Neuer Wirkstoff gegen Hepatitis C entdeckt

Fabian Peters

Neuer Wirkstoff gegen Hepatitis-C entdeckt. Erste klinische Tests belegen: Neues Präparat verspricht in Ergänzung zur Standardmedikation erheblich bessere Heilungschancen bei Hepatitis C.

(09.08.2010) Hepatitis C ist eine Viruserkrankung der Leber, die sich direkt nach der Infektion oftmals kaum bemerkbar macht, d.h. von den Patienten als Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Gelenkschmerzen und Bauchschmerzen im rechten Oberbauch wahrgenommen wird. Nicht selten lautet die Selbstdiagnose „grippaler Infekt“ und es wird daher viel zu spät der Arzt aufgesucht. So geht die anfängliche Erkrankung in 70 Prozent der Fälle in eine chronische Lebererkrankung über, die ohne Behandlung bei 25 Prozent der Infizierten im Langzeitverlauf zu Leberzirrhose führt und außerdem das Risiko eines Leberzellkarzinom erheblich erhöht.

In Deutschland leiden ca. 500.000 Menschen an Hepatitis-C, weltweit sind es geschätzte 170 Millionen. Die bisherige Behandlung sieht vor dem Patienten eine Kombipräparat aus pegyliertem Interferon α (Peginterferon) und dem Virostatikum Ribavirin über einen Zeitrahmen von 24 – 48 Wochen (selten auch 72 Wochen) zu verabreichen. Sollten 6 Wochen nach der Behandlung keine Viren mehr nachgewiesen werden können, gilt der Patient als geheilt. Problematisch bei dieser Therapieform sind vor allem die unzähligen Nebenwirkung, die teilweise einen Abbruch der Behandlung erfordern. Als Beispiel für die Nebenwirkungen von Peginterferon und Ribavirin seien hier folgende Punkte erwähnt: Peginterferon kann grippale Symptome (Fieber, Schüttelfrost), Müdigkeit, leichten Haarausfall, Fehlfunktionen der Schilddrüse und psychischen Nebenwirkungen (Depressionen, Aggressionen oder Angstzuständen) hervorrufen und Ribavirin kann zu einer Verminderung der roten Blutkörperchen führen. Zudem waren die Erfolgsaussichten der bisherigen Behandlungsform eher schlecht, da – je nach genetischen Voraussetzungen – fast die Hälfte der Patienten auf die Therapie nicht ansprach.

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Paul Kwo und sein Team von der Indiana University (Indianapolis, USA) haben nun eine neue Behandlungsform in einer klinischen Studie an ca. 600 Patienten aus den USA, Kanada und Europa getestet. Dabei setzten sie bei den Patienten zusätzlich zu dem Kombipräparat aus Peginterferon und Ribavirin den Wirkstoff Boceprevir ein. Dieser hemmt bestimmte Enzyme, die Proteine zu Protease spalten. Protease wird vom Hepatitis-C-Virus zum Wachstum benötigt und gelingt es durch die Protease – Blocker ihren Ausstoß auf ein Minimum zu reduzieren, so kann das auch gegen Hepatitis-C hilfreich sein.

Bei der HIV-Therapie werden Protease – Blocker bereits erfolgreich eingesetzt und auch in Bezug auf die Hepatitis Behandlung wurde ihr Einsatz schon vielfach diskutiert. Um diese Diskussion auf eine wissenschaftliche Ebene zu führen, haben Kwo und sein Team die Standardmedikation bei den Patienten um Boceprevir ergänzt und dessen Einsatz 44 Wochen lang getestet. Das Ergebnis war eindeutig: 75 Prozent der mit Boceprevir behandelten Erkrankten war auch 24 Wochen nach der Therapie noch virusfrei und galten somit als geheilt. Das heißt, es haben knapp doppelt so viele Patienten einen Behandlungserfolg verzeichnen können wie bei der klassischen Therapie (38 Prozent). In einer weiteren Studie wollen die Spezialisten um Laura Milazzo vom Fachbereich für Infektionskrankheiten und Immunpathologie der Universität Mailand nun die Ergebnisse verifizieren und damit die rechtliche Grundlage für die Therapie mit Boceprevir schaffen. Zudem haben Mediziner den Einsatz des Protease-Hemmers Telaprevir ebenfalls mit Erfolg getestet.

Das Problem bei der Behandlung mit Protease-Hemmern ist jedoch, dass sie stets in Kombination mit Peginterferon und Ribavirin eingesetzt werden, d. h. deren massive Nebenwirkungen mit der neuen Therapieform nicht ausgeschaltet werden konnten. Wann eine Behandlung ausschließlich mit Protease-Hemmern möglich wird, ist bisher nicht absehbar. Zudem liegt „die größte Gefahr der Zukunft (…) im Auftauchen von Viren, die gegen Boceprevir resistent sind", so Laura Milazzo in einem Kommentar zu den bisherigen Resultaten.

Auch spielen die Infektionswege eine Rolle bei der Auswahl der richtigen Therapie und hier werden die ersten Vorwürfe in Richtung der Pharmaindustrie laut, da sie die sexuelle Übertragung bisher zu stark gewichtet haben, tatsächlich die meisten Infektionen mit Hepatitis-C jedoch über die Blutbahn stattfinden. Besonders häufig werden die Viren unter schwer Drogenabhängigen weitergegeben, die ihre Spritzen und Kanülen untereinander teilen. Hier liegt die Infektionsrate Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts zu Folge zwischen. 50 und 80 Prozent. Inwieweit eine Therapie mit dem Kombipräparat und Boceprevir auch für sie Sinn macht, bleibt fraglich. (fp)