Orthorexie: Wenn die eigene Gesundheit zum ständigen Zwang wird

Sebastian
Gesundes Essen kann auch zum Zwang werden
Biologisch, Vollwertkost, spezielle Diäten: Immer mehr Menschen achten genau darauf, welche Lebensmittel sie zu sich nehmen. Zwar ist gesunde Ernährung im Prinzip nicht verkehrt, manche Menschen bekommen damit jedoch Probleme. Wenn sie von der vermeintlich richtigen Ernährung regelrecht besessen sind, sprechen Experten von der Essstörung „Orthorexie“.
Gesunde Ernährung liegt im Trend
Immer mehr Verbraucher schwören auf grüne Smoothies, die jedoch oft wegen einem hohen Zuckeranteil weniger gesund sind als gedacht. Andere setzen verstärkt auf sogenanntes „Clean Eating“ ohne verarbeitete Lebensmittel, auf vegane Speisen oder die Paelo-Diät, mit der man durch Steinzeit-Essen abnehmen kann. Ganz allgemein ist die Zahl der Menschen gestiegen, die sich intensiv mit der Frage beschäftigen, was das richtige Essen für sie ist. Allerdings kann genau das krankhaft werden – wenn der Wunsch nach gesundem Essen bei den Betroffenen regelrecht zur Besessenheit wird. Fachleute sprechen dann von der Essstörung Orthorexie nervosa.

Bild: monticellllo - fotolia
Bild: monticellllo – fotolia

„Verzehr von ausschließlich gesunden Lebensmitteln“
„Orthorexie ist eine Fixierung auf den Verzehr von ausschließlich gesunden Lebensmitteln“, erläuterte Friederike Barthels vom Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf laut einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa. Es gebe dabei jedoch ein Problem: „Die Definition, was gesund ist, ist individuell verschieden. Dadurch besteht die Gefahr, dass es eben nicht mehr gesund ist, sondern sehr einseitig und sehr extrem.“ Bei Betroffenen zeigen sich nicht nur körperliche Auswirkungen; laut Experten vereinsamen sie auch häufig, weil Einladungen zum Essen bei Freunden abgelehnt werden, um nicht vom Ernährungsplan abweichen zu müssen. Zudem versuchten sie manchmal, andere zu „missionieren“, die sich deshalb zurückziehen.

Helmut Schatz, früherer Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, die sich mit Hormonen und dem Stoffwechsel beschäftigt, thematisierte die Gefahr der Vereinsamung: „Betroffene verlieren oft die sozialen Kontakte, weil ein Restaurantbesuch mit Freunden und Familie für sie kaum noch möglich ist“, so der Experte. Schatz zufolge ist Orthorexie zunächst einmal eine Essbesonderheit. „Stellt sich aber ein Zwang ein und leidet der Mensch darunter, dann wird es krankhaft.“

Vor allem jüngere Frauen sind betroffen
Derzeit ist Orthorexie in Deutschland kein anerkanntes Krankheitsbild. Nach Ansicht von Fachleuten hängt sie aber eng zusammen mit der Anorexie, also Magersucht. „In beiden Fällen selektieren Betroffene ihre Ernährung sehr genau und streichen viele Lebensmittel vom Speiseplan“, erklärte die Psychologin Barthels. „Es sind im Grunde verschiedene Facetten des Weglassens von Nahrung.“ Cora Weber, Fachärztin für Psychosomatische Medizin an der Berliner Charité sieht darin auch ein Zeitgeist-Phänomen, das mit der Rückbesinnung auf die Natur, oder auch mit den Lebensmittelskandalen der jüngsten Zeit zu tun hat: „Es ist der Wunsch nach Kontrolle und Gesundheit.“

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Dass Gesundheit – noch vor Freiheit und Erfolg – die höchste Bedeutung für die Deutschen hat, geht auch aus dem jüngst veröffentlichten Werte-Index des Trendforschers Peter Wippermann hervor. Ein Massenphänomen ist Orthorexie hierzulande jedoch nicht. Laut Barthels neigen in Studien etwa ein bis drei Prozent der Teilnehmer zu entsprechendem Verhalten, wobei sich ein Prozent extrem verhalte. Den Angaben zufolge seien vor allem jüngere Frauen betroffen.

Mangelerscheinungen durch einseitige Ernährung
Ein Problem ist oft, wenn Betroffene von ihrem Verhalten überzeugt sind und es nicht ändern wollen. Eher bereit für eine Therapie seien Experten zufolge diejenigen, bei denen sich aufgrund einer sehr einseitigen Ernährung bereits Mangelerscheinungen eingestellt haben. Nicht selten kommt es zu Untergewicht. Außerdem zeigt sich Mangelernährung auf körperlicher Ebene oft durch Symptome wie niedriger Blutdruck, verlangsamten Puls, Appetitlosigkeit, Durchfall oder Übelkeit. Erkennbar sind die Auswirkungen einer Mangelernährung zunächst ganz allgemein durch körperliche Schwäche, Antriebslosigkeit und Müdigkeit. Gar nicht so einfach ist die Antwort auf die Frage, was eigentlich gesund ist.

„Ein Richtwert sind die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung“, meinte Barthels. Neben pflanzlichen Lebensmitteln empfiehlt die Gesellschaft vor allem reichlich Getreideprodukte und Kartoffeln sowie fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag. „Ein Stück Schokolade ist kein Weltuntergang. Die Wochenbilanz sollte stimmen“, so Barthels. (ad)