Neue Behandlungsmethode gegen Alzheimer?

Sebastian

Neue Behandlungsmethode gegen Alzheimer? Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen entwickelten einen neuartigen Impfstoff, der zwar Alzheimer nicht heilen, aber stoppen könnte.

(07.11.2010) Forschern ist es erstmals gelungen einen bei Mäusen wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Für die rund 35 Millionen Menschen weltweit könnte die Forschungsergebnisse neue Hoffnungen auf eine effektive Therapie wecken. Wie die Forscher betonen, könnten die Ergebnisse dazu verhelfen, in ein paar Jahren auch für Menschen einen Impfstoff zu entwickeln. Zwar könne Alzheimer dadurch nicht geheilt, aber zu mindestens gestoppt werden. Ärzte warnen jedoch davor, trotz der positiven Ergebnisse in „Euphorie“ zu verfallen. Zu oft wurden bereits Erwartungen und Hoffnungen von Patienten in die Alzheimer-Forscher in den letzten zehn Jahren enttäuscht.

Alzheimer ein organisches Krankheitsbild
Die Alzheimer-Krankheit ist eine organische Krankheit im menschlichen Gehirn. Alzheimer ist dadurch gekennzeichnet, dass Nervenzellen und Nervenkontaktzellen langsam, aber fortschreitend absterben. Im Gehirn von Alzheimer-Patienten stellen Mediziner beim Diagnoseverfahren für die Erkrankung typische Eiweißablagerungen fest. Diese werden in der Fachwelt als „Amyloid-Plaques“ bezeichnet. Bislang ist allerdings noch ungeklärt, ob diese Plaques Auslöser oder nur ein typisches Symptom sind. In dieser Frage besteht unter Wissenschaftlern noch keine Einigung. Erstmals entdeckt und erforscht wurde die Erkrankung durch den Neurologen Dr. Alois Alzheimer. Dieser hatte erstmals im Jahre 1906 die Krankheit wissenschaftlich untersucht und beschrieben. Nach ihm wurde das Krankheitsbild benannt.

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Symptome der Erkrankung
Sichtbare Symptome von Alzheimer sind Gedächtnis- und Orientierungsstörungen sowie eine fortschreitende Abnahme des Denkvermögens. Komplexe Einordnungen und Denkprozesse werden für den Patienten immer schwieriger. Für die Betroffenen werden Alltagsaufgaben zunehmend unlösbarer, im Endstation werden die Patienten zum regelrechten Pflegefall. Da Alzheimer-Kranke keine homogene Gruppe sind, sind die Anforderungen für medizinische Betreuung, Pflege und Fürsorge oft sehr differenziert. Denn vorige Kompetenzen und Defiziten spielen auch im Verlauf der Krankheit eine gewichtige Rolle. Alzheimer betrifft mittlerweile nicht nur ältere Patienten. Ein erstes Auftreten der Erkrankung wurde bereits bei 50 Jährigen beobachtet.

Tatsächliche Entstehung von Alzheimer noch ungelöst
Da bislang ungeklärt ist, wie Alzheimer tatsächlich entsteht, bestehen auch unterschiedliche Forschungsansätze. Die häufigste Annahme ist, dass sich durch Eiweißablagerungen sogenannte Plaques im Gehirn bilden die für die Zunahme der Zerstörungen von Nervenzellen und Synapsen sorgen. Doch Forscher der Universität Göttingen bezweifeln schon seit längerer Zeit, dass tatsächlich diese Ablagerungen hierfür verantwortlich sind. Vielmehr könnte eine spezielle Molekülstruktur im Gehirn für den Ausbruch von Alzheimer verantwortlich sein. So hat der Forscher und Neurologe Prof. Dr. Thomas Bayer von der klinischen Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen anhand vorangegangener Studien bereits die Prognose gezogen, dass Plaques gar nicht als Auslöser in Betracht gezogen werden können. Vielmehr seien sie ein Anzeichen von Alzheimer, aber kein Ursprung. Aus diesem Grund gingen die Forschungsarbeiten der Wissenschaftler auch in eine ganz andere Richtung.

