Neue Tinnitustherapie entwickelt

Fabian Peters

Tinnitus: US-Forscher entwickelten neuen Therapieansatz und schalteten die Ohrengeräusche ab

14.01.2011

Ist Tinnitus bald heilbar? US-Wissenschaftlern ist es im Tierversuch gelungen durch die Stimulation des zehnten Hirnnervs (Vagusnerv), die Ursache des nervtötenden Dauerlärms im Ohr auszuschalten.

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Das bereits zur Behandlung von Epilepsie und Depression eingesetzt Verfahren der Vagusnerv-Stimulation, könnte auch Tinnitusbeschwerden lindern, berichten die US-Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature“. Im Rahmen ihrer Studie hatten die Wissenschaftler das Verfahren an Ratten getestet und hier deutliche Erfolge erzielt. „Wir stimmen das Gehirn um – von einem Zustand, in dem es den Tinnitus erzeugt, in einen Zustand, in dem es den Tinnitus nicht erzeugt“, erläuterte Michael P. Kilgard von der University of Texas in Dallas. Der Experte betonte: „Wir eliminieren den Ursprung des Tinnitus.“

Tinnitus entsteht im Kopf der Betroffenen
Auch wenn die Ursachen des Tinnitus bis heute nicht eindeutig erforscht sind, gelten Beschädigungen der sensorischen Zellen im Innenohr seit Jahren als mögliche Auslöser. Ähnlich wie Phantomschmerzen nach einer Amputation ist der Tinnitus demnach die Folge einer sensorischen Deprivation. „Unterbeschäftigte“ Neuronen im auditorischen Cortex generieren nach Angaben der US-Forscher Hörempfindungen, die nur im Gehirn der Betroffenen bestehen. Vor allem starker Lärm rufe entsprechende Symptome hervor, was die hohe Prävalenz von 40 Prozent unter US-Veteranen, die nach (lauten) Kriegseinsätzen an schwerem Tinnitus leiden, verdeutliche, betonten die US-Wissenschaftler. Generell ist Tinnitus „Lärm im eigenen Kopf“, der ausschließlich von den Betroffenen als Pfeifen, Zischen, Rauschen, Kreischen, Summen oder Brummen wahrgenommen wird. Auch wenn das Phänomen meist nur kurzfristig auftritt und die Geräusche wieder vorübergehen, wird der anhaltende Lärm für einige Tinnitus-Patienten zum ständigen Begleiter. Die Betroffenen kommen kaum noch zur Ruhe, da sie ständig von einem unangenehmen Dauerton geplagt werden, der nachts oder wenn es in der Außenwelt eigentlich ruhig ist, besonders auffällt.

Tinnitus keine eigenständige Erkrankung sondern ein Symptom
Tinnitus ist keine eigenständige Erkrankung sondern lediglich ein Symptom für einen Schaden in den Hörbahnen, der durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden kann, erläuterten die Forscher University of Texas. So könne Tinnitus zum Beispiel durch organische Leiden wie Lärmschäden, Fehlbildungen oder Entzündungen ausgelöst werden. Außerdem bilden seelische Faktoren bei der Entstehung des Tinnitus ebenfalls eine Rolle, erklärten die US-Forscher. Die gängigen Behandlungsansätze konzentrieren sich dabei bisher meist darauf, die lästigen Töne zu überdecken oder den Betroffenen beizubringen, diese zu ignorieren – mal mehr, mal weniger erfolgreich, wie die US-Wissenschaftler berichten. Allerdings habe die Forschung in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht und Mediziner verstehen heute weit besser, warum die nervtötenden Dauergeräusche überhaupt auftreten, betonten die Wissenschaftler der University of Texas.

Umbau der Nervenverknüpfungen durch Schäden im Gehörgang
So gehen die US-Forscher davon aus, das die Ursache des Phänomens nicht in den Ohren sondern im Gehirn der Betroffenen zu suchen ist. Schäden im Gehörgang hätten einen Umbau der Nervenverknüpfungen zur Folge, bei dem Aufgaben, welche die geschädigten Bereiche nicht mehr wahrnehmen können, umverteilt werden, erläuterten die Experten. Dadurch seien bestimmte Hirnareale anschließend überaktiv und erzeugen in manchen Fällen die als Tinnitus bekannten Phantomtöne. Die Frequenz der wahrgenommen Töne liege dabei auf eben jenen Frequenzen, auf denen wegen des geschädigten Gehörs keine Reize mehr verarbeitet werden können, so die US-Forscher weiter. Im Rahmen ihrer Studie haben Michael Kilgard und Kollegen nun, basierend auf den Erkenntnissen zur Entstehung von Tinnitus, einen neuen Therapieansatz getestet mit dem Ziel, das Gehirn „umzutrainieren“. Indem der Vagusnerv gezielt mit künstlichen Signalen stimuliert wird, lasse sich der Umbau der Nervenverknüpfungen rückgängig machen und eine Art Neustart der betroffenen Hirnareale bewirkt, erläuterten die US-Forscher.

