Ostdeutsche leiden mehr an Volkskrankheiten

Sebastian

In Ostdeutschland leiden die Menschen mehr an sogenannten Volkskrankheiten

01.09.2011

Nach einer Auswertung der Krankenkasse Barmer GEK leiden die Menschen in Ostdeutschland vermehrt an sogenannte Volkskrankheiten. Gemessen an Fläche und Einwohnerzahl treten Leiden des Herzens und des Kreislaufs sowie Stoffwechselstörungen signifikant häufiger auf, als im Westen. Die Westdeutschen leiden im Gegensatz in einigen Regionen gehäufter an psychischen Störungen wie Depressionen.

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Statisch gesehen leiden die Menschen in den neuen Bundesländern 20 Jahre nach dem Mauerfall häufiger an schweren Krankheiten, als die Menschen im westlichen Teil Deutschlands. Um die Daten zu erheben, bediente sich die Kasse ihrer Patientendaten der rund 8,4 Millionen Versicherten (12 Prozent der Bundesbürger). In der Studie „Gesundheitswesen aktuell 2011“ verglichen die Statistiker das regionale Auftreten von rund 80 Erkrankungen, wie beispielsweise des Herz-Kreislauf-Systems (Herzinfarkt, Schlaganfall), der Psyche (Depressionen) oder dem Stoffwechsel (Diabetes). Zusammengefasst wurden deutliche Unterschiede zwischen Ost und West ermittelt. Einwohner im Bundesland Sachsen, hier besonders in den Regionen Halle und Schwerin, sind laut der Datenerhebung besonders für krankheitsbedingte Leiden anfällig. Am wenigsten sind die Menschen hingegen im südlichen Baden-Württemberg, besonders in der Region Stuttgart und Ulm, krankheitsanfällig.

Hohe Altersstruktur und weniger Ärzte
Bei der Studie ging es vor allem darum zu analysieren, warum die Unterschiede derart signifikant auftreten. Hauptgrund für die besonderen regionalen Verschiedenheiten zwischen Ost und West ist im Wesentlichen die Altersstruktur. In den letzten 10 bis 20 Jahren zogen vor allem junge Arbeitnehmer in die alten Bundesländer, weil dort die Jobperspektiven noch immer besser sind. Demnach stieg unweigerlich der Altersdurchschnitt der Gesamtbevölkerung, insbesondere in den Ländern Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen. Das höhere Alter der Menschen ist jedoch nicht der einzige Grund. Unter denen, die dem Osten den Rücken kehrten, sind besonders Hochschulabsolventen und Bundesbürger mit einem überdurchschnittlichen Einkommen. Nach Angaben der Studienautoren habe somit eine „Gesundheitsmigration“ stattgefunden. Andere Studien zu dieser Thematik hatten in der Vergangenheit ermittelt, dass die Einkommensstruktur und Bildung einen wesentlichen Faktor bei der Sterberate und den Gesundheitsrisiken spielt. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, ernährt sich im Allgemeinen gesünder und bewegt sich auch mehr. Zusätzlich haben Besserverdiener mehr Einfluss auf ihre „Gesundheitschancen“, weil sie mehr finanzielle Möglichkeiten an der Hand haben. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte auch Uwe Repschläger, Herausgeber des Reports und oberster Barmer-Controller. Zusammengefasst zeigt Bildung und Haushaltseinkommen einen bedeutenden Einfluss auf die Gesundheit der Menschen.

In diesem Kontext warnte der Vorstand der Barmer GEK, Christoph Straub, vor einer schlechten Gesundheitsversorgung in Regionen mit vielen Patienten. „Der Wohnort darf nicht die Versorgungsqualität bestimmen“, so Straub. Als längerfristiges Ziel nannte der Barmer-Chef, die Gebietsunterschiede in der Versorgung aufzuheben. Hier ist eine gezielte Gesundheitspolitik gefordert.

Mehr Diabetiker in Ostdeutschland
In Ostdeutschland sind deutlich mehr Menschen an der Stoffwechselerkrankung Diabetes erkrankt, als im Westen. Besonders hervor tritt hierbei das Land Sachsen-Anhalt. In diesem Bundesland gibt es mehr Folgekomplikationen wie die diabetische Neuropathie oder Nierenerkrankungen, als in den anderen Bundesgebieten. Schwerpunkte bilden hier vor allem Leipzig, Halle und Görlitz. In vornehmlich westlichen Bundesländern wie Niedersachsen, Hamburg oder Baden-Württemberg leben im Durchschnitt am wenigsten Diabetiker.

