Neue Sehkraft für Blinde dank Netzhaut-Chip

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Neuer Netzhaut-Chip Hoffnung für Blinde

Neue Sehkraft für Blinde dank implantiertem Netzhaut-Chip: Der neue Chip lässt Blinde sehen
Ein elektronischer Chip unter der Netzhaut lässt Blinde wieder sehen. Tübinger Forscher um den Spezialisten Eberhart Zrenner haben in einer Pilotstudie drei blinden Patienten einen Photodiodenchip unter die Netzhaut transplantiert. Der Mikrochip ersetzt zerstörte Sinneszellen, so dass alle drei Studienteilnehmer wieder Licht in bestimmten Formen und Mustern wahrnehmen konnten.

Mikrochip unter der Netzhaut
Bereits seit 15 Jahren forschen die Wissenschaftler der Universität Tübingen an einem Netzhautimplantat, dass Blinden ihr Augenlicht zurückgibt. Das jetzt in der Pilotstudie erstmals am Menschen getestete Verfahren, werteten sie bei der Veröffentlichung der Ergebnisse im Fachmagazin „Proceedings oft the Royal Society B“ als vollen Erfolg. Mit Hilfe des unter die Netzhaut implantierten Mikrochips konnten die blinden Studienteilnehmer Lichtimpulse wahrnehmen und so die verschiedene Gegenstände auf einem Tisch erkennen.

Blinder Patient konnte seinen Namen lesen
Bei dem finnischen Patienten Miikka wurde der Mikrochip direkt unter dem „gelben Fleck“, dem Bereich der menschlichen Netzhaut mit der größten Dichte von Sehzellen, eingesetzt und zeigt hier den größten Erfolg. Er konnte nicht nur einfache Gegenstände wie zum Beispiel Äpfel, Bananen, Gabeln und Löffel auf einem Tisch lokalisieren, von einander unterscheiden und beschreiben, sondern war außerdem mühelos dazu in der Lage, sich in einem Raum zu orientieren, konnte sieben verschiedenen Grautöne unterscheiden, das Ziffernblatt einer Uhr ablesen, 16 Buchstaben erkennen und seinen eigenen Namen lesen. Dies ist aus Sicht der Mediziner ein enormer Erfolg, denn Miikka leidet an der Erbkrankheit Retinitis pigmentosa durch die Stäbchen und Zapfen auf der Netzhaut absterben und eine Netzhautdegeneration ausgelöst wird. Im Endstadium der Erkrankung erblinden die Patienten vollkommen.

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Erbkrankheit Retinitis pigmentosa
Nach Schätzungen der Experten sind weltweit rund 3 Millionen Menschen von einer Retinitis pigmentosa betroffen. In Deutschland leiden nach Angaben des Berufsverbands der Augenärzte 30.000 bis 40.000 unter der erblichen Netzhauterkrankung. Die ersten Symptome treten meist schon im Jugendalter oder in den mittleren Jahren auf und das Sehvermögen verschlechtert sich schleichend, teilweise im Laufe von Jahrzehnten, immer mehr, bis die Betroffenen vollkommen erblinden. Elf Prozent aller Blinden leiden an der Erbkrankheit Retinitis pigmentosa. Heilungsmöglichkeiten bestehen bislang nicht, doch das jetzt getestete Verfahren mit dem implantierten Mikrochip weckt Hoffnung.

Netzhaut-Chip erzeugt 1.500 Bildpunkte
So versuchen die Tübinger Forscher, die zerstörten Zellen durch Technik zu ersetzen. Der drei mal drei Millimeter große und hauchdünne elektronische Chip wird direkt hinter der Netzhaut eingepflanzt, übernimmt die Funktion der Zapfen und Stäbchen und wandelt auf der Netzhaut des Auges eintreffendes Licht in elektrische Impulse um, die durch den Chip als Reize auf der Netzhaut verstärkt werden. Die Stromversorgung erfolgt dabei über eine hinter dem Ohr befindliche Batterie, die durch ein unter der Haut entlanglaufendes dünnes Kabel mit dem Chip verbunden ist. Der Mikrochip selber besteht aus 1.500 Fotodioden, die bei Lichtimpulsen mit Hilfe eines elektrischen Verstärkers 1.500 Bildpunkt auf der Netzhaut erzeugen, welche anschließend wie beim gesunden Auge vom Sehnerv ins Sehzentrum des Gehirns übermittelt werden.

Der Chip übernahm die Funktion der abgestorbenen Zapfen und Stächen so gut, dass „die Patienten (…) Sonnenblumen, Kondensstreifen am Himmel, die Zähne der Freundin, wenn sie lächelte“ erkennen konnten, betonte der Studienleiter Eberhart Zrenner gegenüber „FOCUS Online“. Da die Grundlagen zur Verarbeitung der Informationen des Sehnervs im Gehirn jedoch bereits vorhanden sein muss, ist der Mikrochip nur für Patienten geeignet, die früher einmal sehen konnten. Wer von Geburt an blind ist, dem hilft auch das neue Verfahren nicht.

"Follow-up-Studie" gestartet: Zulassung eventuell schon 2011
Insgesamt wurden bislang bereits elf Chiptransplantationen dieser Art von den Experten um Eberhart Zrenner durchgeführt. Wobei der Chip bisher stets nach drei Monaten Laufzeit wieder entfernt wurde, da dieser nicht für den Dauerbetrieb ausgelegt war und eventuelle Langzeitfolgen befürchtet wurden. Seit Mai 2010 läuft jedoch eine europaweite Follow-up-Studie mit einem überarbeiteten System, das komplett unter der Haut liegt und bereits vier Patienten implantiert wurde. Die Betroffenen sollen das Gerät mindestens zwei Jahre, im besten Fall auf unbegrenzte Zeit tragen. 25 Patienten sollen im Rahmen der Follow-up-Studie untersucht werden, wobei Walter Wrobel, Vorstandsvorsitzender der Firma „Retina Implant“, welche das Implantat herstellt, davon ausgeht, dass die Ergebnisse bis 2011 vorliegen und eine Zulassung des Verfahrens gegen Ende des Jahres 2011 erreichbar ist.

70.000 – 80.000 Euro Behandlungskosten
Um den langfristigen Erfolg der Netzhautchip-Transplantation beurteilen zu können, beobachten und untersuchen die Forscher auch in Zukunft alle bereits erfolgreich behandelten Patienten. Denn das neue Mikrochip-Verfahren könnte nach Ansicht der Experten auch bei anderen Augenerkrankungen wie der Chorioideremie und der Zapfen-Stäbchen-Dystrophie helfen. „Wir können zeigen, dass die Sehfunktionen bei Menschen mit einer Netzhautzerstörung so weit wiederhergestellt werden können, wie es notwendig für das alltägliche Leben ist", betonte Zrenner. Bleibt abschließend nur die Frage nach den Kosten einer derartigen Behandlung. Diese werden von Walter Wrobel mit 70.000 bis 80.000 Euro angegeben, wobei solche Behandlungskosten für die meisten aus eigener Tasche kaum bezahlbar sein werden und bisher nicht geklärt ist, ob die Krankenkassen diese übernehmen. So stimmt der Satz des „Retina Implant“-Vorstandsvorsitzenden: „Jedes Jahr erblinden in Deutschland 2000 Menschen, denen das Implantat helfen könnte“, nur bedingt, solange die Krankenkassen sich nicht klar zu einer Kostenübernahme bekennen. (fp, 03.11.2010)