Neues Verfahren zur Tinnitus-Behandlung
Das neuartige Verfahren zur Bekämpfung des Tinnitus haben die Wissenschaftler im Rahmen tierexperimenteller Studien mit Ratten erstmals untersucht. Die US-Forscher setzten einige der Tiere unter Vollnarkose sehr starkem Lärm aus, wodurch die Nager auf der entsprechenden Frequenz einen Tinnitus entwickelten. Den acht Tieren wurde 20 Tage lang 300 Mal täglich ein Ton von neun Kilohertz vorgespielt, wobei das Geräusch mit einer leichten elektrischen Stimulation des Vagusnerv verbunden wurde, berichten Kilgard und Kollegen. Durch diese Behandlung habe die Zahl der Nervenzellen im auditiven Cortex, die auf diese Frequenz reagierten, im Vergleich zu Tieren der Kontrollgruppe um 79 Prozent zugenommen, so die Aussage der US-Forscher. Anschließend haben die Wissenschaftler den Ratten in einem zweiten Versuch Töne zwei verschiedener Frequenzen (vier und 19 Kilohertz) vorgespielt, jedoch nur die höheren Frequenzen mit der Stimulation des Vagusnervs verbunden. Dadurch sei die Zahl der Neuronen, die dem höheren Ton zugehörig waren, um 70 Prozent gestiegen, während die Zahl der Neuronen im Bereich der tieferen Frequenz sank, erläuterten Wissenschaftler.

Stimulation des Vagusnerv entscheidend
Die Ergebnisse dieser ersten Versuchsschritte zum Tinnitus bei Ratten hätten belegt, dass nicht der Ton allein für das Auftreten des Phänomens verantwortlich ist, sondern erst die parallele Stimulation des Nervus vagus (Vagusnerv) zur Entwicklung eines entsprechenden Tinnitus-Leidens führe, erklärten die Wissenschaftler. Entscheidend ist dabei offenbar die Verarbeitung der akustischen Reize in der Großhirnrinde im sogenannten auditiven Cortex, so die US-Forscher weiter. Da sie davon ausgehen, dass der Tinnitus durch eine Überaktivität der Hirnareale im Bereich der entsprechenden Frequenzen ausgelöst wird, testeten die US-Wissenschaftler im folgenden Versuchsschritt, ob der Tinnitus bei den Ratten behoben werden kann, wenn den Tieren bei – gleichzeitiger Stimulation des Vagusnervs – Töne vorgespielt werden, welche um die Frequenz des Tinnitus-Tons herum liegen.

Behandlung des Tinnitus auf Basis der Vagusnerv-Stimulation
Die US-Wissenschaftler spielten den von Tinnitus betroffenen Nagern drei Wochen lang 300 mal täglich Töne mit anderen Frequenz als der Tinnitus-Ton vor, begleitet von einer entsprechenden Vagusnerv-Stimulation. Dabei seien die Neuronen des auditiven Cortex im Verlauf der Behandlung so umgebaut worden, dass sie wieder auf ihre ursprünglichen Frequenzen reagierten, erklärten die US-Forscher. Auch die typische physiologische und verhaltensbedingte Reaktionen der Ratten, welche mit dem Tinnitus zusammenhingen, seien nicht mehr aufgetreten und die Zahl der Nervenzellen der behandelten Ratten sei wieder auf das normale Maß zurückgegangen, betonten Kilgard und Kollegen. Die Veränderungen seien dabei auch über längere Zeit nach der Behandlung stabil geblieben, so die US-Wissenschaftler weiter. „Der Schlüssel ist, dass wir im Gegensatz zu früheren Behandlungen den Tinnitus nicht maskieren“, betonte Michael P. Kilgard.

Tinnitus-Behandlungsmethode in klinischen Studien überprüfen
Die Stimulation des Vagusnerv ist in der Medizin kein Novum, jedoch wurden entsprechende Verfahren bisher nicht zur Behandlung von Tinnitus eingesetzt. Für die Anwendung beim Menschen vorgesehene Vagusnerv-Stimulatoren sind Geräte von der Größe eines Herzschrittmachers, die den Patienten unterhalb des Schlüsselbeins implantiert werden und Impulse zur Stimulation an den zehnten Hirnnerv senden. Die Behandlung von Tinnitus mit dem im Tierversuch erprobten neuartigen Verfahren soll nach Aussage der US-Forscher als nächstes im Rahmen einer klinischen Studie getestet werden. Bis die Versuche in die klinische Phase übergehen, wollen die Wissenschaftler nach eigenen Angaben das Verfahren jedoch noch weiter verfeinern und mehr Details des Effekts verstehen. Dabei sei zum Beispiel interessant, wie lange die Behandlung dauern sollte und ob nicht nur akuter Tinnitus sondern auch chronischer Tinnitus behoben werden kann. (fp)