Pflegenotstand in Deutschland: 25.000 Fachkräfte fehlen

Volker Blasek

Studie untersucht die aktuelle Situation in der stationären Pflege

Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP) in Köln veröffentlichte kürzlich eine repräsentative bundesweite Umfrage zur aktuellen Situation im Pflegebereich. Daraus geht hervor, dass derzeit 17.000 Stellen in der Pflege aufgrund von Fachkräftemangel nicht besetzt werden können. Laut der Studie sind 25.000 zusätzliche Fachkräfte notwendig, um diese Lücke zu schließen.


In dem sogenannten Pflege-Thermometer 2018 fasst die DIP die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Dabei zeigte sich, dass die Pflegeeinrichtungen bereits die Grenzen der Belastbarkeit stark ausreizen und zum Teil schon überschreiten. 71 Prozent der Einrichtungen haben angegeben, dass Wartelisten auf vollstationäre Langzeitpflegeplätze bestehen. 83 Prozent müssen regelmäßig Anfragen zur Aufnahme ablehnen. Des Weiteren äußerten 42 Prozent der Einrichtungen, dass sie entweder gar keine oder zu wenige Kurzzeitpflegeplätze zur Verfügung stellen konnten. Nur 38 Prozent gaben an, dass ihr Pflegeangebot umfänglich gesichert ist.

Laut einem umfassenden Bericht des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung sieht die Zukunft der Pflegeinrichtungen schlecht aus, wenn nicht umfassende Maßnahmen ergriffen werden. (Bild: De Visu/fotolia.com)

Fachpersonal als Nadelöhr

„Die Personalengpässe führen zu Wartelisten und zu Absagen bei Betreuungsanfragen in den Einrichtungen“, berichtet Studienleiter Professor Michael Isfort in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. In mehr als jedem fünften Betrieb erfolge aufgrund des Personalmangels ein zeitweiliger Aufnahmestopp. Das vorhandene Personal sei extremen Belastungen ausgesetzt. Dies zeigt sich laut Isfort auch in den erhöhten Krankheitsausfälle und durch vermehrtes Einspringen an freien Tagen.

Wie sieht die Lage der Heimbewohner aus?

Der Bericht beschreibt auch Veränderungen bei den Heimbewohnern. Leitungskräfte gaben an, dass durchschnittlich zwei von drei Bewohnern an neurokognitiven Störungen (zum Beispiel Demenzerkrankungen wie Alzheimer) leiden. 82 Prozent konnten eine Zunahme an komplexen medizinischen Problemlagen feststellen. Auch Suchtproblematiken, Einsamkeit und Verwahrlosung haben zugenommen. Somit stehen wachsende Problematiken einer schrumpfenden Zahl von Personal gegenüber.

Altersheim und Psychiatrie in einem?

Durch die zunehmende Anzahl an neurokognitiven Störungen müssen die Heime auch vermehrt den Charakter einer gerontopsychiatrischen Facheinrichtung entwickeln, um eine würdevolle und palliative Begleitung am Lebensende absichern zu können.

Nicht nur schlechte Nachrichten

Aktuelle Gesetzesreformen konnten erste Entlastung bringen. „Maßnahmen der Entbürokratisierung führen offenbar tatsächlich zu Entlastungen des Personals und einer größeren Klarheit der Dokumentation“, berichtet Isfort. Es bestünden aber noch zahlreiche weitere bürokratische Bereiche, die entschlackt werden müssen. Als Beispiel nennt Isfort aufwendige, aber wenig aussagekräftige Qualitätsmessungen. „Eine klare Absage wird dem Pflege-TÜV in seiner jetzigen Form erteilt“, erläutert Isfort.

Pflegegrade statt Pflegestufen

Eine zentrale Veränderung ist die Umstellung der Pflegestufen in Pflegegrade. Diese Umstellung wird von vielen Einrichtungen kritisch gesehen. Die Hauptbefürchtung vieler Pfleger ist, dass durch die Umstellung viele Pflegefälle niedriger eingestuft werden und somit finanzielle Einbußen entstehen. Ein mögliches Resultat wäre dann, dass Einrichtungen primär Menschen mit hohen Pflegegraden aufnehmen. (vb)