Psychische Leiden häufigster Grund für Frührente

Fabian Peters

Psychische Erkrankungen häufigster Anlass für Erwerbsminderungsrente

30.12.2012

Psychische Erkrankungen führen immer öfter zu Berufsunfähigkeit und Frührente. Eine Auswertung der Deutschen Rentenversicherung (DRV) hat ergeben, dass psychische Leiden mittlerweile der häufigste Grund für ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben sind. In den vergangenen Tagen hatten mehrere Landesvertretungen der Techniker Krankenkassen (TK) unter Bezug auf die Erhebung der DRV berichtet, dass in einigen Bundesländern, wie beispielsweise Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Bayern oder Rheinland-Pfalz, mittlerweile knapp die Hälfte der Frühverrentungen durch psychische Erkrankungen bedingt werden.

In den letzten zehn Jahren sind die Frühverrentung aufgrund psychischer Erkrankungen drastisch gestiegen, wobei deren Anteil an den Frührenten sich insgesamt zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2010 um 15 Prozentpunkte erhöht hat. Unter Bezug auf die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung berichtete die TK, dass zum Beispiel in Hamburg im vergangenen Jahr „bei den Frauen 57,7 Prozent und bei den Männern 42,2 Prozent aller Frührenten psychisch bedingt“ waren. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag bei 52 Jahren. Zwar fielen die Zahlen in anderen Bundesländern, wie beispielsweise Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, deutlich besser aus, doch auch hier ging fast ein Drittel der genehmigten Erwerbsminderungsrenten auf eine psychische Erkrankung zurück.

Psychische Erkrankungen durch Belastungen auf der Arbeit?
Deutschlandweit lag der durchschnittliche Anteil der psychisch bedingten Frühverrentung an den Erwerbsminderungsrenten insgesamt im Jahr 2011 bei 41 Prozent, berichtet „Welt Online“ unter Bezug auf die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung. Depressionen, Angststörungen und andere seelische Leiden seien demnach der häufigste Grund für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben – deutlich vor Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. koronare Herzkrankheit, Arterienverkalkung). Mehr als vier von zehn Frührentnerinnen und -rentnern seien psychisch krank. Als mögliche Ursachen beschreiben die Experten der Techniker Krankenkasse die hohen Belastungen im Arbeitsumfeld. „Termindruck, ständige Erreichbarkeit und die Angst um den Arbeitsplatz gehen an vielen Menschen nicht spurlos vorbei“, erläuterte die Beraterin für Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der TK in Niedersachsen. Zu einer vergleichbaren Einschätzung kommt auch Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“.

Viele Arbeitnehmer gestresst durch die Arbeitsbedingungen
Der DGB warnt vor den Belastungen am Arbeitsplatz, welche ein Grund für die steigende Frühverrentungen seien. „Die psychischen Belastungen durch Hetze und Stress am Arbeitsplatz sind inzwischen so hoch, dass sie die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten gefährden“, betonte Annelie Buntenbach. So hätte die jährliche DGB-Umfrage im März ergeben, dass rund 20 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland mindestens zehn Überstunden pro Woche machen, um der Arbeitsbelastung Herr zu werden. Mehr als ein Viertel der Beschäftigten muss sehr häufig auch in der Freizeit erreichbar sein, wodurch sich 52 Prozent der Arbeitnehmer massiv gestresst fühlen, so das Ergebnis der DGB-Umfrage. Laut Mitteilung der Techniker Krankenkasse ist es daher „für Firmen wichtig, rechtzeitig Belastungen im Arbeitsumfeld zu erkennen und den gesundheitlichen Folgen wie Burnout oder Sucht entgegenzuwirken.“ Hier sollten auch Führungskräfte das Thema psychische Erkrankungen nicht tabuisieren und mit ihren Mitarbeitern über die individuellen psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz sprechen, erklärte die Krankenkasse. „Die Bereitschaft eines Unternehmens, in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren, wird in den kommenden Jahren zunehmend wichtiger“, betonte die Leiterin der TK-Landesvertretung Niedersachsen, Sabine Voermans, mit Blick auf den prognostizierten Fachkräftemangel im Zuge des demografischen Wandels.

Politik fordert Maßnahmen zur Reduzierung psychischer Belastungen im Arbeitsumfeld
Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, erläuterte gegenüber der „Welt am Sonntag“, dass die Arbeitsbelastungen vielen Beschäftigten nicht erlauben, Beruf und Familie zu vereinen. „Das erklärt, warum weit häufiger Frauen als Männer aus psychischen Gründen arbeitsunfähig werden“, so Lauterbach weiter. Insgesamt waren 48 der Frühverrentungen bei Frauen auf psychische Probleme zurückzuführen, bei den Männern lag der Anteil indes lediglich bei 32 Prozent. Auch die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) erkennt hier einen besorgniserregenden Trend. Arbeitnehmer sollten künftig besser vor den extremen psychischen Belastungen geschützt werden, so von der Leyen gegenüber der „Welt am Sonntag“. Bis Ende Januar solle eine Initiative für besseren psychischen Arbeitsschutz ins Leben gerufen werden. „Jetzt erarbeiten wir Hand in Hand mit Arbeitgebern, Gewerkschaften und Unfallkassen, welche Programme und Konzepte und konkreten Regeln Belegschaften wirksam vor psychischen Belastungen schützen können“, betonte die Bundesarbeitsministerin im Gespräch mit der Zeitung. Der massive Anstieg der Frühverrentung in Folge psychischer Erkrankungen von 24 Prozent im Jahr 2000 auf 39 Prozent im Jahr 2010 ist nach Einschätzung der Deutschen Rentenversicherung jedoch nicht nur auf tatsächlich gestiegene Belastungen zurückzuführen, sondern wird zum Teil auch durch die größere Offenheit der Bevölkerung im Umgang mit dem Thema psychische Erkrankungen bedingt. (fp)

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