Organspende-Skandal: Ruf nach mehr Kontrollen

Sebastian

Organspende-Skandal: Experten fordern schärfere Kontrollen bei der Vergabe von Spenderorganen

22.07.2012

Der Skandal um Manipulationen bei Organtransplantation hat die Politik aufgeschreckt. Zahlreiche Experten forderten am Wochenende verschärfte Kontrollen und härtere Strafen. Eine mögliche Folge könnte das sogenannte „Vier-Augen-Prinzip“ bei der Übermittlung der Organspende-Daten sein. Ärzteschaft und Eurotransplant sind sich in der Frage noch nicht einig, welche Konsequenzen gezogen werden sollen. Politiker befürchten aufgrund des Skandals einen deutlichen Rückgang der Spendenbereitschaft der Bevölkerung.

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Laut der ermittelnden Behörden hat sich der ehemalige Oberarzt der Göttinger Universitätsklinik noch nicht zu den Anschuldigungen geäußert. Zunächst wolle der Verdächtige mit seinem Anwalt das weitere Vorgehen besprechen, wie es aus Kreisen der Ermittlungsbehörden hieß. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig erklärte am Sonntag, der Mediziner hat „bislang nicht die Möglichkeit genutzt sich öffentlich zu den Ereignissen zu äußern“. Nach Angaben der Klinikleitung hat der Oberarzt den Vorwurf der Manipulation der Organspendendaten allerdings nie bestätigt. Ein möglicherweise vereinbarter Tantiemen-Vertrag werde mit in die Suche nach dem Motiv in die Ermittlungen einfließen, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft betonte. Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass der 45jährige Arzt für die Ermittler „jederzeit erreichbar“ ist. „Die Ermittlungen können noch Monate dauern“, so die Sprecherin. Es sei noch ungewiss, wann diese abgeschlossen seien.

Gegen den Oberarzt wurde schon einmal ermittelt
Dem ehemalige leitenden Oberarzt der Göttinger Klinik wird vorgeworfen, Akten dahingehend gefälscht zu haben, so dass einige auf eine Lebertransplantation wartende Patienten bei der Wartezeit deutlich bevorzugt wurden. Es wird vermutet, dass der Arzt dafür Gelder erhalten hat. Nach Angaben der Klinikleitung am Samstag geht man davon, dass noch weitere Mitarbeiter von dem Treiben mindestens gewusst haben. Es sei „unwahrscheinlich eine solche Tat allein durchzuführen“, wie es hieß. Unterdessen wies das Universitätsklinikum den Vorwurf zurück, bei der Auswahl des Personals „unachtsam“ gewesen zu sein. Laut der „Süddeutsche Zeitung“ wurde bereits in der Vergangenheit gegen den Angeschuldigten ermittelt, weil dieser eine für die Klinik in Regensburg vorgesehene Leber nach Jordanien überstellen ließ. Der Chef der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Hans Lilie, hatte gegenüber dem Radiosender „NDR INFO“ gesagt, „er sei überrascht darüber, dass die Klinik überhaupt den Arzt nach der Ermittlung angestellt hat“.

Vier-Augen-Prinzip für Kontrollen
Im Zuge des Skandals schlägt Lilie eine weitere Kontrollinstanz für die Überprüfung von Organspende-Daten vor. Seiner Ansicht nach müsse ein Vier-Augen-Prinzip eingeführt werden. Ein unabhängiger Laborarzt soll die Daten noch einmal prüfen, so der Chef der Ständigen Kommission. So sagte Lilie gegenüber der Tageszeitung „Welt“: „Ich verfolge die Idee, dass ein Laborarzt die Daten, die Eurotransplant geschickt werden, noch einmal prüfen sollte.“ Eurotransplant ist in Deutschland die Hauptstelle für die Vermittlung von Organspenden. Im NDR sagt er weiter, es würde sich seiner Meinung um einen Einzelfall handeln und nicht unbedingt „um ein Versagen des Systems“.

