Positive Bilanz der EHEC-Epidemie

Fabian Peters

Krisenmanagement während der EHEC-Epidemie insgesamt positiv

12.09.2011

Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat in Bezug auf das Krisenmanagement während der zurückliegende EHEC-Epidemie eine positive Bilanz gezogen. Auch wenn die Informationspolitik für die Öffentlichkeit mitunter chaotisch gewirkt haben mag, sei die Bekämpfung der EHEC-Infektionen und die Identifizierung der neuen, besonders aggressiven Bakterien vom Serotyp O104:H4 (HUSEC041) aus der Gattung Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) relativ gut gelaufen.

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Im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf der bis morgen dauernden Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie hatte der Bundesgesundheitsminister ausdrücklich „die Kooperation der Kliniken über Ländergrenzen hinweg“ bei der Bekämpfung der EHEC-Epidemie gelobt. Außerdem sei „die Identifikation der Sprossen im weltweiten Maßstab eine Spitzenleistung“, erklärte der Bundesgesundheitsminister. Beim Auftreten der ersten EHEC-Infektionen unmittelbar nach seinem Amtsantritt am 19. Mai hätten ihn seine Mitarbeiter bereits darauf vorbereitet, dass die EHEC-Krise noch weit stressiger werden könne als die Schweinegrippe im Jahr 2009, berichtetet Daniel Bahr. Nicht zuletzt aufgrund des guten Krisenmanagements sei die EHEC-Epidemie rückblickend jedoch deutlich weniger gravierend verlaufen, als von vielen Experten zunächst befürchtet.

Bislang schwerste EHEC-Epidemie in Deutschland
Wie auch die Zahlen des Abschlussberichts vom Robert-Koch-Institut (RKI) belegen, infizierten sich im Rahmen der zurückliegende EHEC-Epidemie so viele Menschen mit den gefährlichen Darmbakterien, wie niemals zuvor in Deutschland. Seit dem Auftreten der ersten Infektionen im Mai 2011 sind dem RKI zufolge 3.842 Menschen an einer EHEC-Infektion erkrankt, 855 von ihnen erlitten das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) und 53 Personen starben an den Folgen der Infektion. Dabei sei der ungewöhnlich hohe Anteil der EHEC-Infizierten, die an HUS erkrankten, im Vergleich zu den bisherigen EHEC-Epidemien eine absolute Ausnahmesituation. Die neuen, besonders aggressiven Erreger HUSEC 041 verursachten deutlich häufiger schwere EHEC Symptome des HUS, wobei vermehrt gesundheitliche Beeinträchtigungen bis hin zu Nierenversagen und neurologischen Störungen zu beobachten waren, erläuterte der Bundesgesundheitsminister. Ein besonderer Verdienst komme hier den Nierenspezialisten zu, die sich um die Versorgung der HUS-Patienten gekümmert haben, erklärte Daniel Bahr.

Lob für die Schnelle Identifikation der Infektionsquelle
Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie berichteten die Experten außerdem, dass die Identifikation des EHEC-verursachenden Lebensmittel außerordentlich schnell verlaufen sei. Zwar wirkte die Suche nach der Infektionsquelle in der Öffentlichkeit möglicherweise ein wenig chaotisch, doch der Zeitraum in dem die Bockshornklee-Sprossen aus Ägypten als Erreger identifiziert wurden, spreche für sich, erklärte Gérard Krause, Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie beim RKI. Zum Vergleich führt der Experte das Beispiel einer Reihe von Salmonellen-Infektionen in den USA aus dem Jahr 2008 an. Nach dem immer mehr Menschen an dem Salmonellenstamm „Saintpaul“ erkrankten, habe die Suche nach der Infektionsquelle damals sieben Wochen gedauert. Die Betroffenen hatten verunreinigte Chilischoten gegessen, die als scharfes Gemüse kleingeschnitten in handelsüblichen Tomatensaucen verarbeitet waren. Bei der zurückliegenden EHEC-Epidemie habe es hingegen lediglich drei Wochen gedauert, bis die Bockshornklee-Sprossen aus Ägypten, als Quelle der EHEC-Infektionen identifiziert wurden, betonte Gérard Krause.

