Persönlichkeitsstörung: Unter Narzissmus leiden Patienten und das Umfeld

Menschen mit einer narzisstischen Störung gelten als selbstbezogene , eitle Persönlichkeiten. Doch hinter der Fassade steckt oft Einsamkeit. (Bild: Michael Eichhammer/fotolia.com)
Alfred Domke
Krankhaft selbstverliebt: Hinter der Fassade von Narzissten steckt oft Einsamkeit
Narzissten gelten als selbstverliebt, geltungsbedürftig und eitle Persönlichkeiten. Hinter der Fassade stecken jedoch oft Einsamkeit und Zweifel. Durch fehlende Empathie sind Betroffene häufig rücksichtslos und verletzen daher auch Angehörige.

Narzissten sind für für Mitmenschen oft kaum auszuhalten
Menschen mit einer narzisstischen Störung leben häufig lange ohne Einschränkungen. Doch irgendwann kann diese Form der Persönlichkeitsstörung das Leben der Betroffenen stark einschränken. Viele Betroffene flüchten sich in Süchte, erleben zunehmend Stress oder werden sehr einsam, da sie für Mitmenschen nicht mehr auszuhalten sind. Das „Hamburger Abendblatt“ berichtet in einem aktuellen Beitrag von den Auswirkungen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung – und dem Leid, das Narzissmus den Betroffenen, aber auch deren Angehörigen und Nahestehenden zufügen kann.

Menschen mit einer narzisstischen Störung gelten als selbstbezogene, eitle Persönlichkeiten. Doch hinter der Fassade steckt oft Einsamkeit. (Bild: Michael Eichhammer/fotolia.com)
Menschen mit einer narzisstischen Störung gelten als selbstbezogene, eitle Persönlichkeiten. Doch hinter der Fassade steckt oft Einsamkeit. (Bild: Michael Eichhammer/fotolia.com)

„Kein gesundes Selbst entwickelt“
In einem älteren Interview mit „Heilpraxisnet.de“ erklärte Gritli Bertram, Sozialpädagogin und Therapeutin aus Hannover, woher diese Störung kommt: „Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine sogenannte frühe Störung, die schon in der frühen Bindung/Beziehung zur Mutter zustande kommt. Es konnte aufgrund mangelnder emotionaler Passung zwischen Mutter und Kind kein gesundes Selbst entwickelt werden.“ Dass viele Eltern ihre Kinder zu Narzissten erziehen, zeigte auch eine Untersuchung, die ein internationales Forscherteam im vergangenen Jahr in den „Proceedings“ der US-nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“) vorstellte. Auch bei der Erziehung von Gabriele Nicoleta lag einiges im Argen. Laut dem „Hamburger Abendblatt“ wurde sie zum Opfer ihrer narzisstischen Mutter.

Opfer narzisstischer Mütter
Nachdem ihre Mutter gestorben war, fand Nicoleta im Internet eine Aufzählung von Symptomen der Persönlichkeitsstörung Narzissmus. „In diesem Moment vor dem Computer ist mir alles klar geworden“, so die mittlerweile 51-Jährige. Jeder einzelne der aufgeführten Punkte passte, als hätte ihre Mutter persönlich Modell gestanden. Inzwischen hat sie eine Gruppe für die Opfer narzisstischer Mütter gegründet und in einem Buch („Das Gift der Narzisse“) über ihre Geschichte berichtet. Ihre Kindheit war geprägt von dem Gefühl, der Mutter nicht genug zu sein.

Fachleute unterscheiden zwischen zwei Formen
Laut dem Abendblatt leben – je nach Studie – ein bis vier Prozent der Menschen mit der Diagnose einer übertriebenen Selbstbezogenheit, die ihren Namen aus der griechischen Mythologie hat. Nach Angaben von Bernhard Haslinger, Leiter des Früherkennungs- & Therapiezentrums für beginnende Psychosen Berlin-Brandenburg (FeTZ) an der Berliner Charité ist die narzisstische Störung durch innere Widersprüche charakterisiert. „Der pathologische Narzisst versucht unbewusst durch übersteigerte Größenfantasien ein eigentlich tief empfundenes Minderwertigkeitserleben, seine innere Verlorenheit abzumildern.“ Es wird zwischen zwei Formen unterschieden. Laut Hans-Werner Bierhoff, Sozialpsychologe und pensionierter Professor an der Ruhr-Universität Bochum, sind offene Narzissten optimistische und leistungsorientierte Erfolgsmenschen, während verdeckte Narzissten unter sozialer Angst, Neid und Selbstzweifeln leiden.

Hoffnung auf Versöhnung
Beiden Formen sei eines gemein: „Sie gehen mit wenig Empathie einher“, so Bierhoff. Narzissten seien deswegen häufig rücksichtslos. „Sie lassen Menschen fallen. Besonders in Partnerschaften ist das ein Problem“, sagte der Sozialpsychologe. Außerdem mache der Narzisst keine Ausnahmen. „Viele denken, wenn sie den Menschen erst einmal näher kennenlernen, wird er sich schon verändern. Das ist aber eine Illusion“, erläuterte Bierhoff. Auch Gabriela Nicoleta musste das erleben. Die Demütigungen ihrer Mutter hielt sie nur in der Hoffnung auf Versöhnung aus.

Genaue Ursachen sind noch immer unbekannt
Die Ursachen von Narzissmus sind noch immer nicht genau bekannt. Wie es in der Zeitung heißt, ist die Persönlichkeitsstörung auch nicht grundsätzlich schlecht. Allerdings wird die übersteigerte Selbstliebe zum Problem, wenn Leidensdruck entsteht. Schwierig werde es bei Misserfolgen, weil Scheitern für Narzissten eine Existenzfrage ist. Sie sind auf die Bestätigung von anderen angewiesen, um das eigene Selbst zu stabilisieren. Nicht selten werden Bekanntschaften nur so lange aufrecht erhalten, wie lange Bewunderung vorhanden ist. Narzissten fühlen sich oft sehr allein und leiden unter ihrer eigenen Selbstliebe. (ad)

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