Nur durch Zecken? FSME-Infektionen auch durch Rohmilch möglich

Alfred Domke
FSME-Infektionen durch Zecken und Ziegen-Rohmilch möglich
Zecken können gefährliche Krankheiten wie die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. Experten rufen daher immer wieder dazu auf sich vor den kleinen Blutsaugern zu schützen beziehungsweise sich impfen zu lassen. Nun haben Wissenschaftler jedoch bestätigt, dass eine Infektion mit FSME auch durch Rohmilch möglich ist.

Kleine Blutsauger mit gefährlichen Bakterien infiziert
Dass Zecken gefährliche Infektionskrankheiten wie die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) oder Borreliose übertragen können, ist lange bekannt. Dennoch war es überraschend, was sich in einer aktuellen Studie der MedUni Wien zeigte. „Rund 30 Prozent aller Zecken in Österreich sind mit Borrelien infiziert – und damit mehr als bisher vermutet“, berichteten die Experten in einer Mitteilung. Noch erstaunlicher sind neue Erkenntnisse deutscher Forscher. Sie belegten, dass FSME nicht nur durch Zecken, sondern auch durch infizierte Rohmilch übertragen werden kann.

Wissenschaftler haben bestätigt, dass die gefährliche Infektionskrankheit FSME nicht nur durch Zecken, sondern auch durch Rohmilch übertragen werden kann. (Bild: Jenny Sturm/fotolia.com)

FSME wird nicht nur durch Zecken übertragen
FSME ist eine gefährliche Krankheit, die unter anderem zu einer Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute führen kann. Übertragen wird die Krankheit durch Zecken. Forscher erklären nun jedoch, dass auch FSME-Infektionen durch Rohmilch belegt werden konnten.

Die Experten berichten zudem über einen Fund von FSME-infizierten Zecken bei einer Zeckenart, die wesentlich früher im Jahr und bis in den Winter hinein aktiv ist, aber bislang nicht als Überträger der Krankheit galt.

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Infektionen nach dem Verzehr von Rohmilchprodukten
Zwar kommen FSME-Infektionen nach dem Verzehr von Rohmilchprodukten in Osteuropa regelmäßig vor, in Deutschland sei ein solcher Fall vor dem Sommer 2016 jedoch noch nicht aufgetreten, erklärte Zecken-Expertin Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Universität Hohenheim in einer Mitteilung.

Nach Angaben der Hochschule probierte damals eine Familie beim Besuch eines Ziegenhofs im Kreis Reutlingen die angebotene frische Ziegenmilch, die mit dem FSME-Virus befallen war. Zwei Familienmitglieder erkrankten daran. Sie wurden stationär behandelt, haben sich inzwischen jedoch wieder erholt.

Laut Prof. Dr. Mackenstedt arbeiten Wissenschaftler nun daran, den gesamten Übertragungsweg bei den Krankheitsfällen nachzuvollziehen. „Zum ersten Mal konnten wir bei diesem Fall die Überträger (Zecken), die Wirtstiere (Ziegen), befallene Lebensmittel wie Ziegenmilch und Rohmilchkäse und die erkrankten Personen untersuchen“, so die Parasitologin.

Keine Ansteckungsgefahr bei pasteurisierter Milch
Es seien aber noch viele Fragen offen: „Die vierköpfige Familie nahm Ziegenkäse von dem Hof zu sich, die beiden männlichen Familienmitglieder tranken außerdem Milch und erkrankten.“

Das könne ein Zufall sein oder daran liegen, dass die Männer zusätzlich zum Käse auch Milch zu sich genommen haben. Grund könnten aber auch geschlechtsspezifische hormonelle Unterschiede der beteiligten Personen sein.

Wie die Expertin erklärte, könne man sich vor FSME-Erregern in Nahrungsmitteln schützen. Dr. Rainer Oehme vom Landesgesundheitsamt Stuttgart stellte klar: „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand schützt auch eine normale FSME-Impfung vor einer Ansteckung über infizierte Nahrungsmittel.“

Außerdem sei davon auszugehen, dass bei Milchprodukten aus pasteurisierter Milch keine Ansteckungsgefahr bestehe.

Weitere Zeckenart tritt als neuer FSME-Überträger auf
Wie in der Mitteilung der Universität Hohenheim weiter berichtet wird, konnte im vergangenen Jahr auch eine neue Zeckenart als FSME-Überträger ausgemacht werden, die bei deutlich niedrigeren Temperaturen aktiv ist als der Gemeine Holzbock.

Den Angaben zufolge galt die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) bislang nicht als Überträger des Erregers. Das habe sich nun geändert, erklärte PD Dr. Gerhard Dobler.

„An einem Mess-Standort nahe Leipzig wurden 2016 und 2017 mit FSME infizierte Auwaldzecken gefunden“, so der Mediziner, der das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr leitet und Leiter des Deutschen Konsiliarlabors für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist.

Aber: „Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass Auwaldzecken auch Menschen befallen. Deutlich häufiger befallen sie jedoch Tiere.“ Auch gegen das durch diese Zeckenart übertragene FSME-Virus sei man mit einer FSME-Impfung geschützt.

Zecken bundesweit auf dem Vormarsch
Zwar sind nach wie vor vor allem Baden-Württemberg und Bayern von FSME-Infektionen betroffen: Dort traten 80 Prozent der erfassten Fälle auf. Doch die FSME-Fälle werden immer häufiger weiter im Norden registriert.

Erst vor kurzem veröffentlichte das Robert Koch-Institut (RKI) eine neue Karte der FSME-Risikogebiete in Deutschland.

„Was sich bereits in den vergangenen Jahren abzeichnete, können wir erneut bestätigen“, so PD Dr. Dobler. „Die FSME kommt inzwischen auch gehäuft in Niedersachsen und nahe der holländischen Grenze vor.“

FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) kann vor allem bei älteren Menschen schwer verlaufen. Bei etwa einem Drittel der Infizierten treten Krankheitserscheinungen auf.

Zunächst kommt es zu grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindel.

Bei rund zehn Prozent entstehe laut Ärzten auch eine Hirnhautentzündung und Gehirnentzündung mit der Gefahr von bleibenden Schäden wie Lähmungen. Bei ein bis zwei Prozent der Erkrankten führt die Erkrankung zum Tode.

Gesundheitsexperten raten Menschen, die in Risikogebieten leben oder sich dort häufiger aufhalten und in der Natur unterwegs sind, zur Impfung gegen FSME. (ad)