Neue Therapien helfen heute bei Rheuma

Alfred Domke

Arthritis-Therapie: Viel Sport und Heilmittel: Rheuma ist heute besser behandelbar

12.10.2013

Es gibt zwar keine belegten Zahlen, wie viele Personen hierzulande an Rheuma leiden, aber laut der Deutschen Rheuma-Liga sind es etwa neun Millionen Menschen, die von einer rheumatischen Erkrankung betroffen sind. Am heutigen Samstag findet der Welt-Rheuma-Tag statt.

Neun Millionen Deutsche leiden an Rheuma
In Deutschland leiden rund neun Millionen Menschen an Rheuma. Mediziner fassen je nach Definition unter diesem Oberbegriff zwischen 200 und 400 Erkrankungen zusammen, die zum Teil ähnlich, oft aber auch sehr unterschiedlich in Erscheinung treten. Auch die rheumatoide Arthritis oder chronische Polyarthritis gehören dazu. „Die rheumatoide Arthritis kennzeichnen einige charakteristische Symptome“, so die Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga, Erika Gromnica-Ihle. „Schmerzhafte Schwellungen an mindestens drei Gelenken, zu Beginn meist an Finger-, Zehen- oder Handgelenken, die länger als sechs Wochen anhalten und mit mehr als 60 Minuten dauernder Steifigkeit am Morgen verbunden sind.“ Der Arthritis liegt eine chronische Entzündung zugrunde, im Unterschied zur Arthrose, bei der es aufgrund von Fehl- und Überbelastung zu einem schmerzhaften Gelenkverschleiß kommt.

Bislang keine Heilung möglich
Da die Entzündung auf ein übermäßig aktives Immunsystem zurückgeht, gehört Rheuma zu den Autoimmunerkrankungen. In vielen Bereichen ist bislang unbekannt, warum manche Menschen Rheuma bekommen und andere nicht. Genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle und Frauen sind etwa dreimal so oft betroffen wie Männer, häufig im Alter zwischen 50 und 60 Jahren. Es sind jedoch auch etwa 15.000 Kinder unter 16 Jahren in Deutschland betroffen. Eine Heilung gibt es bislang nicht, aber Therapien, die sich auf Linderung und Schadensbegrenzung, etwa bei den Gelenkentzündungen, konzentrieren.

Drei Grundsätze der Therapie
Die Rheumaforschung kennt mittlerweile die molekularen Abläufe und das Entzündungsgeschehen ziemlich genau und dadurch können modernere Behandlungsmethoden der rheumatoiden Arthritis direkt in dieses Geschehen eingreifen und das Fortschreiten der Krankheit hemmen. Frühere Medikamente hatten die Gelenke oft mit beruhigenden Wirkstoffen überschüttet. Ziel der neuen Therapie ist die Remission, das Nachlassen der Krankheitssymptome. Für Polyarthritis heißt das eine niedrigere Aktivität der in Schüben aufflammenden Entzündungen, die Knorpel und Knochen zerstören. Für die Therapie gelten seit einiger Zeit die drei Grundsätze: Früher Therapiebeginn, engmaschige Kontrolle und Muskeltraining.

Früh beginnen und häufig kontrollieren
Spätestens 3 Monate nach den ersten Beschwerden sollten Medikamente eingenommen werden, denn die Zerstörung der Gelenke könne bereits wenige Monate nach Ausbruch der Krankheit beginnen. Um deren Funktionsfähigkeit zu erhalten, sollte die Behandlung bereits vor einem entstehenden Schaden starten. Um mit modernen Arzneien die Gelenkentzündung zum Stillstand zu bringen, sind häufige ärztliche Kontrollen des Krankheitsverlaufs wichtig. So sollten zu Therapiebeginn alle zwei Wochen, dann alle vier Wochen und dauerhaft alle drei Monate Kontrollen stattfinden. Dies sei auch deshalb so wichtig, da die Medikamente ins Immunsystem eingreifen und starke Nebenwirkungen haben können.

Nicht bewegungslos werden
Grundsätzlich gilt für Betroffene, nicht in Bewegungslosigkeit zu verfallen. Die Gelenke müssen bewegt werden, um ihre Funktion zu erhalten. Daher sind gelenkschonende Sportarten wie Schwimmen, Walking oder Radfahren schon länger bei Rheumatikern beliebt. Eher neu sind Ratschläge zu gezieltem Muskeltraining. Doch eine kräftige Muskulatur stabilisiert und entlastet die Gelenke. „Die Patienten sollten allerdings unter physiotherapeutischer Anleitung trainieren und nur in ruhigen Phasen der Krankheit“, so die Rheumatologin Gromnica-Ihle.