Häufigeres Auftreten von Herzinfarkten
Deutlich mehr Ostdeutsche leiden im Bundesvergleich an Herz-Kreislauf-Beschwerden. In den Städten Dessau, Cottbus und Halle erleiden die meisten Patienten an einen Herzinfarkt oder haben mit Bluthochdruck zu kämpfen. Höhere Werte in Bezug auf Kreislauferkrankungen sind auch in einigen Regionen des Saarlands, Bayern und des Ruhrgebiets zu verzeichnen. Am wenigsten betroffen – gemessen am bundesdeutschen Durchschnitt – sind die Menschen in Schleswig-Holstein, Südbayern und Baden-Württemberg. Statische Auffälligkeiten bereiten die überproportional vorhandenen ostdeutschen Haushalte, in denen nur eine Person lebt. Das Alleinsein fördert nicht nur seelische Krankheiten, sondern auch körperliche Beschwerden. Hier sehen die Experten, neben dem vorherrschenden hohen Altersdurchschnitt, ebenfalls ein Problemfeld.

Depressionen im Westen
Bei den psychischen Erkrankungen zeigt sich indes ein völlig anderes Bild. Vor allem in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Bremen wurden am häufigsten seelische Leiden wie Depressionen oder Burn-Out diagnostiziert. Eine Ausnahme in der Statistik bildet das Bundesland Bayern. Auch hier existiert eine erhöhte Rate des Auftretens depressiver Verstimmungen. Allerdings sehen die Autoren hier den Grund nicht in der Bevölkerungsstruktur, sondern „einem Überangebot von Psychologen und Therapeuten“. Nach Meinung des Studienautors Repschläger gebe es „deshalb auch mehr psychische Erkrankungen“ im Freistaat. Ob dem so ist, ist allerdings nur eine Mutmaßung. Denn die Zahl der Psychotherapeuten ist in Bayern im Vergleich zum restlichen Bundesgebiet nur leicht überdurchschnittlich. Zudem ist die Versorgungsdichte in Städten wie Hamburg oder Berlin weitaus höher.

Mehr Ärzte mehr Diagnosen
Im Wesentlichen gilt, wo mehr Ärzte mit ambulanten Praxen niedergelassen sind, werden auch mehr Krankheiten versorgt und diagnostiziert. Auf der anderen Seite existiert – wie auch von der Politik bereits erkannt – eine ungleiche Verteilung der Versorgung. Während beispielsweise in Städten Ärzte quasi nebeneinander praktizieren, müssen Landbewohner oder Ostdeutsche teilweise kilometerlange Wege zurücklegen, um ärztlich behandelt zu werden. Die Krankenkassen sprechen in diesem Kontext von einer „Fehlversorgung“, die sich durch das gesamte Bundesgebiet hindurch zieht. „In den großen Städten gibt es zu viele Fachärzte und in den ländlichen Regionen zu wenige Ärzte“, meint der Vorsitzende der Barmer GEK. Aber: Deutschland gilt im europäischen Vergleich noch immer zu den führenden Ländern, wenn es um die Gesundheitsversorgung von Patienten geht.

Alkoholkranke im Norden
Ein überraschendes Ergebnis der Auswertung ist die Tatsache, dass in den nördlichen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein überdurchschnittlich viele alkoholkranke Menschen leben. Ob die teilweise vorherrschende Einsamkeit ein Rolle spielt, kann nur vermutet werden. Möglich wäre auch, dass ein Zusammenhang zwischen Alkohol und den typischen Küstenberufen in der Fischerei und Werften besteht, wie ein Sprecher der Krankenkasse meinte. Einen wirklichen Hinweis hierfür gibt die Analyse nicht her. Um den Ursachen auf den Grund zugehen, müssten eingehende Forschungen betrieben werden. Ein schlechtes Signal zeigt sich auch bei den multiresistenten Bakterien (MRSA) in Krankenhäusern. Hier hat sich die Infektionsrate deutlich erhöht. Viele Patienten stecken sich an, ohne typische Beschwerden zu zeigen. Die Infizierte tragen so unbewusst zur Verbreitung der gefährlichen Keime bei. (sb)