HIV-Selbsttest für Alle: Zulassung von Medizinern befürwortet

Fabian Peters

Trotz gewisser Risiken sprechen sich Virologen für HIV-Selbsttests aus

Durch die Einführung eines HIV-Selbsttests könnte die Dunkelziffer bei HIV-Infektionen deutlich reduziert werden, berichten Experten der Gesellschaft für Virologie (GfV). In einer Pressemitteilung anlässlich des Welt-AIDS-Tages erläutert der Fachverband die Vor- und Nachteile des HIV-Selbsttests.

Schnelltests zum HIV-Antikörpernachweis für die Selbsttestung sind seit einigen Jahren in verschiedenen Ländern zugelassen. „Hintergrund ist der Wunsch, dass möglichst alle Infizierten frühzeitig von ihrer Infektion wissen“, berichtet die GfV. Durch Einführung des HIV-Selbsttests könnte der Anteil der Patienten, die erst im Stadium AIDS von ihrer HIV-Infektion erfahren und daher einen schlechteren Behandlungserfolg haben, deutlich reduziert werden und gleichzeitig ließe sich das Ansteckungsrisiko, das von Personen mit unerkannter und unbehandelter Infektion ausgeht, verringern, so der Hinweis der Fachgesellschaft.

Bisher sind HIV-Selbsttests in Deutschland für Privatpersonen nicht zugelassen, doch könnten diese nach Ansicht von Experten zu einer deutlichen Reduzierung der Dunkelziffer beitragen. (Bild: gamjai/fotolia.com)

Hohe Dunkelziffer bei den HIV-Infektionen

In Deutschland lebten Ende 2016 rund 88.400 Menschen mit HIV und geschätzte 12.700 der Betroffen wussten nicht, dass sie mit dem HI-Virus infiziert sind, so die Mitteilung der GfV unter Berufung auf die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Die hohe Dunkelziffer sei aus zwei Gründen problematisch. Denn einerseits sollte die Therapie möglichst frühzeitig nach der Infektion beginnen und anderseits könnten diese Menschen unabsichtlich andere Personen infizieren. Mit Zulassung eines HIV-Selbsttests, ähnlich den Schwangerschaftstests, die zu Hause durchgeführt werden können, wäre nach Ansicht der Experten eine Absenkung der Dunkelziffer erreichbar.

Gewisse Risiken der Selbsttests

Die GfV hat sich daher in einer aktuellen Stellungnahme grundsätzlich für die Zulassung der HIV-Selbsttests ausgesprochen. Allerdings verweisen die Experten auch auf gewisse Risiken, die mit den Tests verbunden sind. Diese gelte es „weitestmöglich zu minimieren.“ Professor Dr. med. Josef Eberle vom Max von Pettenkofer-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München betont in einer Pressemitteilung der „Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.“, dass offensichtlich trotz der vielen, auch anonymen und kostenlosen Angebote für einen HIV-Test, nicht alle Infizierten erreicht werden.

Abgabe an Privatpersonen bislang untersagt

„Es ist auffällig, dass seit Jahren unverändert bei über einem Viertel der HIV-Neudiagnosen die Infektion erst dann festgestellt wird, wenn der Betroffene bereits erkrankt ist oder die Zahl der T-Helferzellen unter 350/µl liegt, was einer fortgeschrittenen HIV-Infektion entspricht“, so Prof. Eberle. Hier eröffnet der Selbsttest nach Ansicht des Experten gute Chancen zur Verbesserung der frühzeitigen Diagnoserate. Allerdings darf ein solcher Test in Deutschland bislang nicht an Privatpersonen abgegeben werden. Derzeit werde jedoch geprüft, ob die Medizinprodukte-Abgabeverordnung entsprechend verändert werden sollte.

Gute Erfahrungen mit den HIV-Selbsttests

Erste Erfahrungen aus England, wo der Test bereits zugelassen ist, sind laut Angaben der GfV vielversprechend. Der Test sei einfach zu handhaben und von Panikreaktionen als Folge falsch-positiver Testergebnisse werde kaum berichtet. Dennoch gebe es bestimmte Probleme, so der Hinweis der GfV. Dies gelte zum Beispiel in Bezug auf die Qualität der Selbsttests. So seien „HIV-Schnelltests mit CE-Prüfzeichen, die Blut aus der Fingerkuppe verwenden, zwar mit HIV-Labortests der vierten Generation durchaus zu vergleichen“, doch bleiben sie den Labortests in Bezug auf den Infektionsnachweis unterlegen, wenn sie in einer sehr frühen Phase der Infektion durchgeführt werden, erläutert Prof. Eberle.

Testergebnis nicht immer zuverlässig

Die begrenzte Zuverlässigkeit der Testergebnisse kann zur Folge haben, dass sich Betroffene womöglich in falscher Sicherheit wiegen, „und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem das Übertragungsrisiko besonders hoch ist“, so der Experte. Dieses Risiko bestehe umso mehr bei Selbsttests, die nicht Blut, sondern einen speziellen Mundabstrich (oral fluid) als Testmaterial nutzen. Problematisch ist laut Aussage des Virologen zudem eine mögliche Fehlinterpretation der Testergebnisse durch die Nutzer. Denn erst drei Monate nach einer möglichen Ansteckung liefere der Selbsttest ein sicheres Ergebnis. Vorher durchgeführte Tests seien nur bedingt aussagekräftig. Zudem weisen die Tests laut Aussage der Experten stets eine gewisse Fehlerquote auf, so dass ein positives beziehungsweise negatives Ergebnis durchaus falsch sein kann. Daher werde bei einem Test im Fachlabor das Resultat mittels eines Bestätigungstestes überprüft, bevor Betroffene informiert werden.

Abgabe an Privatpersonen gefordert

Trotz der Bedenken ist die Abgabe von Selbsttests an Privatpersonen nach Ansicht der GfV-Experten zu befürworten, „um die weitere Ausbreitung der HIV-Infektion zu verhindern und Infizierten einen frühzeitigen Therapiebeginn zu ermöglichen.“ Dabei müsse allerdings „gewährleistet sein, dass die Tests klare Informationen zum Umgang mit den Ergebnissen enthalten“, so Professor Eberle. Hierzu gehöre auch der Hinweis auf „die Drei-Monats-Frist und die mögliche Fehlerquote, sowie die Empfehlung, im Falle eines positiven oder unklaren Befunds diesen noch einmal mit einem laborgestützten Verfahren überprüfen zu lassen und gegebenenfalls auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Des Weiteren sollten Nutzer des HIV-Selbsttests nach Ansicht der GfV darüber informiert werden, dass bis zu 72 Stunden nach einer eventuellen Infektion die Möglichkeit der Postexpositionsprophylaxe (PEP) durch HIV-Medikamente besteht. Zudem plädiert die GfV dafür, bei Zulassung der Tests die Wirksamkeit anhand der Parameter „Neuinfektionen“ und „Anteil der Patienten mit später Diagnose“ wissenschaftlich zu begleiten. (fp)