Allerdings hatten die Forscher bei ihrer Suche nach der Infektionsquelle auch ein wenig Glück, denn den meisten EHEC-Infizierten war gar nicht bewusst, dass sie die Sprossen verzehrt hatten. Erst durch die Häufung der Infektionen nach dem Besuch bestimmter Gaststätten und die Auswertung von Fotos der Essensgericht, viel auf, dass sämtliche Erkrankten, die Bockshornklee-Sprossen konsumiert hatten. Bei den weiteren Untersuchungen stellten die Behörden fest, dass in sämtlichen 41 Gaststätten und Kantinen, in denen sich mehrere Personen mit EHEC infiziert hatten, die Bockhornklee-Sprossen aus einen Betrieb im Landkreis Uelzen angeboten wurden. Laut Aussage der Experten gelten Sprossen generell als eine Art „Tarnkappen-Lebensmittel“, da die wenigsten Erkrankten nach einer Infektion an den Verzehr der Sprossen als mögliche Ursache der Erkrankungen denken.

Weitere Untersuchungen zur Bewertung der Gesundheitsrisiken erforderlich
Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie unterstrichen außerdem die Bedeutung der Arbeit des Teams um den Mikrobiologen und EHEC-Experten Prof. Dr. Helge Karch vom Institut für Hygiene am Zentrum für Klinisch-Theoretische Medizin der Universität Münster bei der Bekämpfung der EHEC-Epidemie. Die Münsteraner Forscher hatten bereits unmittelbar nach dem Auftreten der ersten EHEC-Infektionen einen Schnelltest entwickelt, mit dem der neue, besonders aggressive Erreger HUSEC 041 eindeutig nachgewiesen werden kann. Prof. Dr. Karch selber betonte indes, dass „wir noch wenig darüber (wissen), wie der Stamm entstanden ist und wie er sich weiterentwickeln wird.“ Dem Experten zufolge sind dringend weitere Untersuchungen erforderlich, um die gesundheitliche Risiken durch den neuen EHEC-Erreger abschließend zu bewerten. Der Mikrobiologe erarbeitet mit seinem Team seit Jahren ein Register der HUS auslösenden EHEC-Bakterien, wobei der Stamm HUSEC 041 bisher jedoch „nirgendwo auf der Welt bekannt“ war und ihn daher „niemand im Visier“ hatte, erklärte Karch.

Kritik an der Kommunikation und dem Meldewesen rund um die EHEC-Epidemie
Zu den weiteren Teilnehmern der Podiumsdiskussion zählte auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der als Vertreter der Opposition auch ein wenig auf die Mängel im Krisenmanagement bei der EHEC-Epidemie hingewiesen hat. Zwar sei die Bilanz bei der Seuchenbekämpfung durchaus positiv zu bewerten, doch das Meldewesen ist deutlich zu kritisieren, erklärte Lauterbach. Mit diesem Vorwurf stand der SPD-Gesundheitsexperte nicht alleine da, denn tatsächlich haben die föderalen Strukturen und Meldungswege deutlich Verzögerungen mit sich gebracht. So bemängelte auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst, den üblichen Dienstweg über die Gesundheitsämter und Länderbehörden an das RKI und warf die Frage auf: „Wie kann man zufrieden sein, wenn es zehn Tage dauert, bis eine Meldung beim RKI ankommt?“ Brunkhorst und Lauterbach zufolge wäre ein direkte Meldung der EHEC-Infektionen an das RKI auch im Sinne der Seuchenbekämpfung deutlich von Vorteil. Zudem sollten die behandelnden Ärzte bei der Suche nach der Infektionsquelle stärker eingebunden werden, forderten die Experten.

Der Tagungspräsident und ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, kritisierte außerdem die mangelhafte Kommunikation rund um die EHEC-Krise in der Öffentlichkeit. Der Bundesgesundheitsminister sah hier ebenfalls einige Schwächen und betonte, er hätte sich eine ruhigere Kommunikation „mit mehr Rücksprache" gewünscht. Dass in verschiedenen Talkrunden in den Medien „sechs verschiedene Theorien zur Ursache von EHEC“ aufkamen, die „von Bioterrorismus über Spargel und Erdbeeren bis zu den Schnittblumen vom Muttertag“ reichten, habe in der Öffentlichkeit für zusätzliche Verunsicherung gesorgt. Der SPD-Politiker Lauterbach bemängelte außerdem das Vorgehen einiger Landesminister, von denen er mehr Zurückhaltung erwartet hätte. Die voreilige Bekanntgabe von Vermutungen zur Infektionsquelle habe in der Öffentlichkeit bisweilen einen chaotischen Eindruck hinterlassen. (fp)