Starke Abweichungen bei Operationen

Heilpraxisnet

Erhebliche regionale Unterschiede bei der Anzahl von Operationen

13.09.2014

Bei den durchgeführten Operationen in deutschen Kliniken bestehen erhebliche regionale Abweichungen, die „rein medizinisch ebenso wenig zu erklären sind wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen“, berichtet die Bertelsmann Stiftung unter Berufung auf die Ergebnisse zweier aktueller, gemeinsam mit der OECD durchgeführter Studien. Die Studienergebnisse belegen, dass große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung bestehen, so die Mitteilung der Bertelsmann Stiftung.

„Selbst in sehr leistungsstarken Gesundheitssystemen hängt eine angemessene medizinische Versorgung oftmals vom Wohnort ab“, erläutern die Studienautoren. Hier seien die aktuellen Studienergebnisse ein deutliches Warnsignal. Denn unter medizinischen Gesichtspunkten sind die festgestellten Abweichungen bei den durchgeführten Operationen nicht erklärbar, so die Mitteilung der Bertelsmann Stiftung. In manchen Regionen Deutschlands werde „acht Mal häufiger operiert als andernorts.“ Dies sei in den beiden aktuellen Studien der OECD und der Bertelsmann Stiftung für Deutschland und zwölf weitere Industrienationen belegt.

Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme
Die Studien kommen laut Mitteilung der Bertelsmann Stiftung zu dem Ergebnis, dass „in manchen Städten und Landkreisen acht Mal mehr Einwohner an Mandeln operiert werden als anderswo“ und „ähnlich große regionale Unterschiede bei der Entfernung des Blinddarms, der Prostata oder beim Einsetzen eines Defibrillators am Herzen“ festzustellen seien. Diese Abweichungen sind für die Experten durchaus Grund zu Beunruhigung, denn „große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme“, betonte der OECD-Direktor Mark Pearson. Ihre Ergebnisse werden die Studienautoren am kommenden Dienstag auf einer gemeinsamen Konferenz der OECD und Bertelsmann Stiftung ausführlicher vorstellen.

Medizinische Notwendigkeiten keine Erklärung
Laut Mitteilung der Bertelsmann Stiftung beruhen die aktuellen Studienergebnisse auf einer seit 2007 laufenden Langzeituntersuchung. Für den Faktencheck Gesundheit habe die Bertelsmann Stiftung seither „die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten“ erfasst und dabei nach eigenen Angaben „Verblüffendes festgestellt.“ So sei das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands über die Jahre hinweg bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu konstant geblieben. Dabei seien es „auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung leiden.“ Beispielweise würden in einigen kreisfreien Städten und Landkreisen wie Bad Kreuznach, Bremerhaven oder Delmenhorst seit Jahren acht Mal so vielen Kindern die Mandeln herausgenommen wie anderswo. Dr. Brigitte Mohn vom Vorstand der Bertelsmann Stiftung erklärte, dass hier „offensichtlich andere Faktoren eine Rolle spielen als nur die medizinische Notwendigkeit.“

Erhebliche Abweichungen bei Mandel-Operationen
Erhebliche regionale Abweichungen der Operationshäufigkeit sind zum Beispiel „auch beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen“ festzustellen, berichtet die Bertelsmann Stiftung. Hier unterscheide sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen zum Teil um das Zwei- bis Dreifache. Für andere europäische Länder wie beispielsweise Frankreich, Spanien und England komme die OECD zu einem ähnlichen Ergebnis. Dabei seien die massiven Abweichungen keineswegs durch vereinzelte Ausreißer in der Statistik zu erklären, sondern etliche Regionen wichen erheblich von den Durchschnittswerten ab. „Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab“, so die Mitteilung der Bertelsmann Stiftung. Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass hier betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden.

Fehlentwicklungen zu Lasten der Patienten
Einzelne Regionen sind den aktuellen Studienergebnisse zufolge regelrechte Operations-Ballungszentren. So sei auffällig, „dass einige kreisfreie Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen“, berichtet die Bertelsmann Stiftung. Hier empfehlen die OECD und die Bertelsmann Stiftung „den Ärztekammern und Fachgesellschaften, aber auch den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.“ Dr. Brigitte Mohn ergänzte, dass es nur schwer nachvollziehbar sei, warum niemand nach den Ursachen der seit längerem bestehenden großen regionalen Unterschiede bei den Operationen forscht. Hier könnten sich „hinter den Zahlen in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen“, warnte Mohn.

Fehlende Erklärungen für die Abweichungen in der Operationshäufigkeit
Obwohl Erklärungen für die massiven regionalen Abweichungen in der Operationshäufigkeit durchaus wünschenswert wären, liefern auch die Studien der OECD und der Bertelsmann Stiftung diesbezüglich allerdings nur wenig Informationen. Ein möglicher Erklärungsansatz sei zum Beispiel das Fehlen klarer medizinischer Leitlinie, wodurch die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert werde. „Leitlinien, die den Handlungskorridor der Ärzte definieren, sollte es für alle operativen Eingriffe geben“, betonte Dr. Brigitte Mohn. Doch müsse „ihre Einhaltung strenger kontrolliert werden – bei aller notwendigen ärztlichen Entscheidungsfreiheit im Einzelfall.“ Darüber hinaus seien Extremwerte, wie sie in verschiedenen Städten und Kreisen festgestellt wurden, ein Indiz dafür, dass ärztliche Aufklärung regional unterschiedlich wahrgenommen wird. Obwohl die Patienten von den Ärzten normalerweise erwarten können, dass sie über alternative Behandlungsmethoden verständlich und neutral informiert werden, scheint dies vielfach nicht zu geschehen. Daher sollten die Patienten dies auch einfordern, erklärte Mark Pearson. Eine gewisse Skepsis gegenüber Operationsempfehlungen ist demnach durchaus angebracht. Die Entscheidung für oder gegen eine Operation dürfe nicht eine Frage der Angebotskapazität oder der Gewohnheiten ortsansässiger Ärzte werden, warnen die Experten. (fp)

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