Versorgung: Postleitzahl entscheidet über Therapie

Alfred Domke

Regionale Unterschiede: Therapie oft von Postleitzahl abhängig

09.02.2014

In den unterschiedlichen Regionen Deutschlands sind teilweise deutliche regionale Unterschiede bei einigen Therapien, Operationen und Diagnosen feststellbar. Für ihren „Faktencheck Gesundheit“ lässt die Bertelsmann-Stiftung regelmäßig solche Unterschiede analysieren.

Negative Auswirkungen für die Patienten
Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass Faktoren wie Art und Schwere einer Erkrankung oder das Alter eines Patienten ausschlaggebend sind für die verordnete ärztliche Therapie. Doch Experten beklagen, dass dem nicht immer so ist und Umstände wie etwa die Facharztdichte oder Arzthonorare Einfluss darauf haben. So meint Versorgungsforscher Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen: „Es gibt immer wieder Unterschiede, die erstaunen.“ Und auch bei den Diagnosen seien solche Unterschiede feststellbar. Dies habe negative Auswirkungen für die Patienten, da sie dann oft keine angemessene Behandlung erhielten. Zudem entstünden dadurch unnötige Kosten.

In manchen Regionen werden acht Mal so oft Mandeln entfernt
Für ihren „Faktencheck Gesundheit“ lässt die Bertelsmann-Stiftung regelmäßig solche Unterschiede analysieren. Beispielsweise sei dadurch festgestellt worden, dass bei Kindern in manchen Regionen bis zu acht Mal häufiger die Mandeln entfernt werden, als in anderen Gegenden. So ergab sich etwa, dass im bayerischen Stadtkreis Schweinfurt 109 von 10.000 Kindern operiert wurden, im thüringischen Landkreis Sonneberg hingegen nur 14. Im Nordosten Deutschlands werde außerdem Kindern doppelt so oft Antibiotika verordnet als im Süden.

Hausärzte verordnen eher Antibiotika als Kinderärzte
Die Ursachen dafür liegen nicht unbedingt darin begründet, dass die Menschen einer Gegend gesünder sind als andere. „Im Einzelfall lassen sich solche Unterschiede oft noch nicht genau erklären“, so Glaeske. Er meint weiter: „Es gibt vermutete Faktoren, aber kaum Beweise.“ Als bekannt gelte etwa, dass Allgemeinärzte Antibiotika, beispielsweise bei einem Virusinfekt; im Schnitt häufiger sinnlos verordnen als etwa Kinder- oder HNO-Ärzte. Zum Beispiel verordneten 33 Prozent der Hausärzte bei einer nicht eitrigen Mittelohrentzündung, bei der Antibiotika nur selten nütze, Antibiotika. Jedoch taten dies nur 17 Prozent der Kindermediziner und lediglich neun Prozent der hier vermutlich fachlich am kompetentesten Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Glaeske erklärte, dass in ländlichen Regionen, in denen vor allem der Hausarzt aufgesucht werde, deshalb eher mehr Antibiotika genommen würden.

Rasante Zunahme bei ADHS-Diagnosen
Laut dem Faktencheck spiele auch die Zahl der HNO-Kliniken in der jeweiligen Region eine Rolle bei den Mandeloperationen. So würden Kinder aus Kreisen, in denen mehrere große Einrichtungen vorhanden sind, häufiger operiert. Auffällig sei auch der Einfluss der Ärzte bei Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom(ADHS). „Da gab es eine rasante Zunahme der Diagnosen und Arzneiverordnungen. Besonders auffällig ist der Raum Würzburg“, so Thomas Grobe vom Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen. Im Jahr 2011 wurde bundesweit rund 6,5 Prozent der zehn- bis zwölfjährigen Jungen ein ADHS-Präparat, wie etwa Ritalin verordnet. In Unterfranken waren es mit 13,3 Prozent mehr als doppelt so viel.

