Patientenrisiko: Bestimmte Untersuchungen sind oft überflüssig

Sebastian
Viele medizinische Angebote die Ärzte anbieten, bringen den Patienten keinen Nutzen. Oft sind sie nicht nur unnütz, sondern können sogar schädlich sein, wenn etwa Ultraschall-Befunde zu unnötigen Operationen führen oder Röntgenbilder außer Strahlung nichts bringen. Experten und Krankenkassen wollen nun besser aufklären.

Fakten gegen die „Desinformation“
Manche Früherkennungsuntersuchungen wie die von Eierstock- oder Prostatakrebs bringen Patienten oft keinen Vorteil: Statistiken zufolge bleibt die Todesrate gleich. Röntgenaufnahmen sind manchmal sogar gefährlich und Ultraschall-Befunde können zu unnötigen Operationen führen. Millionen ärztliche Untersuchungen hierzulande sind unnütz und teilweise gesundheitsschädigend. Experten und Krankenkassen wollen Patienten nun einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa zufolge besser aufklären. Fakten sollen gegen die „Desinformation“ helfen.

Viele Untersuchungen sind unsinnig. (Bild: Robert Kneschke/fotolia)
Viele Untersuchungen sind unsinnig. (Bild: Robert Kneschke/fotolia)

Röntgen schadet oft mehr
Eigentlich ist Medizinern bekannt, dass an der Volkskrankheit Rückenschmerzen nicht immer das Kreuz selbst Schuld ist.  Doch trotzdem lassen viele Ärzte ihre Patienten erst einmal röntgen, denn schließlich soll kein Knochenschaden als mögliche Ursache unentdeckt bleiben. Allerdings ist dabei – wie bei vielen anderen Untersuchungen – das Risiko meist größer als der Nutzen. So wurden in einer einschlägigen Untersuchung Rückenschmerz-Patienten mit und ohne Röntgenuntersuchung verglichen. Dabei wurde festgestellt, dass von denen mit Röntgenbild nach neun Monaten immer noch 65 Prozent einen anhaltenden Schmerz hatten. Von denen ohne eine solche Aufnahme waren es 57 Prozent. Pro Jahr gehen auf Röntgenstrahlen und Computertomografie rund 2.000 Krebserkrankungen zurück – bezogen auf alle Körperregionen. Angezeigt ist Röntgen laut der dpa-Meldung bei Schmerzen nach Unfällen oder Verletzungen.

Gesundheitsinformationen im Internet
Seit Dienstag sind nun sogenannte AOK-“Faktenboxen“ online. Dies ist nur ein Beispiel, wo man im Internet leicht verständliche Informationen nach aktuellem wissenschaftlichen Stand über Diagnosen und Therapien erhält. Auch die Bertelsmann-Stiftung sowie das zur Max-Planck-Gesellschaft gehörende Harding-Zentrum, das auch die AOK-Boxen entwickelte, stellen ähnliche Infos bereit. Eigentlich fehlt es insgesamt nicht an Gesundheitsinformationen im Netz, was sollen also solche Angebote? Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig hält unabhängige Hinweise auf Nutzen und mögliche Schäden für unbedingt nötig – und bisher eher rar gesät. Er spricht von einem vorherrschenden „Monopol der Desinformation“. Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten haben aus seiner Sicht viele verschiedene Möglichkeiten, Patienten zu ihren Produkten zu überreden.

Früherkennungsuntersuchungen senken Todesrate nicht
In der Agenturmeldung wird das Beispiel Ultraschall zur Früherkennung von Eierstockkrebs genannt. In einer Untersuchung wurden Frauen mit und ohne eine solche Früherkennung , die als sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten wird. Das Ergebnis: Von jeweils 1.000 betroffenen Frauen starben jeweils drei. Ein weiteres Beispiel ist die Prostata-Früherkennung durch PSA-Test und Tastuntersuchung. Ärzte beraten Prostata-Patienten schlecht, wurde erst kürzlich kritisiert. Zudem ist das Ergebnis dem Harding-Zentrum zufolge auch in diesem Bereich niederschmetternd – die Todeszahlen sind in der Gruppe mit und ohne Früherkennung gleich. Die Darstellung zeigt jedoch, dass von 1.000 Männern mit Früherkennung 160 nach einer Gewebeentnahme erfahren, dass das Testergebnis ein Fehlalarm war. 20 von 1.000 werden also fälschlicherweise behandelt, etwa durch eine OP oder eine Strahlentherapie.

Medizinische Fachausdrücke sind tabu
Angebote wie die „Faktenboxen“ versprechen eine Kombination aus aktueller wissenschaftlicher Expertise zu einem Thema und knapper, klarer Darstellung. Tabu sind dabei medizinische Fachausdrücke, die Laien mehr verwirren als aufklären. Die Form wurde in den USA entwickelt, wie der Direktor des Harding-Zentrums, Gerd Gigerenzer, erläuterte. Zu den Patienten seien die Faktenboxen dort allerdings noch nicht gelangt. „Sie werden von etlichen Interessengruppen vehement bekämpft und sind deshalb noch nicht zum Einsatz gekommen.“ In Deutschland ist die Situation zwar besser: Die Kosten für die wichtigsten Vorsorge-Untersuchungen etwa werden von den Kassen übernommen. Aber immer mehr Patienten zahlen für Zusatzbehandlungen, die ihnen oft vom Arzt empfohlen wurden. (ad)

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