Neue Risiko-Gene für Multiple Sklerose entdeckt

Fabian Peters

Fortschritt bei Erklärung der Multiplen Sklerose

11.08.2011

Neue genetische Risikofaktoren für Multiple Sklerose (MS) entdeckt. Wissenschaftler konnten im Rahmen einer umfassenden internationalen Studie mehrere genetische Variationen nachweisen, die das Auftreten der Nervenerkrankung begünstigen. Die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichten Studienergebnisse bestätigen nach Ansicht der Forscher die Einstufung der MS als Autoimmunreaktion.

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Ein internationales Forscherteam unter Leitung der University of Cambridge und der University of Oxford hat im Rahmen einer groß angelegten Studie die Erbanlagen von rund 9.700 MS-Patienten mit denen von 17.400 gesunden Probanden der Kontrollgruppe verglichen und dabei 29 neue genetische Risikofaktoren für Multiple Sklerose entdeckt. Ein Großteil der identifizierten Gene steht im Zusammenhang mit der Immunität, was die Forscher zu der Überzeugung bringt, dass MS durch eine Autoimmunreaktion, bei der das Immunsystem sich gegen sich selbst richtet, verursacht wird.

29 neue genetische MS-Risikofaktoren entdeckt
Im Rahmen der aktuellen Untersuchung haben die Forscher die Daten von über 27.000 Probanden aus 15 Staaten ausgewertet und deren Erbanlagen genau unter die Lupe genommen. So konnten die Wissenschaftler 29 neue Genvariationen identifizieren, die bei der Entstehung von MS eine wesentliche Rolle spielen. Insgesamt seien nun mehr als 50 genetische Risikofaktoren für MS bekannt, berichten Alistair Compston von der University of Cambridge und Kollegen. Laut Aussage des Experten haben 80 Prozent der Gene, die bei MS eine Rolle spielen, einen immunologischen Hintergrund, was den Schluss nahe legt, „dass es sich um eine Immunerkrankung handelt“. Alistair Compston zufolge ist „diese Bestätigung von großer Bedeutung“. Auch Professor Bernhard Hemmer vom Kompetenznetz Multiple Sklerose erklärte, die Studie unterstütze die These, „dass der multiplen Sklerose eine Autoimmunreaktion zugrunde liegt“.

Multiple Sklerose als Autoimmunreaktion des Organismus
Die in Schüben verlaufende chronische entzündliche Nervenerkrankung Multiple Sklerose wird nach Ansicht der Wissenschaftler von körpereigenen Abwehrzellen ausgelöst, die die schützenden Myelinscheiden um die Nerven im Rückenmark und Gehirn schädigen. Die aktuellen Studienergebnisse hätten diesen Standpunkt bestätigt, da ein Großteil der neu entdeckten genetischen Risikofaktoren im Zusammenhang mit dem Immunsystem stehe, schreiben Compston und Kollegen. Bereits seit längerem war bekannt, dass die erbliche Veranlagung bei MS eine wesentliche Rolle spielt. Doch welche Wirkungszusammenhänge zwischen den genetischen Risikofaktoren und den MS-Symptomen wie Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühl, Schwindel oder Sehstörungen bestehen, bliebt bisher unklar. Der Verdacht auf einen Autoimmunreaktion war jedoch Anlass für den vermehrten Einsatz von therapeutischen Maßnahmen zur Beeinflussung des Immunsystems. Die nun – durch die neu entdeckten Risikogene – bestätigte Einstufung der MS als Immunerkrankung spricht nach Ansicht von Professor Hemmer dafür, dass diese „therapeutischen Ansätze verstärkt werden müssen,“ um die Autoimmunreaktion in den Griff zu bekommen.

Den Ursachen von MS auf der Spur
Neben den genetischen Risikofaktoren können laut Aussage der Experten auch Infektionen wie zum Beispiel durch Humane Herpesviren oder bakterielle Erreger das Auftreten der Multiplen Sklerose bedingen. Insgesamt zählt MS den Angaben der Gesundheitsbehörden zufolge in Europa zu den häufigsten chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, wobei Männer deutlich seltener betroffen sind als Frauen. Experten schätzen, dass in Deutschland derzeit bis zu 138.000 MS-Patienten leben, weltweit seien rund zweieinhalb Millionen Menschen betroffen. Da die Ursachen der Erkrankung bis heute nicht abschließend geklärt sind, widmen sich zahlreiche Initiativen weltweit intensiv der MS-Forschung. So wurde die aktuelle Studie zum Beispiel vom „International Multiple Sclerose Genetics Consortium“ und dem „Wellcome Trust Case Control Consortium“ initiiert. (fp)