Blocker des Immunsystems
Medikamente, die Entzündungen unterdrücken, stehen im Zentrum der Rheumatherapie. Allerdings gehören auch Schmerzmittel dazu. Diese unterscheiden sich bei den einzelnen Patienten und reichen von Allround-Substanzen wie Diclofenac oder Ibuprofen bis hin zu Kortison, welches direkt ins rheumatische Knie gespritzt wird, um die Entzündung und die Schmerzen zu dämpfen. Für die langfristige Rheumatherapie werden Blocker des Immunsystems eingesetzt, die die schnelle Vermehrung und Aktivität der Abwehrzellen hemmen. Häufig kommt dabei als Basis Methotrexat (MTX) zum Einsatz und da dessen Wirkung erst nach vier bis sechs Wochen einsetzt, geben Ärzte anfangs zusätzlich Kortison als Brückentherapie.

Wirksame Biologika
Wenn sich auch nach drei Monaten nachdem die Basistherapie begonnen wurde, keine deutlichen Erfolge zeigen, kommen die sogenannten Biologika zum Zug. Auch wenn diese neuesten zugelassenen Rheumamittel die wirksamste Waffe gegen rheumatische Entzündungen darstellen und sie Gelenkzerstörung nicht nur verlangsamen, sondern aufhalten können, sind sie für Gromnica-Ihle nicht die erste Wahl: „Biologika greifen sehr viel stärker ins Immunsystem ein als etwa MTX. Das bedeutet mehr Nebenwirkungen und Infektionsrisiken. Man hat noch relativ wenig Erfahrung damit und die Antikörper-Spritzen sind um ein Vielfaches teurer. Solange also MTX gut wirkt, sind Biologika überflüssig.“

Stammzellentherapie bei machen Erkrankungen
Wissenschaftler vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum in Berlin testen mittlerweile den sogenannten Selektiven Immun-Reset gegen die Autoimmunerkrankung. „Bislang kommt diese Stammzelltherapie aber hauptsächlich bei systemischen Rheumaerkrankungen zum Einsatz wie etwa Lupus erythermatodis (Schmetterlingsflechte)“, so die Expertin. Der Einsatz gegen rheumatoide Arthritis sei noch abzuwarten. Es gibt jedoch viele kritische Stimmen gegen solche Stammzellentherapien.

Naturheilkundliche Mittel
Auch wenn es keine nicht-medikamentöse Behandlung gebe, die das Entzündungsgeschehen aufhalten kann, greifen viele Patienten auf Substanzen aus der Naturheilkunde zurück. So haben Studien eine leicht schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung von Präparaten aus Teufelskralle bestätigt. Von den gelenkfreundlichen Nahrungsergänzungsmitteln habe sich nur Omega-3-Fischöl als sinnvoller Therapie-Zusatz erwiesen. Andere Extrakte hätten die Erwartungen in Studien nicht erfüllt. Als sogenannte Gelenkschmiere helfen Spritzen mit Hyaluronsäure bei beginnender Arthrose, allerdings nicht bei Polyarthritis. Es würde zwar keine spezielle Rheumadiät geben, aber die Vorsitzende der Deutschen Rheuma-Liga meint: „Wir empfehlen eine mediterrane Ernährung mit wenig rotem Fleisch, viel Fisch, Gemüse und Obst.“ Außerdem sei es Patienten geraten, ihr Normalgewicht zu halten oder anzustreben.

Künstliche Gelenke
Da es durch die anhaltenden oder häufigen Entzündungen der Gelenke in vielen Fällen zu Gelenkverschleiß kommt, entsteht zusätzlich Arthrose. Durch Belastung und Reibung auf abgenutztem Knorpelmaterial entstehen Schmerzen und Entzündungen im Gelenk. Es kann im fortgeschrittenem Stadium zu knöchernen Wucherungen und steifen Gelenken kommen. Die Chirurgie kann einige dieser Gelenke, wie Knie, Hüfte oder Schulter, künstlich ersetzen. Doch für manche, wie beispielsweise Fingergelenke ist diese Technologie noch nicht ausgereift. Bei Handgelenken ist eine operative Versteifung möglich, mit der man den Schmerz ausschalten kann.

Welt-Rheuma-Tag
Am heutigen Samstag, den zwölften Oktober findet wie jedes Jahr der Welt-Rheuma-Tag statt, der 1996 von der Arthritis and Rheumatism International (ARI), der internationalen Vereinigung von Selbsthilfegruppen Rheumabetroffener, ins Leben gerufen wurde. Mit dem Tag, der dieses Jahr unter dem Motto „Aktiv gegen Rheuma – ich bin dabei“ steht, soll auf das Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer in den Selbsthilfeorganisationen aufmerksam gemacht werden und das Thema Rheuma generell stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. (ad)

Bild: Uta Herbert / pixelio.de