Psychologen: Männer treffen unter Stress weniger egoistische Entscheidungen

Alexander Stindt
Wir wirkt sich Stress auf moralische Entscheidungen aus?
Jeder von uns muss im Laufe seines Lebens etliche moralische Entscheidungen treffen. Viele dieser Entscheidungen sind in der heutigen Gesellschaft möglichst schnell zu treffen. Oft stehen Betroffene dabei unter erheblichem Stress. Manchmal ist es nicht einfach, zwischen eigenen Vorteilen und einer moralisch richtigen Entscheidung zu wählen. Deutsche Forscher haben jetzt untersucht, ob akuter Stress Auswirkungen auf unsere moralischen Entscheidungen hat.

Die Wissenschaftler vom Bezirksklinikum Regensburg und der Universität Regensburg stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass Männer in Stresssituationen bei moralischen Entscheidungen weniger egoistisch handeln. Die Experten veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Hormones and Behavior“.

Stress wurde bisher meist mit negativen Auswirkungen in Zusammenhang gebracht. Mediziner stellten nun fest, dass Stress Männern bei moralischen Entscheidungen jedoch hilft, weniger egoistisch zu handeln. (Bild: Rido/fotolia.com)

Wie würden Sie entscheiden?
Der Alltag birgt viele moralische Entscheidungen. Einige davon müssen in großer Eile oder unter starkem Stress getroffen werden. Wie verfahren Sie, wenn Sie es sehr eilig haben, weil Sie zu einem wichtigen Termin müssen und beispielsweise eine alte Frau Hilfe benötigt, um über eine vielbefahrene Straße zu kommen? Helfen Sie der Frau oder ist Ihnen Ihr Termin wichtiger? Genau solch eine Fragestellung motivierte eine Forschergruppe aus Deutschland zu untersuchen, welche Auswirkungen akut auftretender Stress auf das moralische Entscheidungsverhalten von Männern hat.

Probanden wurden in zwei Gruppen unterteilt
Für die aktuelle Studie untersuchte das Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Brigitte Kudielka, Lehrstuhl für Medizinische Psychologie, Psychologische Diagnostik und Methodenlehre an der Universität Regensburg, insgesamt fünfzig gesunde junge Männer. Diese Probanden nahmen entweder an dem sogenannten Trierer Sozial Stress Test (TSST) teil oder wurden nur mit einer stressfreien Kontrollbedingung konfrontiert, erklären die Autoren.

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Mediziner maßen nach dem TSST die Werte des Hormons Cortisol
Der TSST ist ein weltweit verwendetes Standardprotokoll. Bei diesem Verfahren wird absichtlich moderater psychosozialer Stress in einem Verhaltenslabor erzeugt, sagen die Forscher. Nach dem Test mussten die Teilnehmer Fragen zu 28 alltagsbezogenen moralischen Entscheidungen beantworten. Bei diesen Situationen gab es immer eine selbstlose oder eine egoistische Antwort als Alternative. Außerdem sollten Probanden angeben, welche Gefühle sie bei der Entscheidungsfindung hatten und wie sicher sie sich waren, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, erklären die Experten. Zusätzlich mussten die Probanden verschiedene Selbstberichtsfragebögen ausfüllen. Zu verschiedenen festgelegten Zeitpunkten wurden zudem Speichelproben von den teilnehmenden Männern genommen, erläutern die Mediziner weiter. Die Proben wurden dann dazu verwendet, um das Stresshormon Cortisol zu messen.

Gestresste Probanden entschieden sich weniger egoistisch
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Probanden unter Stress bei moralischen Entscheidungen weniger egoistisch entschieden, verglichen mit Männern aus der Kontrollgruppe. Die selbstlosen Entscheidungen wurden außerdem mit einer höheren Entscheidungssicherheit getroffen, sagen die Autoren. Es traten zusätzlich positivere Emotionen auf, verglichen mit egoistischen Entscheidungen.

Stress kann auch zu positiven verbesserten sozialen Konsequenzen führen
Es gab auch einen positiven Zusammenhang zwischen dem Spiegel von Cortisol und dem sogenannten altruistischem Entscheidungsverhalten, erklären die Wissenschaftler. Das Hormon Cortisol könnte also für die festgestellten Auswirkungen verantwortlich sein, mutmaßen die Experten. Die Untersuchung des Forscherteams unter der Leitung von Professorin Dr. Brigitte Kudielka zeigt, dass der empfundene Stress auch sogenannte prosoziale Konsequenzen haben kann und aus diesem Grund nicht nur mit negativen Auswirkungen in Verbindung gebracht werden sollte. (as)