Neuer Ansatz in der Alzheimer Therapie

Fabian Peters

Neue Behandlungsmöglichkeiten von Alzheimer entdeckt

02.09.2011

Wissenschaftler rund um den Globus sind damit beschäftigt, die Grundlagen der Alzheimer-Erkrankung und mögliche Therapieansätze zu erforschen. Jens Pahnke und Kollegen des „Neurodegeneration Research Lab“ (NRL) der Universität Rostock haben nun einen fehlerhaften Abtransport von speziellen Eiweißen (Amyloide) im Gehirn als Ursache der Alzheimer-Erkrankungen festgestellt und dabei gleichzeitig einen neuen Behandlungsansatz erprobt.

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Die Zahl der Alzheimer-Erkrankungen ist bereits in den vergangenen Jahrzehnten deutschlandweit erheblich gestiegen und wird den Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge auch in den kommenden Jahren weiterhin zunehmen. Bis zum Jahr 2050 droht eine Verdopplung der Betroffenen, sollte die Forschung keine wirksames Medikament entwickeln.

Ablagerung von Alzheimer-Eiweiß im Gehirn
Im Tierversuch mit genetisch veränderten Mäusen, wiesen das Forscherteam um Jens Pahnke nach, dass ein Defekt des Transporters ABCC1 einen massiven Anstieg des schädlichen Alzheimer-Eiweiß im Gehirn verursacht. Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachzeitmagazins „The Journal of Clinical Investigation“ berichten, konnten die Alzheimer-Peptide die Blut-Hirn-Schranke bei Fehlen des Transporters nicht überwinden und lagerten sich im Gehirn der Tiere ab. Die Menge der Amyloide im Gehirn der Mäuse sei bei dem Defekt des Transportes um das Zwölffache gestiegen, so das Ergebnis der Rostocker Alzheimer-Experten. Wie Jens Pahnke in dem aktuellen Beitrag erklärt, bilden sich bei jedem Menschen im Gehirn während des Alterns „die giftigen Stoffe, aus denen die Alzheimer-Plaques bestehen.“ Doch bei gesunden Menschen können diese mit Hilfe bestimmter Transporter die Blut-Hirn-Schrank passieren und lagern sich entsprechend seltener im Gehirn ab. Die Folge einer Ablagerung der Alzheimer-Peptide im Gehirn ist das Absterben der Nervenzellen und damit verbunden die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz, so die Aussage der Wissenschaftler. Bisher blieb dabei „völlig unbekannt“, wie dieser Mechanismus „bei 99 Prozent der Alzheimer-Patienten funktioniert“, erklärte Jens Pahnke. Lediglich „bei den wenigen familiären Alzheimer-Fällen kennen wir die Ursachen,“ so Pahnke weiter. Entsprechend tappten die Forscher auch bei der Suche nach möglichen Therapieansätzen lange im Dunkeln.

Neue Behandlungsmöglichkeit gegen Alzheimer entdeckt?
Nun haben die Rostocker Wissenschaftler jedoch nicht nur den Grund für die vermehrte Bildung der Alzheimer-Peptide im Gehirn entschlüsselt, sondern gleichzeitig auch einen Möglichkeit gefunden, die Ablagerung der Amyloide zu beeinflussen. Der seit Jahrzehnten zur Behandlung von Schwindel, Übelkeit und Erbrechen eingesetzte Wirkstoff Thiethylperazin habe im Rahmen ihrer Studie die Menge der Alzheimer-Peptide im Gehirn in einem Zeitraum von 25 Tagen um etwa 70 Prozent gesenkt, berichten die Wissenschaftler. Erstmals konnte nicht nur ein Zusammenhang zwischen der Ablagerung schädlicher Amyloide im Gehirn und dem ABCC1-Transporter nachgewiesen, sondern auch eine Option zur medikamentösen Behandlung aufgezeigt werden. Laut Aussage der Alzheimer-Forscher müsste der bekannte Wirkstoff in kommenden Untersuchungen zwar noch entsprechend weiterentwickelt werden, doch grundsätzlich bestehe Hoffnung auf eine Therapie-Möglichkeit, die den Krankheitsausbruch und -verlauf im Sinne der Patienten deutlich positiv beeinflussen kann. Für ihre weiteren Studien suchen die Forscher derzeit deutschlandweit Patienten, an denen sie die Funktion der Transporter im Gehirn genauer untersuchen können. So ist laut Aussage der Experten zum Beispiel bekannt, dass die Funktion der Transporter durch Lebensmittel, Medikamente oder andere Umwelteinflüsse modifiziert wird.

Weitere Untersuchungen zur medikamentösen Alzheimer-Therapie erforderlich
Wie der Alzheimer-Experte Wolfgang Härtig von der Universitätsklinik Leipzig in einem Kommentar zu der aktuellen Studie bestätigt, sind die Ergebnisse von Pahnke und Kollegen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Behandlung von Alzheimer-Erkrankungen. So hätten sich in den letzten Jahrzehnten zwar die Diagnoseverfahren erheblich verbessert, aber bei der Behandlung der neurodegenerativen Erkrankung konnten bisher keine Fortschritte erzielt, erklärte Härtig. Daher ist „jede neue Idee wie die von Pahnke extrem willkommen“, betonte der Leipziger Alzheimer-Forscher. Wie Jans Pahnke erläuterte, könnten jedoch noch weitere fünf Jahre vergehen, bevor eine medikamentöse Behandlung von Alzheimer möglich wird. Auch muss sich erst noch zeigen, ob die Beeinflussung des Transportmechanismus der Amyloide bei allen Patienten die selben Effekte zeigt. Um dies genauer unter die Lupe zu nehmen, sind Pahnke und Kollegen derzeit auf der Suche nach freiwilligen Studienteilnehmern, wobei insbesondere ältere Ehepaare, bei denen ein Partner an Demenz erkrankt ist, für die Forschung besonders gut geeignet seien, erklärten die der Rostocker Wissenschaftler.

Naturwirkstoffe zur Behandlung von Alzheimer?
Da die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung der Alzheimer-Erkrankungen auch in Zukunft noch wesentlich vom Zeitpunkt der Diagnose abhängen werden, arbeiten die Rostocker Wissenschaftler derzeit außerdem an einem Diagnoseverfahren, das überprüfen soll, wie gut die Transporter im Gehirn funktionieren. Dies würde Rückschlüsse auf das Erkrankungsrisiko ermöglichen und könnte als Methode zur Frühdiagnostik dienen, erklärte Jens Pahnke. Das Ziel der Wissenschaftler sei, „dass die Erkrankung so früh wie möglich erkannt wird, um dann eine weitere Verschlechterung zu verhindern,“ betonte der Experte. Dabei beschreiten die Rostocker Forscher auch gänzlich neue Wege. So werden in einem anderen Projekt der Universität Rostock derzeit naturheilkundliche Wirkstoffe getestet, die vorbeugend gegen Alterserkrankungen wirken sollen und somit möglicherweise auch eine Demenz und Alzheimer vorbeugende Wirkung haben könnten. Dabei habe zum Beispiel das „griechische (nicht das deutsche) Eisenkraut“ bewirkt, dass bei den genmanipulierten „Mäusen die geistige Leistungsfähigkeit verbessert und die Menge der Alzheimer-Peptide um 80 Prozent gesenkt wurde,“ berichtet Jens Pahnke. So könnte der Schlüssel zur zukünftigen Behandlung der Demenz-Alzheimer – wie bei so vielen anderen Krankheiten – in einem natürlichen Wirkstoff liegen. (fp)