren an der Universität Siegen promovierte. Die Uni Siegen hatte die alten Scheine der Ludwig-Maximilians-Universität München nach rund 60 Jahren noch anerkannt. Das Thema ihrer Dissertation: „Die Philosophie des Todes“. (ad)