Neuer Fortschritt in der Aids-Forschung: Antikörper schützen Affen sechs Monate vor HIV

Die passive Immunisierung mit speziellen Antikörpern könnte einen medizinischen Durchbruch im Kampf gegen AIDS darstellen. (Bild: jarun011/fotolia.com)
Nina Reese
Passive Immunisierung bewahrt die Tiere vor einer Infektion mit dem HI-Virus
Wissenschaftlern aus den USA ist möglicherweise ein großer Fortschritt in der Aids-Forschung gelungen: Sie injizierten Affen einen speziellen HIV-Antikörper, wodurch die Tiere anschließend mehrere Monate lang vor einer Ansteckung mit dem gefürchteten Virus geschützt waren. Deutsche Experten beurteilen die Ergebnisse gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“ als vielversprechend, denn der neue Ansatz scheint derzeit wirksamer zu sein als die bisher getesteten Impfstoffe.

Affen bis zu 23 Wochen lang immun
Neue Hoffnung im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit AIDS: Wissenschaftler aus den USA konnten in einer neuen Studie zeigen, welch enormen Effekt der Einsatz spezieller Antikörper haben kann. Für ihr Projekt spritzten sie Makaken einmalig einen bestimmten Antikörpertyp und brachten die Tiere anschließend jede Woche erneut mit einer Variante des HI-Virus in Kontakt. Dies brachte ein erstaunliches Ergebnis, denn die Antikörper-Therapie schützte die Affen vor einer Ansteckung. Wie die Forscher um Malcolm Martin vom nationalen Institut für Allergie und Infektionskrankheiten in Bethesda (Maryland) im Fachjournal „Nature“ berichten, hielt die Immunisierung der Tiere bis zu 23 Wochen lang an.

Die passive Immunisierung mit speziellen Antikörpern könnte einen medizinischen Durchbruch im Kampf gegen AIDS darstellen. (Bild: jarun011/fotolia.com)
Die passive Immunisierung mit speziellen Antikörpern könnte einen medizinischen Durchbruch im Kampf gegen AIDS darstellen. (Bild: jarun011/fotolia.com)

Bei passiver Immunisierung bleibt der Organismus untätig
Eine besonders hohe Wirksamkeit zeigte dabei eine Antikörperart, deren Halbwertszeit zuvor durch chemische Veränderungen verlängert wurde, schreiben die Forscher. Mit dem Begriff „Halbwertszeit“ wird fachsprachlich die Zeitspanne benannt, die der Körper braucht, bis er einen Wirkstoff zur Hälfte ausgeschieden hat. Makaken, die diesen Stoff erhalten hatten, waren demnach durchschnittlich 14,5 Wochen gegen das Virus immun. Affen, die nicht behandelt worden waren, steckten sich hingegen im Schnitt nach drei Wochen mit dem HI-Virus an.

Die angewendete Methode wird als „passive Immunisierung“ bezeichnet. Diese funktioniert im Gegensatz zu einer aktiven Impfung (z.B. gegen Masern oder Grippe) ohne Beteiligung des körpereigenen Abwehrsystems. Hier wird ein passendes Antikörper-Konzentrat injiziert, das für eine sofortige Immunität gegen bestimmte Krankheitserreger sorgt. Der Organismus muss bei dieser Variante selbst nicht tätig werden, dennoch ist er für eine Weile so geschützt, als habe das Abwehrsystem die Antikörper selbst gebildet. Bei einer aktiven Immunisierung wird hingegen ein Teil des entsprechenden Virus verabreicht, woraufhin der Körper auf den Stoff reagiert („Immunantwort“) und selbst Abwehrstoffe gegen dieses entwickelt.

Nachteil: Die Antikörper müssen immer neu verabreicht werden
Das Problem bei der passiven Immunisierung sei, „dass die Antikörper vom Körper abgebaut werden und immer wieder neu gegeben werden müssen“, erläutert Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut der Universität Hamburg im Gespräch mit der „dpa“. Würde es jedoch gelingen, Antikörper mit einer sehr hohen Beständigkeit zu entwickeln, könne dies dem Experten zufolge einen Durchbruch darstellen. „Die passive Übertragung von Antikörpern scheint effektiver zu sein als bisher getestete Impfstoffe“, ergänzt Altfeld. Bereits im letzten Jahr hatte ein Team von US-amerikanischen und deutschen Forschern erstmals eine Immuntherapie gegen HIV erfolgreich am Menschen getestet. Damals zeigte sich, dass bereits durch die einmalige Injektion des breit neutralisierenden Antikörpers „3BNC117“ die Menge der HIV-Viren im Blut der infizierten Probanden deutlich gesenkt werden konnte.

Forscher orientieren sich an Strategien zum Schutz vor Hepatitis A
Auch der HIV-Forscher Gerd Fätkenheuer von der Universität Köln betrachtet die Ergebnisse der US-Kollegen sowie die Methode der passiven Immunisierung als vielversprechend: „Hier wird zum ersten Mal gezeigt, dass eine einmalige Gabe von Antikörpern längerfristig schützen kann“, so der Experte gegenüber der Nachrichtenagentur. Denn bisher konnte ein solcher Schutz nur aufgebaut werden, wenn die Injektion der Antikörper direkt vor dem Kontakt mit dem HI-Virus stattfand. Bei der Entwicklung ihrer neuen Methode hatten sich die Experten erfolgreiche Ansätze zum Schutz vor Hepatitis A zum Vorbild genommen.

Im Bereich der Forschung werden derzeit drei verschiedene Möglichkeiten zum Schutz vor einer HIV-Infektion untersucht. Zum einen die passive Immunisierung mit Antikörpern, die als Infusion verabreicht werden sowie die aktive Impfung, die eine eigene Reaktion des Immunsystems auslöst. Der dritte Ansatz besteht in der vorbeugenden Gabe von Medikamenten, welcher in den USA bereits bei Hochrisikogruppen zum Einsatz kommt. (nr)

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