Pharmaindustrie: Tödliche Menschenversuche

Sebastian

Tödliche Medikamententests durch West-Firmen in der DDR

13.05.2013

Westliche Pharmakonzerne führten in der DDR jahrelang Medikamententests an Kranken, Frühgeborenen und Alkoholikern durch. Etwa 50.000 DDR-Bürger waren von den Menschenversuchen betroffen, einige Tests endeten tödlich.

Bisher unbekannte Akten geben Aufschluss
In mehr als 50 DDR-Kliniken haben westliche Pharmafirmen über 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben. Oft ohne ihr Wissen wurden an Personen Tests mit Dopingmitteln oder Herzmedikamenten durchgeführt. Dies berichtet das Magazin „Spiegel“ unter Berufung auf bisher unbekannte Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen. Bis zum Ende der DDR hätten rund 50.000 Menschen als Testpersonen gedient, unter ihnen unterentwickelte Frühgeborene und Alkoholiker im akuten Delirium.

Viele führende Pharmakonzerne beteiligt
Einige Testreihen mussten wohl abgebrochen werden, da es bei ihnen zu Todesfällen kam. Bei einem Test des Hoechst-Medikaments Trental starben demnach zwei Menschen in Ost-Berlin. Weitere zwei Patienten starben in der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg. Sie wurden mit dem Blutdrucksenker Spirapril behandelt, einem Medikament, das von Sandoz, die heute Teil des Novartis-Konzerns sind, entwickelt worden ist. Laut den Akten ließ Boehringer-Mannheim (heute Teil der Roche-Gruppe) an der Berliner Charité die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin an 30 „unreifen Frühgeborenen“ testen. Unter anderem an Alkoholikern im akuten Delirium ließ Bayer Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung, testen. Nach „Spiegel“-Angaben konnten diese aufgrund ihres Zustandes nicht um Einwilligung gefragt werden. Oft seien Patienten auch über Risiken und Nebenwirkungen nicht aufgeklärt worden.

D-Mark für Menschenversuche
Das Magazin berichtet weiter, dass die Konzerne bis zu 800.000 Westmark pro Studie angeboten haben. Der Charité sei von Managern der West-Berliner Schering AG (heute Teil von Bayer) sogar ein Testvolumen von sechs Millionen D-Mark jährlich offeriert worden. Laut Gesprächsprotokollen waren sich führende Mediziner der Charité über die Motive der Konzerne im klaren. Schering habe im Westen wohl „generelle ethische Probleme: der Mensch als Versuchskaninchen“ meinte damals ein zuständiger Charité-Arzt. Außerdem wurden die Testpersonen oft nicht entsprechend aufgeklärt. So willigte im März 1989 Hoechst (heute Teil von Sanofi) laut Sitzungsprotokoll ein, „dass der Aufklärungstext beim Prüfer verbleibt und nicht dem Patienten ausgehändigt wird“. Scheinbar war auch keine Unterschrift des Patienten nötig, da dessen Einwilligung „durch Unterschrift des behandelnden Arztes und eines Zeugen“ dokumentiert werde. Die Versuche, die erst mit dem Mauerfall endeten, begannen bereits in den frühen 1980er Jahren. So wurde laut dem Historiker Prof. Christoph Friedrich von der Universität Marburg in einer Sitzung mit verantwortlichen Zentralkomitee-Mitgliedern „die Weichen für einen folgenschweren Deal gestellt“. An ausgewählten Kliniken sollten Ärzte im Auftrag für West-Pharmaunternehmen Studien mit noch nicht zugelassenen Medikamenten durchführen. Die hierfür fließende D-Mark sollte im Gegenzug für Investitionen in den eigenen Kliniken dienen.

Pharmafirmen fühlen sich unschuldig
Die Vorgänge lägen weit zurück, so der Hinweis der betroffenen Unternehmen. Außerdem betonen sie, dass klinische Tests prinzipiell nach strengen Vorschriften erfolgten. Und der Verband Forschender Arzneimittelhersteller kann „bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre“, sehen. (sb)

Bild: Gerd Altmann, Pixelio