Pollen-Boom: Sehr schwere Zeiten für Allergiker

Sebastian

Forscher: Mehr Pollenflug und Allergien

14.05.2012

Auf Allergiker kommen schlechte Zeiten zu: Laut einer internationalen Studie wird der Pollenflug noch intensiver auftreten, als dies heute der Fall ist. Auch der Zeitraum wird länger anhalten, wie Forscher der Technischen Universität TU München berichten. Die Zahl der Betroffenen wird zudem kontinuierlich steigen. Ursache für den verstärkten Pollenflug könnten Umweltbelastungen sein.

Mehr zum Thema:

Jeder zweite Engländer zeigt allergische Reaktionen
Wissenschaftler aus ganz Europa haben in einer gemeinsamen Studie das allergische Potenzial von Birken, Gräsern und Oliven untersucht. Die drei genannten Pflanzenarten sind europaweit die häufigsten Auslöser für Pollenallergie und Heuschnupfen. Patienten reagieren „höchst unterschiedlich“ auf Pollen. Im Verlauf der „Hialine-Studie“ konnte das Forscherteam feststellen, dass „die Schlagkraft der Pollen variieren“. Abhängig hierfür sind Zeiten und Regionen. Je nachdem werden verschieden große Volumen an Eiweißverbindungen produziert, „die für die allergischen Reaktionen des Immunsystems verantwortlich sind“. In ihrem Studienbericht warnen die Experten vor einer regelrechten Allergie-Boom in Europa und Deutschland. Um die Ausbreitung zu stoppen, sollte die Politik schnell handeln. In den nächsten Jahren wird laut der Studienresultate die Pollen-Belastung massiv steigen. Schon in einigen Jahren könnte rund 50 Prozent der Menschen in Europa an Allergien leiden.

Bereits heute leiden rund 20 Millionen Deutschen an Allergien. Das bedeutet, dass statistisch Jeder dritte Erwachsene Allergiker ist. „Die Tendenz ist weiter steigend“, erklärte der Leiter des Münchener Zentrums für Allergie und Umwelt, Prof. Dr. Carsten B. Schmidt-Weber. Dabei werde nicht nur die Anzahl der Pollenallergien steigen, sondern auch die der Nahrungsmittelallergien. In den 50er Jahren waren nur zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland von Allergien betroffen. In Großbritannien zeigt nach Aussagen des Forschers bereits jeder zweite Einwohner allergische Immunantworten.

Luftverschmutzung könnte ursächlich sein
„Die Ursachen, warum im 20. Jahrhundert die allergischen Erkrankungen der Atemwege angestiegen sind, sind bis heute nicht vollständig geklärt“, heißt es in dem Studienbericht des Fachmagazins „Plos One“. Anzunehmen sei aber, dass die Luftverschmutzung „Allergene und die Reaktionen von allergischen Patienten auf vielfältige Weise verstärkt werden“, so die Forscher. Allerdings sind die Zusammenhänge bis heute nicht vollständig geklärt, um die steigenden Raten mit der vermehrten Luftverschmutzung zu erklären.

Schwere Folgeerkrankungen durch Allergien
Für Betroffene sind nicht nur die Beschwerden wie Schnupfen, Niesen, tränende Augen, Hautausschläge und Atemnot belastend. Problematisch sind vor allem die Folgeerkrankungen von Allergien wie Asthma oder Bronchitis, erklärt der Professor. „Da wird was auf uns zukommen“, mahnt auch Prof. Dr. Jeroen Buters, Experte für Molekulare Allergologie an der TU München. In diesem Kontext fordert er ein „besseres Frühwarnsystem für Pollen“. Auch die Politik sei in der Pflicht, sich dem Thema mehr als bisher anzunehmen. Schließlich bedeute der Anstieg auch eine Mehrbelastung für das Gesundheitssystem.

