Neues Verfahren erlaubt Nieren-Transplantation von jedem Spender

Revolutionäre Methode ermöglicht es Patienten, eine transplantierte Niere von einem eigentlich inkompatiblen Spender zu erhalten.(Bild:
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Alexander Stindt
Revolutionäre Methode könnte unzähligen Menschen die lebenslange Dialyse ersparen
Viele Menschen auf der Welt warten auf die Transplantation einer neuen Niere. Allerdings stehen auch Zehntausende von Patienten auf den Wartelisten, die wohl niemals eine neue Niere erhalten werden, weil ihr Immunsystem das transplantierte Organ abstoßen würde. Das könnte sich in Zukunft ändern. Forscher scheinen jetzt einen Weg gefunden zu haben, wie das Immunsystem von Patienten auch die Nieren von eigentlich inkompatiblen Spendern akzeptiert.

Mediziner von der Johns Hopkins University School of Medicine entwickelten jetzt in einer großen nationalen Untersuchung einen Weg, um das Immunsystem von Patienten so zu ändern, dass es eine transplantierte Niere auch von inkompatiblen Spendern annimmt. Das revolutionäre Ergebnis wurde von den Wissenschaftlern in der Fachzeitschrift „The New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Revolutionäre Methode ermöglicht es Patienten, eine transplantierte Niere von einem eigentlich inkompatiblen Spender zu erhalten.(Bild: horizont21/Fotolia.com)
Revolutionäre Methode ermöglicht es Patienten, eine transplantierte Niere von einem eigentlich inkompatiblen Spender zu erhalten.(Bild:
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Sogenannte Desensibilisierung kann viele Leben retten
Die Forscher haben eine Möglichkeit entwickelt, durch die unser Immunsystem auch die Nieren von eigentlich inkompatiblen Spendern akzeptiert. Das neue Verfahren wird als Desensibilisierung bezeichnet, erklären die Mediziner. Die Behandlung habe das Potenzial, viele Leben zu retten. Es könnte die Wartezeiten für Tausende von Menschen verkürzen, für einige Betroffene würde es den Unterschied zwischen einer Transplantation und dem Rest ihres Lebens als Dialyse-Patient machen. Das Verfahren kann das Leben von vielen Personen komplett verändern und ihnen lange Dialyse-Zeiten und deren unangenehme Folgewirkungen ersparen, betonen die Experten.

Viele Menschen warten ihr ganzes Leben lang vergeblich auf eine Spenderniere
Die Wissenschaftler schätzen, dass etwa die Hälfte der 100.000 Menschen in den Vereinigten Staaten, die auf den Listen für eine Nierentransplantation stehen, Antikörper haben, die ein transplantiertes Organ angreifen würden. Außerdem seien etwa zwanzig Prozent der Betroffenen so empfindlich, dass ein kompatibles Organ zu finden, so gut wie unmöglich ist, erläutern die Forscher. Eine unbekannte Zahl von Patienten mit Nierenversagen lehne die Wartelisten ab, nachdem sie erfahren, dass ihr Körper fast jedes transplantierte Organ abstoßen würde. Stattdessen finden sich solche Personen dann mit einer lebenslangen Dialyse ab. Ein anstrengendes und kräfteraubendes Verfahren, welches einen sehr großen negativen Einfluss auf das Leben der Betroffenen hat, sagt der Hauptautor Dr. Dorry Segev von der Johns Hopkins University School of Medicine.

Wie funktioniert eine sogenannte Desensibilisierung?
Die sogenannte Desensibilisierung beinhaltet zunächst die Filterung der Antikörper aus dem Blut eines Patienten. Den Betroffenen wird dann eine Infusion von anderen Antikörpern gegeben. Dadurch wird ein gewisser Schutz bereitgestellt, während das Immunsystem seine eigenen Antikörper regeneriert, erklären die Mediziner. Aus irgendeinem noch unbekannten Grund, greifen die regenerierten Antikörper ein transplantiertes Organ weniger an. Wenn die Antikörper auch weiterhin ein Problem darstellen, wird der Patient mit Medikamenten behandelt, die seine weißen Blutkörperchen zerstören. Diese können die Antikörper bilden, die eine neue transplantierte Niere angreifen würden, erläutern die Experten. Der bei weitem größte Einsatz von Desensibilisierung wäre bei Nierentransplantationen möglich. Allerdings könnte das Verfahren auch für Lebendspende-Transplantationen von Leber und Lunge geeignet sein, sagen die Forscher. Die Leber sei weniger allerding empfindlich gegenüber Antikörpern, weshalb es hier weniger Bedarf für eine Desensibilisierung gebe. Aber solch eine Behandlung wäre sicherlich möglich, wenn es zur Unverträglichkeit kommen würde, sagt Dr. Segev. Bei Lungen sei eine sogenannte Desensibilisierung theoretisch ebenfalls möglich, obwohl solch eine Behandlung noch nicht durchgeführt wurde.

Überlebenswahrscheinlichkeit trotz inkompatibler Niere sehr gut
In der neuen Studie wurden 1.025 Patienten in 22 medizinischen Zentren untersucht. Die Betroffenen hatten keinen kompatible Spender und wurden mit Patienten verglichen, die das Organ eines verstorbenen kompatiblen Spenders erhalten hatten. Nach acht Jahren lebten noch 76,5 Prozent derjenigen, die eine Desensibilisierung und eine inkompatible Niere erhielten. Verglichen mit 62,9 Prozent, die auf der Warteliste geblieben waren und eine Spenderniere eines Verstorbenen erhalten hatten. Der Wert lag bei 43,9 Prozent, wenn die Betroffenen auf der Warteliste blieben, aber nie eine Transplantation erhielten, fügen die Experten hinzu.

Patienten mit Desensibilisierung benötigen einen lebenden Spender
Das Verfahren der Desensibilisierung braucht Zeit, bei einige Patienten dauert es etwa zwei Wochen. Die Desensibilisierung wird vor der Transplantation durchgeführt, so dass die Patienten einen lebenden Spender benötigen. Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen bereit sind eine Niere zu spenden, doch die Ärzte sagen, dass sie oft Situationen sehen, in denen ein Verwandter oder sogar ein Freund bereit ist, sein Organ zu spenden, das aber leider nicht kompatibel ist. Oft müsse Patienten mitgeteilt werden, dass ihre lebenden Spender nicht kompatibel sind, weswegen sie auf den Wartelisten für einen verstorbenen Spender festhängen, sagt Dr. Segev. In den letzten Jahren gab es in einigen Ländern allerdings auch eine andere Option – einen sogenannten Nieren-Austausch. Patienten, die nicht kompatibel zu ihren lebenden Spendern waren, konnten diese Spender mit jemandem tauschen, dessen Spenderorgan mit ihnen kompatibel war. (as)

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