Vielmehr, so die Annahme, seien spezielle Molekül-Strukturen im Gehirn für die Entstehung von Alzheimer verantwortlich. Durch diese Struktur wird ein Eiweiß namens "Pyroglutamat-Abeta" produziert. Dieses Eiweiß bedingt eine Bildung von sogenannten "Oligomeren", die miteinander verklumpen und sich an den Nervenzellen und Blutgefäßen festsetzen. Durch diesen negativen Prozess wird das Hirn nach und nach geschädigt.

Göttinger Alzheimer Forschungsansätze gehen in einer andere Richtung
Das Hauptaugenmerk der Forscher war es nun, die Bildung von sogenannten "Oligomeren" genauer zu untersuchen. Denn Versuche Einweißablagerungen aufzulösen, waren bislang fehl geschlagen. Denn ältere Studien hatten immer wieder gezeigt, dass eine Zerstörung der Plaques mit schwerwiegenden Folgen behaftet waren. Der Neurologe Prof. Bayer erklärte diesen Umstand damit, dass diese Eiweißablagerungen anscheinend eine Art Mülldeponie für giftige Eiweiße sind. Aus diesem Grund sollten diese Ablagerungen auch unangetastet bleiben, um das Gehirn vor noch größeren Schäden zu bewahren. Auch die Menge der Eiweißablagerungen könne keinen Aufschluss darüber geben, inwieweit die Alzheimer-Krankheit fortgeschritten ist. Studienergebnisse hätten belegt, dass die Menge nicht entscheidend darüber ist, wie fortgeschritten der Verlust der kognitiven Fähigkeiten ist. Probanden, die über eine hohe Konzentration von Einweißablagerungen verfügten, waren dennoch in der Lage vergleichsweise komplexe Aufgaben zu lösen. Andere wiederum zeigten starke Einschränkungen, obwohl die Anzahl der Plaques eher geringer waren.

Neubildung von giftigen Einweißablagerungen mit einer passiven Impfung stoppen
Um einen anderen Forschungsstrang zu verfolgen, haben sich die Forscher darauf konzentriert, die Neubildung von toxikologischen Einweißablagerungen zu verhindern. Die Göttinger Wissenschaftler entwickelten Antikörper, um die benannten „Oligomere“ zu eliminieren. Bei einem Versuchsaufbau wurden Nagern entsprechende Injektion von Antikörpern verabreicht. "Diese Antikörper sind weltweit die ersten, die eine lösliche, besonders toxische Abeta-Variante erkennen. Anders als die bisherigen Antikörper, die für Immunisierungen benutzt wurden, binden sie vor allem nicht an Plaques", erläuterte Prof. Bayer.
Durch die Injektion konnten die gefährlichen „Oligomere“ gestoppt werden. Zwar konnte Alzheimer durch die Impfung bei Mäusen nicht geheilt werden, allerdings eine Fortschreiten gestoppt werden. So kommentierte der Studienleiter Bayer die Ergebnisse: "Mit dieser Form der passiven Impfung können wir vermutlich keine Heilung erreichen, aber unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Antikörper offenbar das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit stoppen". Schon in zwei Jahren soll es nach Angaben möglich sein, erste Studien auch am Menschen zu vollziehen. Denn die Ergebnisse der Studie könnte auch auf den Menschen übertragen werden, so die Forscher in dem medizinischen Wissenschaftsmagazin "Journal of Biological Chemistry".

Verhaltene Hoffnungen trotz guter Ergebnisse
Bis tatsächlich ein wirksamer Impfstoff entwickelt werden kann, bedürfe es sicherlich noch einige Jahre mehr. Auch ist bislang nicht geklärt, ob die Ergebnisse in die richtige Richtung führen. Vor einer regelrechten Euphorie in den Medienblättern warnt aus diesem Grund auch die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charite Berlin. Denn zahlreiche andere Studienergebnisse hätten den Angehörigen und Betroffenen immer wieder Mut gemacht, letztendlich wurden sie aber immer wieder enttäuscht. "Nach all den Enttäuschungen, die nicht allein wir Ärzte, sondern auch die Betroffenen in den letzten zehn Jahren zu verkraften hatten, muss man jetzt erst einmal zurückhaltend sein." so Dr. Isabella Heuser. Allerdings seien die Forschungsansätze ein interessanter Vorstoß, auch wenn es bislang noch keine Hoffnung auf Heilung gebe. Vorbeugung ist demnach noch immer die beste Variante. Regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung können nachgewiesen das Alzheimer-Risiko mindern. (sb)