Bildungsniveau und Alter der Eltern haben Einfluss auf Diagnose
Da ADHS-Medikamente von Kinder- und Jugendpsychiatern verordnet werden und die Zahl der Spezialisten überschaubar sei, könnten relativ wenige von ihnen die Arzneiverordnungen in einer Gegend maßgeblich beeinflussen. Auch das Bildungsniveau sowie das Alter der Eltern hätten Einfluss auf die Diagnose ADHS. „Kinder arbeitsloser Eltern sind häufiger betroffen“ so Grobe. „Und es gibt Hinweise darauf, dass Kinder jüngerer Eltern ein höheres Diagnose-Risiko haben.“

Der Osten ist kränker als der Westen
Bei der erwachsenen Bevölkerung seien regionale Unterschiede vor allem auf die Altersstruktur zurückzuführen, so Uwe Repschläger, Bereichsleiter Unternehmenssteuerung bei der Barmer GEK: „Der Altersunterschied ist der absolut vorrangige Erklärungsfaktor dafür, dass der Osten viel kränker ist als der Westen.“ Die Ursache dafür sei die Abwanderung vieler junger Ostdeutscher in die westlichen Bundesländer. „Das ‚kränkste‘ Bundesland ist dadurch Sachsen, das ‚gesündeste‘ Baden-Württemberg.“ Die 80 chronischen Krankheiten, für die im Zuge des Risikoausgleichs der Krankenkassen klare Definitionen festgelegt worden seien, seien für die Analyse regionaler Unterschiede besonders geeignet. „43 Prozent unserer Versicherten haben mindestens eine dieser Erkrankungen“, so Repschläger. Grobe erläuterte, dass es beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermehrt in den neuen Ländern gebe: „Die innerdeutsche Grenze ist an den Bluthochdruck-Diagnosen ablesbar.“

240 Klinikaufenthalte je 1.000 Einwohner
Auch bei Kaiserschnitten sind die Unterschiede in den Ländern enorm. So haben im Saarland im Jahr 2012 gut 37 Prozent der Frauen per Kaiserschnitt entbunden, in Sachsen dagegen nur knapp24 Prozent. Der „Faktencheck Gesundheit“ fand zudem bei Kniegelenk-Operationen einen Zusammenhang mit der sozio-ökonomischen Lage. Demnach erhielten in wohlhabenden Kreisen in der Regel mehr Menschen ein künstliches Kniegelenk. In den rund 2.000 deutschen Klinken kamen im Jahr 2012 insgesamt 15,7 Millionen Mal Patienten unters Messer. Dies war mit 300.000 Mal öfters ein Rekordwert. In Deutschland wurden der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge mit 240 Klinikaufenthalten je 1.000 Einwohner pro Jahr so viele Menschen stationär behandelt wie in kaum einem anderen Industriestaat.

Technikgläubigkeit und Preisgefüge als Gründe
„Wir haben ein Höchstleistungssystem, in einigen Bereichen gibt es allerdings schon eine gewisse Unwucht“, so Professor Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Orthopädie-Gesellschaften DGOOC und DGOU. Grund dafür sei unter anderem die große Technikgläubigkeit. „In so manchem Fall, in dem eine OP anberaumt wird, wäre eine andere Behandlung zunächst angebrachter.“ Das Preisgefüge sei eine weitere Ursache, wie etwa das Beispiel der Wirbelsäulen-Operationen zeige. „Ihre Zahl geht aktuell in dynamischer Bewegung nach oben, mit der wachsenden Zahl an Senioren alleine lässt sich das nicht erklären.“ Auch Studien würden zeigen, dass viele der Bandscheiben-OPs überflüssig seien. Ein niedergelassener Arzt erhalte für die konservative Behandlung mit Krankengymnastik und Schmerzmitteln 120 Euro pro Patient im Jahr. Dagegen würden für die Operation rund 12.000 Euro gezahlt.

Auch das deutsche Haftungsrecht spielt eine Rolle
Repschläger meint: „Am besten wäre es, die Anreize bei Ärzten künftig nicht mehr so zu setzen, dass ein Mehr an schnellen OPs besser vergütet wird.“ Allerdings spiele neben dem finanziellen Aspekt auch das deutsche Haftungsrecht eine wichtige Rolle. „Oft macht ein Arzt aus Sorge vor möglichen Ansprüchen viel mehr, als er bei den vorliegenden Symptomen müsste.“ An dieser Stelle sieht auch Glaeske einen wichtigen Ansatzpunkt: „Es wäre schon schön, wenn Ärzte, die Hufgetrappel hören, wieder erst mal an Pferde denken würden – und nicht gleich an Zebras.“ (ad)

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