Polio: Gefährden Impfviren die Eliminierung der Kinderlähmung?

Fabian Peters
Historischer Tiefstand der weltweiten Infektionen – Ausrottung der Polio in greifbarer Nähe?
Polio sollte nach den Plänen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eigentlich längst weltweit ausgerottet sein, doch waren in den vergangenen Jahren immer wieder Rückschläge im Kampf gegen die Kinderlähmung (Poliomyelitis; kurz Polio) zu verzeichnen. Dieses Jahr zeichnet sich allerdings ein historischer Tiefstand ab: Bislang wurden lediglich 51 Fälle bei der WHO gemeldet, so die Mitteilung des Robert Koch-Institutes (RKI) zum Welt-Poliotag am 28. Oktober. Auch in den besonders gefährdete Ländern wie Afghanistan, Pakistan oder Nigeria seien deutlich Fortschritte zu verzeichnen, so dass gute Chancen auf eine Ausrottung der Krankheit bis zum Jahr 2018 bestehen, berichtet das RKI.

Den Angaben des RKI zufolge war die „globale Poliosituation noch nie so günstig“ wie aktuell. Noch im letzten Jahr habe es mehr als 350 Infektionen gegeben. Bisher wurden im Jahr 2015 indes lediglich 51 Erkrankungen an die WHO gemeldet. Die Eradikation (Ausrottung) der Polioviren scheint in greifbare Nähe gerückt. Doch könnte in der „Endphase der Polioeradikation die Schluckimpfung, die die globalen Erfolge maßgeblich ermöglicht hat, den endgültigen Erfolg gefährden“, warnt das RKI. Denn die Schluckimpfung (OPV) mit abgeschwächten, aber noch replikationsfähigen Erregern, könne zur Folge habe, dass die Impfviren in unzureichend geimpften Bevölkerungsgruppen zirkulieren und selbst akute schlaffe Lähmungen hervorrufen.

Eine Ausrottung der Polioviren bis 2018 scheint realistisch. (Bild: Dr_Kateryna/fotolia.com)
Eine Ausrottung der Polioviren bis 2018 scheint realistisch machbar. (Bild: Dr_Kateryna/fotolia.com)

Ausbrüche durch Impfviren
In Deutschland wird seit 1998, ebenso wie in anderen Industrienationen, ausschließlich ein sogenannter injizierbarer Totimpfstoff (IPV) eingesetzt. In vielen ärmeren Ländern findet jedoch weiterhin die Schluckimpfung Verwendung. Die enthaltenen Erreger werden dabei vermehrt selbst zum Problem. So sind „seit dem Jahr 2000 weltweit 24 Ausbrüche mit insgesamt 786 Poliofällen durch sogenannte zirkulierende vakzine-abgeleitete Impfviren (cVDPV) registriert worden“, berichtet das RKI. Auch dieses Jahr hätten bereits 14 Kinder aus fünf Ländern (Madagaskar, Nigeria, Guinea, Laos und die Ukraine) eine Poliomyelitis durch cVDPV entwickelt. Dabei war mit der Ukraine auch ein Land aus der WHO-Region Europa betroffen.

Strategiewechsel der WHO
Angesichts der vermehrten Probleme mit Erregern der Schluckimpfung hat sich die WHO zu einem Strategiewechsel entschieden. Ein neuer Strategieplan für den Zeitraum 2013 bis 2018 wurde erarbeitet, „dessen wesentlicher Baustein der weltweite Umstieg von OPV auf IPV ist“, berichtet das RK. Bis Ende des Jahres sollen demnach weitere 120 Staaten zumindest eine IPV-Dosis in ihr Routineimpfprogramm aufnehmen. Allerdings wird dies einen erheblich steigenden Bedarf an entsprechenden Impfstoffen auslösen, der laut RKI auch in Deutschland zu Engpässen bei der Impfstoffversorgung führen kann.

Erfolge in Pakistan und Afghanistan
In Ländern wie Pakistan und Afghanistan besteht allerdings nicht nur die Schwierigkeit der Impfstoffversorgung, sondern hier hatten die Impfhelfer in der Vergangenheit mit deutlich schwerwiegenderen Problemen zu kämpfen. So verboten die herrschenden Taliban im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan die Impfung gegen Polio und beschuldigen die Impfhelfer der Spionage für die USA, berichtet das RKI. Mit den Impfungen werde der Versuch unternommen, Muslime unfruchtbar zu machen, so eine weitere Anschuldigung. Für die dortigen Impfhelfer ist ihre Arbeit lebensgefährlich und laut WHO-Angaben wurden in den vergangenen zweieinhalb Jahren mindestens 75 Mitarbeiter von Impfprogrammen getötet.