Hoch allergene Ambrosia breitet sich aus
Sehr gefährlich und hoch allergen ist die Pflanze Ambrosia. Sie breite sich immer mehr aus und macht den Wissenschaftlern Sorgen. "Wenn wir noch fünf bis acht Jahre warten, ist Bayern durch- infiziert", warnte Buters. Eine Ambrosia-Allergie führe häufig zu zahlreichen Kreuzallergien, wie die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) unlängst erklärte. Häufig „entwickeln Patienten in Folge auch gegen Gewürze wie Petersilie, Pfeffer oder Sellerie Allergien.“ Die Ambrosia wird von der Fachwelt als die „am stärksten allergen wirkende Pflanze weltweit“ bezeichnet. Der Pollenflug der Ambrosia beginnt je nach Wetterlage Ende Juli und im Verlauf des Augusts. Betroffene leiden in Folge an massiven Beschwerden wie Husten, Luftnot, Asthma, geschwollene Augen und Kopfschmerzen. Die Symptome können bis in den späten Herbst und Winter hineinreichen.

Ambrosia verbreitet sich derzeit in Richtung Westen
Laut Schmidt-Weber verbreitet sich die Ambrosia vom Osten in den Westen, vor allem entlang der Autobahnen. Wissenschaftler vermuten, dass die Samen an den Lastwagen und Autos kleben bleiben und dann nach und nach abfallen. Viele Gesundheitsbehörden der Länder meldeten bereits einen Ambrosia-Befall. Seit einigen Jahren ist vor allem der Raum Berlin übermäßig stark betroffen.

Nicht nur die Pollen werden mehr, so Annette Menzel, Professorin für Ökoklimatologie an der TU München, sondern auch der Zeitraum des Pollenflugs dehne sich immer weiter aus. Schuld daran sei die anhaltende globale Erwärmung. "Insgesamt verlängert sich der Blühzeitraum. Hasel blüht schon im Dezember.", so Menzel. Das Fatale: Wenn die meisten anderen allergenen Pflanzen aufhören zu blühen, komme in vielen Bundesländern die Ambrosia obendrein hinzu.

Die Menge der Pollen hat laut der Studie europaweit deutlich zugenommen. Der Klimawandel wird diesen Trend noch verstärken, betonte Menzel. Ursächlich hierfür könnte die steigende Kohlendioxidkonzentration sein. Im Labor wurden Pflanzen einer verstärkten Menge an Kohlendioxid ausgesetzt. Im Ergebnis zeigte sich, dass sie dann schneller wuchsen und mehr Pollen produzierten.

Pollen sind nicht gleich Pollen
Im Forschungsverlauf konnte aber beobachtet werden, dass wahrscheinlich nicht die Pollen-Menge für die Allergie-auslösenden Symptome verantwortlich sei, sondern die Menge an allergenen Substanzen. Denn „Pollen sind nicht gleich Pollen“, wie die Wissenschaftler betonen. Vielmehr komme es darauf an, wie lange die Pollen reifen und wie viel Zeit sie haben, um sich „mit Allergenen voll zu pumpen“, sagt Buters. Das haben Untersuchungen von Finnland bis Italien, von Spanien bis Litauen während der dreijährigen Hialine-Studie ergeben, an der insgesamt 13 Forschungseinrichtungen teilnahmen.

„Auf einzelne Tage und Messstationen bezogen gab es jedoch teils eklatante Unterschiede“, sagt Buters. „Das allergische Potenzial variierte um den Faktor 10, das heißt, an den ‚starken’ Tagen wurde bis zu zehnmal mehr Allergen freigesetzt als an anderen.“ Für die Immunantwort waren aber letztendlich die „verschieden große Mengen an Eiweißverbindungen verantwortlich.“ Allergiker können die Forschungsarbeit unterstützen. Daher ruft der Wissenschaftler Betroffene dazu auf, an einem Online-Tagebuch teilzunehmen, damit die gemachten Erfahrungen mit den Erkenntnissen abgeglichen werden können.

Allergiker können Forscher unterstützen
Die Forscher hoffen nun, dass die Messungen von Allergenen im Vergleich zum Pollenflug bessere Vorhersagen für Allergie-Geplagte liefern könnten. „Mit kombinierten Auswertungen von Allergen-Messungen, Pollenflug und Wetterdaten könnten wir bisherige Allergie-Modelle deutlich verbessern.“ Daraus könnten dann auch effektivere Therapien entwickelt werden. Bei der Hyposensibilisierung wären Ärzte in der Lage perspektivisch mit den eigentlichen Auslösern, den allergenen Proteinen, zu therapieren. Die Behandlung würde „deutlich gezielter“ verlaufen. (sb)