Psychiatrie: Wie konnte in München es zu einem Amoklauf kommen?

In München wurden am Freitag neun Menschen erschossen, 16 Personen wurden verletzt. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus. Möglicherweise war es ein Amoklauf. Wie kann es dazu kommen? (Bild: VRD/fotolia.com)
Alfred Domke
Mindestens neun Menschen bei Amoklauf in München getötet – Wie kommt es dazu?
In München sind bei einem Angriff in und vor einem Einkaufszentrum mindestens neun Menschen getötet worden, zahlreiche Personen wurden verletzt. Die Polizei nimmt an, dass es sich bei dem Täter um einen 18-jährigen Mann handelte, der sich anschließend selbst erschoss. Die Hintergründe der Tat sind noch nicht geklärt. Womöglich handelte es sich um einen Amoklauf. Wie kann es dazu kommen?

Mindestens 16 Menschen ermordet
Die ganze Welt blickt derzeit auf München. In der bayerischen Landeshauptstadt gab es am frühen Freitagabend eine Schießerei vor und im Olympia Einkaufszentrum (OEZ). Der mutmaßliche Täter – die Polizei geht derzeit von einem 18-jährigen Einzeltäter aus – schoss dabei mit einer Pistole um sich und tötete neun Menschen, mindestens 16 Menschen wurden verletzt. Wenige Stunden später fand die Polizei einen Toten, bei dem es sich vermutlich um den Schützen handelte. „Wir haben im Rahmen der Fahndung eine Person gefunden, die sich selbst getötet hat“, schreibt die Polizei München auf „twitter“. „Dabei handelt es sich mit hoher Wahrsch. um den Täter, der nach jetzigem Ermittlungsstand allein agiert hat.“

In München wurden am Freitag neun Menschen erschossen, 16 Personen wurden verletzt. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus. Möglicherweise war es ein Amoklauf. Wie kann es dazu kommen? (Bild: VRD/fotolia.com)
In München wurden am Freitag neun Menschen erschossen, 16 Personen wurden verletzt. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus. Möglicherweise war es ein Amoklauf. Wie kann es dazu kommen? (Bild: VRD/fotolia.com)

Täter tötetet sich offenbar selbst
Zwar war die Zahl der Täter und auch der Opfer lange unklar, doch nun geht die Polizei davon aus, dass ein 18-jähriger Deutsch-Iraner die tödlichen Schüsse von München abgegeben hat. Er habe laut Polizei mit hoher Wahrscheinlichkeit alleine gehandelt. Laut Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hatte der Täter in einem Schnellrestaurant zu schießen begonnen, anschließend gab er Schüsse beim Einkaufszentrum ab und ergriff die Flucht. Die Leiche des jungen Mannes sei rund einen Kilometer vom Einkaufszentrum gefunden worden. Er soll seit mehr als zwei Jahren in München gelebt haben, nicht polizeiauffällig gewesen sein und mit einer Pistole geschossen haben.

War es ein Amoklauf?
Zunächst war von einer „akuten Terrorlage“ die Rede, doch es sei mittlerweile nicht davon auszugehen, dass es weitere Täter gegeben hat. Die Polizei weitet ihre Ermittlungen aus und durchsuchte unter anderem die Wohnung des mutmaßlichen Täters. Doch die Hintergründe der Tat und das Motiv seien noch völlig unklar. War es ein Amoklauf wie 2009 im schwäbischen Winnenden, als bei einem Massaker 16 Menschen ihr Leben verloren? Manches spricht dafür. Wie kann es zu solch schrecklichen Taten kommen?

Gewalttätige Videospiele allein sind keine Erklärung
Wenn es zu schlimmen Ereignissen wie dem Amoklauf in Winnenden kommt, wird polizeilich und medial das Sozialleben des Täters durchleuchtet. Dadurch soll ein nicht erklärbares Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen durch Details des vorigen sozialen Lebens Antworten geben. Im Fall von Winnenden hatte der 17-jährige Tim K. eine Vorliebe für sogenannte Ego-Shooter, bei denen es darum geht, den Gegner im Spiel zu eliminieren. Kritiker von PC-Spielen meinen zwar, dass solche Gewaltexzesse durch den Konsum von Computerspielen ausgelöst werden, doch Sozialforscher entgegnen, dass die Rate der Gewaltausbrüche im Vergleich zum Millionenfachen Konsum weitaus höher ausgeprägt sein müsste, wenn PC-Spiele tatsächlich zu einem solchen Verhaltensmuster führen würde. Nicht ausgeschlossen werden jedoch begünstigende Faktoren, die zu einem solchen Verhalten führen. Eine alleinige Antwort für die schrecklichen Taten sind die Videospiele aber ganz gewiss nicht.

Mögliche Ursachen für einen Amoklauf
Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Amok als eine „willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblichen (fremd-)zerstörerischen Verhaltens“ definiert. Diese Gewalttat muss dabei mehrere Menschen gefährden, das heißt verletzen oder gar töten, wenn von Amok die Rede sein soll, heißt es auf der Webseite „psychosoziale-gesundheit.net“. Wie Prof. Dr. med. Volker Faust dort erklärt, stehen psychosoziale Ursachen dabei an erster Stelle. Genannt werden „Benachteiligungen, Demütigungen, Kränkungen und Beleidigungen, wobei der Betroffene für sich selber entscheidet, ob angebracht oder ungerecht, ob real oder eingebildet, meist allerdings in seinem verdrossenen bis schließlich verbitterten oder gar verzweifelten Sinne“. Auch psychische Krankheiten können eine Rolle spielen: „Dass ein Amok-Läufer seelisch nicht gesund sein kann, ergibt sich schon völlig aus der Tat. Ob es sich aber um eine in der psychiatrischen Krankheitslehre konkret beschreibbare seelische Störung handelt wie Schizophrenie, Depression, Neurose oder Persönlichkeitsstörung u.a. – das ist noch weitgehend unklar.“ Zwar werden auch biologische Ursachen diskutiert, doch hier bestehe noch großer Klärungs- und damit Forschungsbedarf.

Vorbeugung solcher Gewalttaten
Der Forscherverbund „TARGET“ ist seit einigen Jahren dabei, Fälle hochexpressiver zielgerichteter Gewalt mit Einzeltätern in Deutschland vergleichend zu analysieren. Das interdisziplinäre Projekt mit einem Team aus Psychologen, Psychiatern, Kriminologen, Soziologen und Pädagogen nimmt nicht nur Amokläufe sondern alle schweren, zielgerichteten Tötungsdelikte junger Menschen bis 25 Jahre sowie ausgewählte Fälle älterer Täter unter die Lupe. Zudem sollen die analysierten Fälle ähnlichen Taten gegenübergestellt und auch geplante, aber verhinderte Taten untersucht werden. „Auf der Grundlage der Ergebnisse des TARGET-Projektes soll ein wissenschaftlicher Fortschritt in Hinblick auf Vorhersage, Vorbeugung und Intervention solcher Gewalttaten erreicht werden“ schreiben die Experten. (ad)

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