Ökotester: Versteckter Zucker in fast allen Lebensmittelprodukten

Die Lebensmittelhersteller nutzen eine Vielzahl an Tricks, um den Zuckergehalt ihrer Produkte zu verschleiern. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Fabian Peters
Lebensmittelhersteller nutzen zahlreiche Tricks zur Verschleierung des Zuckergehalts
Versteckter Zucker findet sich in zahlreichen Lebensmittelprodukten. Einem aktuellen Test der Zeitschrift „Ökotest“ zufolge ist versteckter Zucker in fast allen Fertiggerichten enthalten. „In Fertigpizza, Kartoffelsalat und Currywurst steckt jede Menge Zucker“, berichtet „Ökotest“. In ihrer Untersuchung entlarvten die Tester die Tricks der Hersteller beim Verstecken des Zuckers. „Wer auf Zucker verzichten will, muss eine Menge Vokabeln lernen“, so das Fazit von „Ökotest“.

Vielfach wird der hohe Zuckergehalt von Lebensmitteln verschleiert und für Verbraucher ist nur schwer nachvollziehbar, wie viel Zucker in den Nahrungsmitteln versteckt ist. Beispielsweise werden die Joghurt-Gums von Katjes in der Werbung von Ex-Topmodel Heidi Klum mit dem Satz beworben: „Alles ohne Fett!“ Hier verschleiere die Werbung, dass die Tüten voller Zucker stecken – im Katjes-Fall 52 Prozent, so die Mitteilung von „Ökotest“. Seit der hohe Zuckergehalt in Lebensmitteln in Verruf geraten ist, versuche die Industrie die Süße der Lebensmittel zu verstecken. Eingesetzt werde dieser vor allem als billiger Geschmacksträger. Die Experten von „Ökotest“ decken die Tricks der Lebensmittelindustrie beim Verschleiern des Zuckergehalts auf.

Die Lebensmittelhersteller nutzen eine Vielzahl an Tricks, um den Zuckergehalt ihrer Produkte zu verschleiern. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)
Die Lebensmittelhersteller nutzen eine Vielzahl an Tricks, um den Zuckergehalt ihrer Produkte zu verschleiern. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Erster Trick: Verwendung verschiedener Zuckerarten
Zunächst werde von vielen Herstellern bei der Deklaration der Inhaltsstoffe eine einfache Methode verwendet, damit der Zucker aufgrund der enthaltenen Mengen nicht auf Platz eins der Zutatenliste landet. Sie verwenden verschiedene Zuckerarten, die dann jeweils einzeln weiter unten in der Zutatenliste aufgeführt werden. Nur durch einen Blick auf die Nährwertdeklaration werde hier deutlich, dass Zucker die Hauptzutat ist. Zwar müssen die Zutaten eigentlich mengenmäßig sortiert in absteigender Reihenfolge deklariert werden, doch weil viele Hersteller nicht einfach „Zucker“ verwenden, sondern zum Beispiel mit Glukose-Fruktose-Sirup, Invertzuckersirup, Dextrose oder Süßmolkenpulver süßen, werden die verschiedenen Zuckerarten nicht auf Platz 1, sondern beispielsweise auf Platz 3, 5, 9 und 10 der Zutatenliste gelistet, berichtet „Ökotest“.

Zweiter Trick: Einsatz „natürlicher Süße“
Für Verbraucher klingt die Angabe „nur natürliche Süße“ relativ gesund, wobei die Experten von „Ökotest“ allerdings darauf hinweisen, dass „es sich in vielen Fällen nicht um die natürliche Süße aus Milch, Gemüse oder Obst, sondern um hoch konzentrierte, getrocknete, teils mehrfach verarbeitete Pulver“ handelt. Diese würden nur noch einem einzigen Zweck dienen: Zu süßen. Die vielfach verwendete „Fruchtsüße“ sei so ein Beispiel. Sie ist „nichts anderes als ein Gemisch aus Fruktose und Glukose, das ernährungsphysiologisch dem Haushaltszucker weitgehend gleichzusetzen ist“, berichtet „Ökotest“. Denn auch der Haushaltszucker sei chemisch gesehen ein Disaccharid, also ein Zweifachzucker, der aus den Monosacchariden Glukose und Fruktose besteht. Selbst wenn sich hartnäckig das Gerücht halte, Fruchtzucker sei dem herkömmlichen vorzuziehen, sind „bestimmte Zuckerarten nicht gesünder oder besser als andere“, zitiert „Ökotest“ die Expertin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Antje Gahl.

Dritter Trick: Unterschiedliche Bezeichnungen
Wie bereits erwähnt, setzten die Hersteller oft verschiedene Zuckerarten ein, was eine Platzierung weiter hinten auf der Zutatenliste ermöglicht. Hierbei werden oftmals auch Süßungsmittel verwendet, die begrifflich keinen Zusammenhang mit Zucker vermuten lassen. Bei der direkten Bezeichnung „Zucker“ oder auch bei der Angabe „Sirup“ ist den meisten Verbrauchern klar, worum es sich handelt. Allerdings setzen viele Hersteller Süße ein, „die sich hinter Begriffen wie Maltodextrin, Oligofruktose oder Dextrose verbirgt“, berichtet „Ökotest“. Zunächst müssen Verbraucherinnen und Verbraucher daher eine Vielzahl von Vokabeln lernen, um auf Zucker zu verzichten.