Heute gehen Helfer begleitet von bewaffneten Sicherheitskräften in den von den Taliban kontrollierten Landesteilen von Haus zu Haus und informieren Eltern, berichtet das RKI. Auch würden einige religiöse Führer inzwischen die Impfprogramme unterstützen. „Die Reduktion der Fallzahlen in Afghanistan und Pakistan ist nicht nur für die beiden Länder selbst bedeutsam“, sondern zur Vermeidung einer erneuten Ausbreitung der Erreger, so die Mitteilung des RKI. Ausgehend von den verbliebenen Endemiegebieten seien in der Vergangenheit immer wieder Übertragungen von Poliowildviren in bereits poliofreie Gebiete erfolgt.

Afrika bald poliofrei?
In dem einzigen verbliebenen Endemieland Afrikas, Nigeria, konnte dieses Jahr der größte Erfolg im Kampf gegen Polio verzeichnet werden, so das RKI. Seit Juli 2014 seien hier keine Poliofälle mehr aufgetreten und das Land wurde vor einigen Wochen von der Liste der Endemieländer gestrichen. Noch 2012 habe Nigeria mehr als die Hälfte aller Polioerkrankungen weltweit aufgewiesen. Die letzte Erkrankung durch ein Poliowildvirus in Afrika wurde „im August 2014 aus Somalia gemeldet, dem Land, in dem 1977 auch die letzte Pocken-Erkrankung aufgetreten war“, berichtet das RKI. Nach weiteren zwei Jahren ohne Poliofall könnte Afrika daher die fünfte WHO-Region werden, die als poliofrei zertifiziert wird. Zur Erreichung dieses Ziel müssten vor allem in den von Ebola betroffenen Länder nun bestehende Impflücken geschlossen werden, denn dort seien im letzten Jahr geplante Impfkampagnen teilweise ausgesetzt worden.

Kritische Lagerung der Polioviren
Auf dem Weg zur Zielerreichung der Polio-Ausrottung gewinnt außerdem das sogenannte Laborcontainment der Polioviren zunehmende Bedeutung, so die Mitteilung des RKI. Dies umfasse alle Maßnahmen zur sicheren Nutzung und Lagerung und damit zur Verhinderung einer willentlichen oder unwillentlichen Freisetzung von Polioviren aus Laborbeständen. Ab dem kommenden Jahr werde das Containment schrittweise auch auf Polioimpfviren ausgedehnt. So habe die Globale Zertifizierungskommission das Poliowildvirus Typ 2, das seit 1999 nicht mehr nachgewiesen wurde, im September 2015 formal für ausgerottet erklärt. Diese Deklaration bilde die Basis „für die weltweite Einstellung des Poliolebendimpfstoffes gegen Typ 2 (OPV2) und den Einsatz der bivalenten Poliovakzine (OPV 1+3) ab Mitte 2016“, berichtet das RKI. Allerdings müsse zuvor die sichere Lagerung aller Polioviren des Typs 2 (Wild- und Impfviren) gewährleistet sein.

Impfstoff vor 60 Jahren entwickelt
Entwickelt wurde der erste Polio-Impfstoff von Dr. Jonas Salk vor 60 Jahren. An seinem Geburtstag findet daher der alljährliche Welt-Poliotag statt. Sein Impfstoff war die Voraussetzungen für den erfolgreichen Kampf gegen Poliomyelitis. Dr. Albert Sabin hatte 1961 einen zweiten Impfstoff entwickelt, den oralen Lebendimpfstoff (OPV). Mit Hilfe der Impfungen wurden laut Angaben des RKI beachtliche Erfolge erzielt und 80 Prozent der Weltbevölkerung können heute in poliofreien Gebieten leben. Vier von sechs WHO-Regionen seien poliofrei. Mit dem erreichten, historischen Tiefstand der Polio-Infektionen scheine das Ziel der Ausrottung bis zum Jahr 2018 durchaus realistisch. (fp)