Pendler leiden häufig unter psychischen Problemen

Astrid Goldmayer

Pendler übermäßig von psychichen Störungen betroffen

16.08.2012

Die ständig wachsenden Anforderungen an Arbeitnehmer, wie ständige Erreichbarkeit und absolute Mobilität, führen häufig zur Überlastung. Um ihren Arbeitsplatz zu erhalten oder eine neue Stelle anzutreten, nehmen Berufstätige immer längere Wege zur Arbeit, häufige Wohnortwechsel sowie Überstunden in Kauf. Auf Dauer führt diese Einschränkung des Privatlebens bei vielen Pendlern zu psychischen Beschwerden. Kopfschmerzen, Erschöpfungsgefühle, Stress, Depressionen und Schlaflosigkeit sind typische Anzeichen für eine berufliche Überbelastung.

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Psychische Beschwerden durch Überstunden und lange Wege zum Arbeitsplatz
„Natürlich springe ich ein, wenn es am Wochenende mal eng wird“, berichtet Berufspendler Stefan Wertheim aus Hannover. Der 43-Jährige Familienvater ist kaufmännischer Angestellter bei einer Reederei in Hamburg. „Einspringen“ bedeutet für ihn nicht nur eine zusätzliche eineinhalb- bis zweistündige Autofahrt bis zum Arbeitsplatz in der Hansestadt, sondern auch noch weniger Zeit mit den Kindern, der Frau und Freunden zu verbringen. „Erholen kann ich mich nur im Urlaub“, erzählt Wertheim „Wenn ich gegen 20.30 Uhr zuhause komme, bin ich so geschafft, dass ich nur noch etwas esse und dann in Bett falle. Wir denken jetzt aber über einen Umzug nach Hamburg nach. So kann es auf Dauer nicht weitergehen.“

Wie Stefan Wertheim ergeht es vielen Arbeitnehmern in Deutschland. Durch die ständige Erreichbarkeit per Mobiltelefon oder Email, lange Wege zum Arbeitsplatz und Überstunden fühlen sich Berufstätige häufig überfordert. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) ermittelte in seinen „Fehlzeiten-Report 2012“, dass psychische Beschwerden oftmals der Preis für das hohe Maß an Flexibilität vieler Angestellter ist. „Flexibilität braucht ihre Grenzen“, warnt Helmut Schröder, Herausgeber des Reports und stellvertretender Geschäftsführer des WIdO, am Donnerstag in Berlin.

Wenn Beruf und Freizeit nicht miteinander vereinbar sind, leiden Arbeitnehmer an mehr als doppelt so vielen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erschöpfung und Niedergeschlagenheit im Vergleich zu Berufstätigen mit einer ausgeglichenen „Work-Life-Balance“. Wer sein Privatleben häufig dem Beruf unterordnet, Verabredungen verschiebt und am Wochenende arbeitet, kann oftmals nicht mehr abschalten. Die Folge können gravierende psychische Beschwerden sein.

40 Prozent der Berufstätigen sind Pendler oder wechseln den Wohnort für den Job
Schröder sieht zwar auch Vorteile für die Gesundheit der Arbeitnehmer, wenn diese ihre Arbeit zeitlich und räumlich flexibel nach ihren Bedürfnissen gestalten können, jedoch gelinge das in der Realität selten. Laut WIdO bekam mehr als jeder dritte Berufstätige innerhalb von vier Wochen häufig Anrufe oder Emails außerhalb seiner regulären Arbeitszeit oder machte Überstunden. Jeder zehnte Erwerbstätige nimmt Arbeit mit nach Hause und jeder Achte gibt an, seine Arbeitszeiten nicht mit der Freizeit vereinen zu können. Betroffene leiden deshalb mehr als doppelt so oft an psychischen Problemen wie der Durchschnitt. Etwa 40 Prozent der Arbeitnehmer sind laut WIdO Wochenendpendler, haben eine mindestens einstündige Anfahrtszeit zum Arbeitsplatz oder wechselten ihren Wohnort aufgrund beruflicher Erfordernisse. Durch das hohe Maß an Flexibilität vieler Berufstätiger werde zwar oft Arbeitslosigkeit vermieden oder die Aufstiegschancen verbessert, jedoch gleichzeitig eine Zunahme psychischer Beschwerden wie Erschöpfungszustände verzeichnet.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits zuvor haben mehrere Studien auf die negativen Folgen des berufsbedingten Pendelns hingewiesen und einen Zusammenhang zwischen der Unterordnung des Privatlebens zugunsten der Anforderungen des Jobs und psychischen Problemen aufgezeigt. Im Juni stellte die Techniker Krankenkasse (TK) ihren „Gesundheitsreport 2011“ vor, nach dem Menschen, die oft ihren Job oder Wohnort wechseln, häufiger unter psychischen Störungen leiden als andere. Eine Sprecherin erklärte bei der Vorstellung der Auswertung der Patientendaten der TK, dass Mobilität und Flexibilität den Menschen buchstäblich auf die Nerven gingen. Demzufolge erreichte die Personengruppe, die zwischen 2009 und 2011 aus beruflichen Gründen in eine andere Region umziehen mussten, im Jahr 2011 mit statistisch 4,01 Krankheitstagen fast doppelt so viele Fehltage wie in den Vorjahren. Berufstätige, die am Wohnort blieben und ihren Arbeitsplatz in der heimatlichen Umgebung hatten, fehlten nur 2,11 Tage. So das Ergebnis der TK.

Zukünftig noch weitere Distanzen für Pendler zum Arbeitsplatz
Laut offiziellen Statistiken des Bonner Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung aus dem Jahr 2009 betrug die durchschnittliche Entfernung von der Haustür bis zum Arbeitsplatz zuletzt 17 Kilometer. Zehn Jahre zuvor waren es im Schnitt nur 14,6 Kilometer. Laut Prognose der Forscher ist zukünftig mit einer Zunahme der durchschnittlichen Entfernung bis zum Arbeitsplatz zu rechnen. An den Rändern der großen Ballungszentren wie Frankfurt oder Berlin sei die Distanz sogar überdurchschnittlich weit.

Für den Herbst hat die Koalition die Vorlage einer Strategie für mehr Gesundheitsvorbeugung geplant. Die Union kündigte an, sich verstärkt dem Thema Burn-Out widmen zu wollen. Wie CDU-Gesundheitsexperte Willi Zylajew erklärte, gäben Leistungsdruck und Konkurrenz häufig den Ton in Unternehmen an. (ag)