Pestizide und Weichmacher bedrohen Flüsse

Sebastian

Pestizide, Arzneimittelrückstände und Weichmacherstoffe in hohen Konzentrationen in Deutschlands Flüssen

17.10.2011

Pestizide in Deutschlands Flüssen belasten die Umwelt mehr, als bislang vermutet. Eine EU-geförderte Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) untersuchte den Pestizid-Gehalt den Schadstoffgehalt der Flüsse Donau, Elbe, Schelde und dem spanischen Llobregat. Dabei fanden die Forscher regelrechte Chemiecocktails aus Arzneimittelstoffen, Landwirtschaftsrückständen und chemischen Weichmachern. Die Chemikalien können beispielsweise die Fortpflanzung verzögern und im schlimmsten Fall sogar den Tod einzelner Tierarten verursachen. Durch die Nahrungskette ist ein Übergreifen auf den Menschen ausweislich.

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Hohe Konzentrationen von Schadstoffen und Pestiziden
Pestizide belasten Flüsse stärker, als bislang angenommen. Die chemischen Schadstoffe bilden eine große gesundheitliche Gefahr für Fische, Algen und Kleinstlebewesen wie Krebse und Würmer. Das berichten Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrum unter Berufung einer abgeschlossenen Studie, bei der die Daten von 500 Chemikalien in Einzugsgebieten der vier größten Flüsse in Europa ausgewertet wurden. Über ein Drittel der gefundenen Stoffe, darunter zahlreiche Pestizide, sind in derart hohen Konzentrationen vorhanden, so dass fatale Auswirkungen auf Flussbewohner wie Fische und Pflanzen nicht mehr auszuschließen sind. „Die Kontaminierungen der Flüsse stellen mittlerweile ein europaweites Problem“ dar, warnen die Forscher. Die Studienarbeit zeige eindeutig, dass negative Wirkungen auf Lebewesen nicht mehr auszuschließen sind, wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Science of the Total Environment“ berichten.

Große Gesundheitsgefahren bedeuten die Verunreinigungen der Flüsse insbesondere für Krebse, Muscheln, Insektenlarven, Algen und Fischen. Vermutlich würden die hormonell wirkenden Substanzen die Fortpflanzung verzögern. „Im schlimmsten Fall ist der Tod einzelner Individuen möglich“, schreibt einer der Studienautoren. Nicht nur Tiere sind den großen Gefahren ausgesetzt. Durch die Nahrungsmittel-Kette könnten die Chemiecocktails auch den Organismus des Menschen erreichen und somit ebenfalls Gesundheitsschäden anrichten.

Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler eine Datenbank aus, die zuvor in einem EU-Forschungsprojekt erstellt worden war. Darin enthalten waren die Laborergebnisse von rund 750.000 Wasseranalysen der Flüse Donau, Elbe, Schelde und dem spanischen Llobregat. Bei Auswertung der Analysedaten fanden die Umweltforscher zu großen Teilen Pestizidrückstände, sogenannte Weichmacherstoffe sowie zahlreiche Substanzen von Arzneimitteln. Die Pestizide entstammten zum größten Teil aus der Landwirtschaft. Dort werden sie eingesetzt, um Kulturpflanzen wie Weizen, Mais oder Hafer vor Erkrankungen, Schädlingen und Unkräutern zu bewahren.

Weichmacher in Flüssen durch Ableitungen
Bei den Weichmachern handelt es sich um Diethylhexylphthalat (DEHP) und Bisphenol A (BPA) die aus Chemieproduktionen stammen. Die Forscher vermuten, dass die Stoffe durch Einleitungen der Betriebe in die Flüsse gelangten. Bisphenol A stand oft im Blickfeld der kritischen Presse, weil dem Alltagsstoff hormonelle Wirkungsweisen nachgesagt werden. Aus diesem Grund wurde mittlerweile ein generelles Verbot von BPA zur Herstellung von Baby-Schnullern ausgesprochen. BPA wird jedoch weiterhin flächendeckend bei der Produktion von Plastikstoffen verwendet. Zweifelsfrei nachgewiesen wurde, dass BPA die Fortpflanzung der Menschen nachhaltig schädigt. Zu den Komplikationen gehören Frühgeburten, Aborte sowie Unfruchtbarkeit bei Mann und Frau. Daneben wurden Stoffe von Medikamenten festgestellt. In hohen Konzentrationen fanden die Forscher die Schmerzmittel Diclofenac und Ibuprofen.

73 der Schadstoffverbindungen sind als besonders wichtig einzustufen, konstatieren die Forscher. Sehr gefährlich ist das Pflanzenschutzmittel Diazinon. Dieses wird seit längerer Zeit nicht mehr in Deutschland und Österreich angewendet und steht bereits auf dem Verbotsindex. Dennoch wurden erhebliche Konzentrationen des Pflanzenschutzmittels gefunden. Nach Meinung der Umweltforscher werden noch immer Restbestände privater Haushalte oder der Landwirtschaft zur Bekämpfung von Schädlingen eingesetzt.

Unzureichende EU-Wasserrahmenrichtlinie
Viele der identifizierten Risikostoffe stehen auf der EU-Liste der 33 wichtigsten Schadstoffe, so das Forscherteam. Allerdings werden nur diese dokumentierten Substanzen durchUmweltbehörden regelmäßig überwacht. In diesem Kontext forderten die Wissenschaftler eine grundlegende „Überarbeitung und Aktualisierung der Chemikalienliste der EU-Wasserrahmenrichtlinie“. Die Richtlinie sieht vor, Flüsse und Seen sowie das Grundwasser bis zum Jahre 2015 nach gesundheitlichen und ökologischen Gesichtspunkten weitestgehend zu säubern. „Überrascht waren wir, dass Substanzen, die bisher als harmlos eingestuft wurden, wie HHCB, das als synthetischer Moschus-Duftstoff in Körperpflegemitteln eingesetzt wird, in der Umwelt in bedenklichen Konzentrationen vorkommen“, sagte Werner Brack vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. (sb)