Nicht besser als Placebo-Therapie: Schulteroperationen sind häufig überflüssig

Alfred Domke

Neue Studie: Viele Schulterblattoperationen sind überflüssig

Patienten mit Schulterschmerzen landen häufig auf dem Operationstisch. Doch eine neue Studie zeigt nun, dass viele der Schulter-OPs überflüssig sind. Konservative Behandlungen wie beispielsweise eine Physiotherapie könnten mehr Betroffenen helfen.

Zu viele Operationen in Deutschland

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder kritisiert, dass in deutschen Kliniken zu viel und zu schnell operiert wird. Patienten sollten daher im Zweifelsfall vor einer Operation nach der Notwendigkeit fragen und gegebenenfalls eine ärztliche Zweitmeinung einholen. Sinnvoll ist dies offenbar insbesondere, wenn es um Operationen an der Schulter geht. Denn solche Eingriffe sind laut einer aktuellen Studie oft überflüssig.

Viele Patienten mit Schulterschmerzen werden operiert. Doch laut einer neuen Studie sind viele dieser OPs überflüssig. Häufig können auch eine Physiotherapie oder andere Behandlungen helfen. (Bild: SENTELLO/fotolia.com)

Patienten mit Schulterschmerzen landen oft auf dem Operationstisch

Vom Nacken ausstrahlende Schulterschmerzen, Schmerzen beim Heben des Armes über die Schulter, Schmerzen am Schulterblatt: Die Häufigkeit chronischer Schulterschmerzen hat laut Gesundheitsexperten in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Solche Beschwerden können die Bewegungsfreiheit stark einschränken und den Alltag schwierig machen.

Bei vielen Erkrankungen der Schulter kann eine Physiotherapie die Schmerzen lindern. Manche Patienten landen aber auch auf dem Operationstisch.

Wenn der Raum zwischen dem Schultergelenk und dem darüber liegenden Knochenfortsatz am Schulterblatt zu eng ist, wird teilweise versucht, die Beschwerden durch einen minimalinvasiven Eingriff zu lindern.

Bei dieser Schulterblatt-Erweiterung wird etwas Knochenmaterial oder Gewebe abgetragen, um Raum zu schaffen und den Druck etwa auf Sehnen zu nehmen.

Britische Wissenschaftler berichten nun jedoch im Fachmagazin „The Lancet“, dass auf viele Eingriffe verzichtet werden könnte.

Verbesserung auf Placebo-Effekt zurückzuführen

Für ihre Studie untersuchten die britischen Wissenschaftler um David Beard von der University of Oxford, ob die Operation zu einer stärkeren Schmerzminderung führt als ein Scheineingriff.

Dafür teilten sie die über 300 Studienteilnehmer in drei Gruppen ein: Je rund 100 Probanden unterzogen sich entweder der Operation oder einem Scheineingriff ohne Abtragung von Knochenmaterial. Der Rest der Patienten diente als zusätzliche Kontrollgruppe.

Die Ergebnisse: Laut den Wissenschaftlern konnte zwischen den beiden Operationsgruppen kein messbarer Unterschied festgestellt werden. Gegenüber den unbehandelten Patienten schnitten sie zwar etwas besser ab, klinisch relevant war dieser Unterschied jedoch nicht.

Die Forscher gehen davon aus, dass die Verbesserung auf den Placebo-Effekt zurückzuführen ist.

Operation ohne klinischen Vorteil

„Die Ergebnisse unserer Studie deuten an, dass Operationen keinen klinisch bedeutenden Vorteil gegenüber dem Verzicht auf eine Behandlung bieten, und dass eine Schulterblatt-Erweiterung nicht besser ist als ein Placebo-Eingriff“, erklärte Studienautor Andrew Carr in einer Mitteilung.

Sein ebenfalls an der Universität Oxford forschender Kollege David Beard meinte, dass in Anbetracht der Studienergebnisse eher auf „Schmerzmittel, Physiotherapie und Steroid-Injektionen“ gesetzt werden sollte.

Auch Natalie Carter von „Arthritis Research UK“ erklärte, die Studie lege nahe, dass „andere Behandlungen wie Physiotherapie genauso wirksam sein können wie Schulteroperationen und bei Patienten, die eine Operation in Erwägung ziehen, berücksichtigt werden sollten.“

„Oft können Schulterschmerzen nur von kurzer Dauer sein, aber wenn Sie Schulterschmerzen haben, die länger als zwei Wochen anhalten oder sich verschlimmern, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einem Physiotherapeuten“, so die Expertin.

Die Studie der britischen Wissenschaftler fand auch in Deutschland Anklang. So bezeichnete der Chirurg Felix Zeifang von der Universität Heidelberg die Untersuchung laut einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa als „sehr gut aufgezogene Studie“.

Dem Mediziner zufolge werden die Schulterblatt-Operationen trotz früherer wissenschaftlicher Untersuchungen noch zu oft angewandt, während konservative Behandlungen wie beispielsweise Physiotherapie mindestens zwei von drei Patienten helfen würden.

„Erst nach Monaten erfolgloser konservativer Therapie ist eine Operation zu diskutieren.“ (ad)