Onkologe: Krebsmedikamente oft überteuert und vielfach ohne Wirkung

Fabian Peters
Krebsmedikamente oft überteuert und teilweise wirkungslos
Es gibt nach Einschätzung von Krebsspezialisten mindestens ein halbes Dutzend Krebsmedikamente, die völlig überteuert sind. Zu diesen Medikamenten gehören zum Beispiel Arzneien, die zur Behandlung von Darmkrebs entwickelt wurden. „Ihr Preis kann jährlich 100.000 Dollar übersteigen“, erklärten die Experten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Der Verkauf von Krebsmedikamenten ist ein stark wachsender Markt. Die weltweiten Ausgaben für diese Arzneimittel erzielten im Jahr 2014 über 100 Milliarden Dollar. Die Ausgaben steigen von Jahr zu Jahr um ungefähr zehn Prozent. Viele Firmen versuchen, sich nun auch ein Stück vom Kuchen zu sichern. Aus diesem Grund werden immer mehr neue Produkte entwickelt. Einige haben geringe Heilwirkung und viele sind überteuert. Hierzu erklärte Dr. Peter Bach vom „Memorial Sloan Kettering Cancer Center“ in New York, dass es sinnlose Medikamente geben würde.

Angesichts ihres geringen Nutzen sei der Preis viel zu hoch. Es gäbe Medikamente, die 10.000 Dollar pro Monat kosten. Durch diese Arzneien werde das Leben des Erkrankten aber meist nur um wenige Wochen verlängert. Die „Kaiser Family Foundation“ erklärte hierzu, dass mehr als ein Viertel der Ausgaben von Krankenversicherungen für Senioren in Amerika, für Dienstleistungen an Menschen in ihrem letzten Lebensjahr vorgesehen sind.

Viele Krebsmedikamente sind überteuert und haben kaum Nutzen. (Bild: Ocskay Mark/fotolia.com)
Viele Krebsmedikamente sind überteuert und haben kaum Nutzen. (Bild: Ocskay Mark/fotolia.com)

Einige Wochen längeres Leben für viel Geld
Einige Ärzte behaupten, dass eine paar Wochen längeres Leben auch sehr starke Nebenwirkungen wert sind, zumindest für manche Menschen. Für andere Erkrankte kann der potentielle Nutzen aber nicht die Kosten überwiegen.

Darmkrebsmedikamente massiv überteuert
Medikamente wie zum Beispiel Cyramza und Avastin wurden dazu entwickelt, fortgeschrittenen Dickdarmkrebs in Kombination mit einer Chemotherapie zu behandeln. Die Firma Eli Lilly & Co hatte Cyramza im Jahr 2014 auf dem Markt gebracht. Das Medikament sollte ursprünglich gegen Magenkrebs eingesetzt werden. Dann wurde das Arzneimittel auch eingesetzt um Darmkrebserkrankungen zu bekämpfen. Hier konkurrierte es mit Avastin von der Roche Holding AG. Cyramza wurde zum doppelten Preis von Avastin verkauft. Dr. Leonard Saltz, Leiter der gastrointestinalen Onkologie vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center, erklärte, dass er niemanden kenne, der Cyramza gegen Darmkrebs nutze. Der Konkurrent Avastin verlängere zumindest die Lebenserwartungen um ungefähr vier bis sechs Wochen im Vergleich zu einer Chemotherapie ohne ähnliche Produkte. Auch dieses Medikament sei massiv überteuert und werde zu oft eingesetzt.

Hersteller sehen hohen medizinischen Bedarf für ihre Produkte
Cyramza-Hersteller Lilly erklärte, dass es einen hohen medizinischen Bedarf für ihr Produkt gebe. Dr. Lowell Schnipper vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston erklärte indes, dass Cyramza für den Preis von sieben bis neun tausend Dollar pro Monat einen äußerst begrenzten Nutzen habe. Der Produzent Bayer sieht sein Produkt Stivarga als eine wichtige und preisgünstige Behandlungsoption an. Die Kosten für eine komplette Behandlung mit Stivarga betragen knapp 70.000 Dollar.

Preissystem für Krebsmedikamente muss überarbeitet werden
In Amerika bezahlen die meisten Patienten den größten Teil ihrer Gesundheitskosten selber. Dies geschieht in Form von höheren Selbstbeiträgen, Zuzahlungen und Prämien. Manche Versicherungen verlangen Zuzahlungen ihrer Patienten von bis zu 30 Prozent für Krebsmedikamente. Bei vielen gibt es trotzdem eine Höchstgrenze für diese Kosten. Unter Präsident Obama wurden die Obergrenzen für Zuzahlungen bei einzelnen Verbrauchern auf 6.600 Dollar und für Familien auf 13.200 Dollar festgelegt. Trotzdem ist es wichtig, dass das Preissystem überarbeitet und strenger kontrolliert wird. Ein Medikament, das weniger effektiv ist als sein Konkurrent, sollte nicht mehr kosten.

Behandlungskosten für Krebs steigen stetig an
Von 51 Behandlungen mit Krebsmedikamenten zwischen den Jahren 2009 und 2013 hatten 21 Behandlungen einen durchschnittlichen Jahrespreis von 116.100 Dollar. Die Preise für neuere Produkte lagen bei den restlichen 30 Arzneien um die 119.765 Dollar im Jahr, stellt eine Studie der „American Medical Association Oncology“ fest. Die Kosten für eine Behandlung steigen stetig an. Im Jahr 1995 zahlten Erkrankte und ihr Versicherer noch ungefähr 54.100 Dollar für ein zusätzliches Lebensjahr. Im Jahr 2013 liegt der Preis mittlerweile bei 207.000 Dollar. Dies ergab eine Studie des „National Bureau of Economic Research“.

Dr. Saltz erklärte, dass Cyramza für die Behandlung von Darmkrebs sehr viel kosten würde, aber nichts bewirke. Problematischer sei die Einschätzung des Einsatzes von sehr teuren Medikamenten, die nur sehr kleine Erfolge vorweisen können. Ein gutes Beispiel hierfür ist Stivarga. Es kostet um die 12.000 bis 13.000 Dollar pro Monat. Konsumenten fühlen sich oft müde und bekommen Hautausschlag an Händen und Füßen. Versicherungen zahlen Zuschüsse, aber die Patienten müssen eine erhebliche Menge vorab bezahlen. Saltz erklärte, als das Medikament neu war, habe er es öfter verschrieben. Dann erkannte er, dass die meisten Patienten sich schlechter gefühlt hätten. Heutzutage erkläre der Mediziner lange und ausführlich, welche Auswirkungen und Nebenwirkungen die Arznei habe. Die meisten seiner Patienten entscheiden sich deswegen, das Medikament nicht zu benutzen. (as)