Vierter Trick: „Weniger Fett“ und „weniger süß“
Zucker und Fett bilden maßgebliche Geschmacksträger in vielen Fertiglebensmitteln. Wird der Gehalt des einen Inhaltsstoffs reduziert, muss daher meist von dem anderen mehr hinzugefügt werden, um die Geschmackseinbußen auszugleichen. Deswegen bedeute die Bezeichnung „weniger Fett“ oft „mehr Zucker“, berichtet „Ökotest“. Auch sei die Auszeichnung „weniger süß“ noch lange nicht mit „wenig süß“ gleichzusetzen. Lebensmittelrechtlich bedeutet diese Bezeichnung nichts anderes als „30 Prozent weniger süß“ als ein Vergleichslebensmittel, erläutern die Experte. Daher könne „weniger süß“ heißen, dass das Produkt trotzdem zu mehr als der Hälfte aus Zucker besteht.

Fünfter Trick: Kleine Portionsgrößen als Referenzmenge
Die Angaben zu dem Gehalt an Fett, Zucker oder Salz werden auf den Lebensmitteln meist in Bezug zu der empfohlenen Tagesmenge des jeweiligen Inhaltsstoffs gesetzt. Allerdings beziehe sich die Referenzmenge auf eine Portion des Lebensmittels und je kleiner ein Hersteller diese bemisst, desto geringer wirke der Anteil des Lebensmittels an der täglichen Gesamtmenge. So lässt sich die Menge des aufgenommen Zuckers durch eine entsprechende Absenkung der Portionsgröße leicht reduzieren. „Ökotest“ nennt hier die halbe Pizza als ein beliebtes Beispiel, um Fett- und Salzgehalte schnell optisch zu halbieren. Noch dreister sei der gängige Trick, die „Referenzmenge für einen durchschnittlichen Erwachsenen“ auf einem Lebensmittel für Kinder abzudrucken. Den Angaben von „Ökotest“ zufolge liegt die EU-Referenzmenge für Zucker bei 90 Gramm am Tag, was etwa 30 Stück Würfelzucker entspricht. Dies Angabe beziehe sich allerdings auf den Gesamtzucker. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO ) empfehle seit neuestem möglichst nicht mehr als 25 Gramm Zucker am Tag aufzunehmen (früher 50 Gramm), beziehe sich dabei aber nur auf den zugefügten Zucker, während Milch, Obst und Gemüse nicht hinzugerechnet werden.

Versteckter Zucker in allen getesteten Produkten
Für die aktuelle Untersuchung hatte „Ökotest“ 34 Lebensmittelprodukte im Labor auf ihren Zuckergehalt analysieren lassen, mit dem Ergebnis, dass in allen getesteten Lebensmitteln jede Menge Zucker steckte. „Eine Meica Curry King Echte Meica Currywurst schafft es alleine auf fast 100 Prozent der strengeren WHO-Empfehlung; mit einer Flasche Müller Frucht Buttermilch Multi-Vitamin nimmt man sogar sage und schreibe 59,5 Gramm Zucker zu sich“, berichtet Ökotest. Die Hersteller ziehen bei der Verschleierung des Zuckergehalts alle Register. So werbe beispielsweise Rewe für seinen „Rewe Beste Wahl Typ Cappuccino“ mit der Kennzeichnung „ohne Zuckerzusatz“, obwohl das Pulver fast zur Hälfte aus zuckrigen Zutaten besteht, betont „Ökotest“. Von den Cornflakes-Anbietern sei der Zuckergehalt über die Angabe von 30-Gramm-Portionen kleingerechnet worden und auch die Angabe der Referenzmenge für Erwachsene wurde hier beispielsweise bei Kellogg’s Frosties oder den Kölln Cerealien Zauberfleks Honig genutzt, obwohl die Anbieter mit bunten Comicbildchen gezielt Kinder ansprechen.

Tricks der Hersteller aufdecken
Versteckter Zucker findet sich laut Angaben von „Ökotest“ auch in Salaten, „herzhaften“ Fertiggerichten, Soßen und Joghurts. Im Einkaufswagen sei meist eine breite Palette an Lebensmitteln mit hohen Zuckergehalten auszumachen, in denen Verbraucher keinen oder deutlich weniger Zucker erwarten. Die meisten süßenden Zutaten im Test seien bei der Pizza Tradizionale Speciale von Dr. Oetker festzustellen gewesen, allerdings habe der Hersteller das Rezept für den Pizzateig bereits geändert, so dass der Zuckerhalt nun geringer ausfalle, berichtet „Ökotest“. Auch zielte die Untersuchung nicht darauf ab, ein Gesamturteil abzugeben, sondern die Experten wollten nach eigenen Angaben in erster Linie die Tricks der Hersteller in Sachen Zuckerverstecken aufdecken. (fp)

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