Für diese Kontrollinstanz spricht sich der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Essen und Mitglied des Ethikrates, Eckhard Nagel aus. Zudem sollten weniger Transplantationszentren in Deutschland existieren, damit diese besser überprüfbar werden. Für schärfere Kontrollen sprach sich auch der Ärztliche Direktor von Eurotransplant, Axel Rahmel, in dem ZDF „Heute Journal“ aus.
Für den Vorschlag des „Vier-Augen-Prinzips“ warb auch Eckhard Nagel, Ärztedirektor des Universitätsklinikum Essen in der Zeitung „Welt“. Nach Ansicht des Direktors „würde die Sicherheit vor Ort und die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung von Betrügereien erhöhen, wenn zwei Ärzte die Befunde unterschreiben müssten.“ Der Mediziner ist gleichzeitig auch Mitglied des Deutschen Ethikrates. Nagel hatte seinerzeit den SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier vor der Nieren-Spende an dessen Frau beraten. Nagel warnte im Zuge dessen „vor einem Vertrauensverlust der Transplantationsmedizin in Deutschland.“

Stichproben nach dem Zufallsprinzip
Der Chef der Organvermittlungsstelle „Eurotransplant“, Bruno Meiser, befürwortet Stichproben als Kontrollmaßnahme in den Transplantationszentren. „Jedes postmortal gespendete Organ ist einmalig, ein Akt der Nächstenliebe über den Tod des Spenders hinaus“, argumentierte Meiser gegenüber der „Welt am Sonntag“. „Mit diesem kostbaren Gut müssen wir nach höchsten ethischen Grundsätzen umgehen.“

Ebenfalls gegen das favorisierte „Vier-Augen-Prinzip“ ist der Vorsitzende der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst. Für manche Entscheidungen sei das Verfahren nicht „günstig“ und praktisch auch nicht immer machbar“, kritisierte er in der „Welt“. Windhorst ist ebenfalls Mitglied der Kommission Organtransplantation. Das System muss „nicht revolutioniert werden“. Vielmehr gehe er nicht davon aus, dass alle Ärzte der Korruption verfallen seien. Stattdessen sollten alle Zentren überprüft werden, ob diese bislang richtig gearbeitet haben. Das solle mit Einzelfallprüfungen und nach dem Prinzip des Zufalls geschehen, forderte Windhorst.

Gesundheitsminister besorgt über Vertrauen
Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ist besorgt darüber, dass der Skandal wohl möglich die Spendenbereitschaft reduziere. Zugleich zeigte sich Bahr „erfreut darüber, dass nun eine „offen geführte Diskussion zwischen den Experten in Gang gesetzt wurde“. Zwar positionierte sich der Minister nicht für eine der vorgeschlagenen Kontrollen, warb aber dennoch für „bessere Regeln und Verfahren“ für Transplantationen. "Ich appelliere an die Bürger, aus den Vorwürfen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen", sagte der Minister in der "Welt". "Schließlich retten Organspenden das Leben"

Auch Windhorst sieht die Gefahr eines Nachlassens der Bereitschaft zur Organspende. Der Organspende-Skandal sei ein absoluter „Super-Gau“ für das Vertrauen der Menschen in die Organtransplantation. Im Normalfall seien kriminelle Handlungen völlig ausgeschlossen. Doch die momentan vorherrschende mangelnde Verwaltung bei den Spenderorganen „öffnet krimineller Energie nun Tür und Tor.“

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass an der Universitätsklinik Göttingen ein leitender Mediziner im Bereich der Abteilung für Transplantationen, Krankenakten manipuliert haben soll. Diese Handlungen „sollen im großen Stil geschehen sein“, wie die Klinikleitung am Wochenende einräumte. Einige Patienten sollen durch die Manipulationen bei Spenderleber-Transplantationen bevorzugt worden sein. So wurden unter anderem Laborwerte verändert und Dialyseprotokolle gefälscht, um neben der schweren Erkrankung der Leber auch Nierenerkrankungen vorzutäuschen. Solche Werte und Diagnosen verbessern die Position auf der Warteliste, weshalb einige Patienten schneller ein Spenderorgan transplantiert bekamen. Der bereits von Klinik entlassene Hauptverdächtige schweigt zu den Vorwürfen bzw. bestreitet diese gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber. (sb)