Neues Zentrum für sexuelle Gesundheit

Fabian Peters

Modellprojekt an der Ruhr-Universität Bochum zur Bekämpfung von HIV, Chlamydien und anderen Geschlechtskrankheiten

01.02.2014

Das Unwissen über Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien, HIV, Syphilis, Gonorrhöe (Tripper), Herpes oder Genitalwarzen hat zu einer unerwarteten Renaissance dieser sexuell übertragbaren Infektionen (STI – sexual transmitted infections) geführt. An dem Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum wurde daher auf Initiative von Professor Dr. Norbert Brockmeyer ein „Zentrum für sexuelle Gesundheit“ ins Leben gerufen, das unter Einbindung verschiedenster Institutionen dem Vormarsch der Geschlechtskrankheiten Einhalt gebieten will.

„Wir haben auf dem Gebiet der STIs eine Versorgungslücke“, begründet Prof. Brockmeyer die Einrichtung des Zentrums für sexuelle Gesundheit. Auch sei die „die Bereitschaft sich auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen zu lassen, immer noch mit einer hohen Hemmschwelle verbunden.“ Künftig sollen daher unter einem Dach möglichst viele Institutionen und Ansprechpartner zusammenarbeiten. „Was wir brauchen, sind regionale Fachzentren, in denen umfassend informiert, diagnostiziert und behandelt wird“, betonte Prof. Brockmeyer, der bereits im Jahr 2009 das „Zentrum für Sexuelle Gesundheit“ an der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität initiierte. Es sei dabei wichtig, dass ein maximal durchlässiges Angebot geschaffen werde, in welches „die Leute mehr oder minder hineinfallen.“

Kooperation im Kampf gegen den Vormarsch der Geschlechtskrankheiten
In dem Zentrum für sexuelle Gesundheit wird laut Angaben des Initiators ein ganzheitliches Konzept verfolgt, bei dem es um alle Aspekte geht, die zur sexuellen Gesundheit gehören. „Dazu zählen u. a. eine befriedigend gelebte Sexualität, Offenheit für die individuelle sexuelle Orientierung, Schwangerschaftsberatung und ebenso Hilfe bei sexueller Gewalt oder bei Gesundheitsgefährdungen durch Infektionen“, berichtete die Ruhr-Universität Bochum unmittelbar nachdem die Einrichtung ins Leben gerufen wurde. Das Spektrum der Akteure, die eingebunden werden sollen, reicht vom Gesundheitsamt, über die Aidshilfe und Beratungsstellen für Prostituierte, bis hin zu niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Gynäkologen. Lange habe es zu viele Brüche in der Versorgung gegeben. Mit der Bündelung der Kapazitäten soll dem nun ein Ende gesetzt werden.

Verbreitung der STI eine Herausforderung für das Gesundheitssystem
Als HIV-Experte an der Ruhr-Universität Bochum und Präsident der Deutschen STD-Gesellschaft (DSTDG) sprach sich Professor Brockmeyer auch für „eine breite Aufstellung im Bereich sexuell übertragbarer Krankheiten“ aus. Hier dürfe sich das Hilfsangebot nicht nur auf „HIV/AIDS fokussieren, sondern sollte alle STI und die Förderung der sexuellen Gesundheit insgesamt in den Blick nehmen“. Die rund 70.000 HIV-Patienten und circa 3.000 Syphilis-Infektionen jährlich seien nur die Spitze des Eisberges. Die epidemische Verbreitung der STI entwickle sich zu einer wachsenden Herausforderung für das Gesundheitssystem. So gehen Expertenschätzungen zum Beispiel davon aus, dass mehr als 100.000 Frauen in Deutschland durch unbehandelte Chlamydieninfektionen ungewollt kinderlos bleiben, erläutertet Brockmeyer. Auch bei Hepatitis und Humanen Papillomvirus-Infektionen (HPV) sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, was für die Betroffen das Risiko von Leberschäden, Gebärmutterhalskrebs und weiteren Tumoren berge.

Zahlreiche Institutionen arbeiten im Zentrum für sexuelle Gesundheit zusammen
In Bochum haben sowohl der Leiter des Gesundheitsamtes, Ralf Winter, als auch der Geschäftsführer der Aidshilfe, Arne Kayser, bereits erklärt, dass ihre Einrichtungen künftig in dem Zentrum für sexuelle Gesundheit mitarbeiten und ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen werden. Zahlreiche weitere Kooperationspartner sind in der Diskussion und könnten ebenfalls in Zukunft einen Beitrag zum Erfolg des neuen Modells leisten. Dies kommt laut Prof. Brockmeyer auch den behandelnden Ärzten zu Gute, da nach Jahrzehnten in denen STI eher selten waren, vielen Medizinern bei dem plötzlichen Neuanstieg der Infektionen die Erfahrung fehle. Auch in der Kommunikation sind Einrichtungen wie die Aidshilfe sicher eine Bereicherung, da sie auf umfassende Erfahrungen mit Beratungsgesprächen zurückgreifen können. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für die Prostituiertenberatung oder das psychosoziale Beratungszentrum für Homosexuelle, welche in der Kommunikation mit der jeweiligen Zielgruppe über die entsprechende Routine verfügen. (fp)

Bild: Martin Gapa / pixelio.de