Psychologen: Warum sich einige Menschen als Horror-Clowns geben

Lachen kann böse sein, und eine Maske tarnt Verbrechen. (nito/fotolia.com)
Dr. Utz Anhalt
„Nicht der Zorn, das Lachen tötet,“ sagte Nietzsche. Horrorclowns füllen die Schlagzeilen vor Halloween. Die Täter verkleiden sich als Clowns, verfolgen Kinder oder greifen sogar Unbeteiligte mit Messern und Kettensägen an. Warum setzen sich die Kriminellen aber die Masken von Clowns auf.

Böse Clowns
Zirkusclowns und Kasperle erfreuen Kinder. Ihr Witz ist aber nicht immer harmlos. Im Roman „ES“ von Stephen King terrorisiert ein Clown mit roten Haaren, Reißzähnen und Klauen eine Stadt in Amerika. Wo liegt das Böse im Clown?

Lachen kann böse sein, und eine Maske tarnt Verbrechen. (nito/fotolia.com)
Lachen kann böse sein, und eine Maske tarnt Verbrechen. (nito/fotolia.com)

Das Unbekannte hinter der Maske
Kleinkinder fürchten sich vor Menschen, die eine Maske aufsetzen, selbst wenn sie diesen Menschen kennen. Moderne Clowns schminken sich. Solche Maskeraden dienten historisch selten friedlichen Zwecken: Gesichtsmasken sollten Fremde verunsichern, ihnen fehlt die Mimik des wirklichen Menschen.

Pogo der Clown
John Wayne Gacy (17. März 1942 – 10. Mai 1994) war ein amerikanischer Serienmörder. Er vergewaltigte und tötete mindestens 33 Jungen und junge Männer. Gacy galt als kinderlieb und trat bei Kinderfesten als „Pogo, der Clown“ auf. Für seine Verbrechen erhielt er 21-mal lebenslang und 12-mal die Todesstrafe und wurde 1994 hingerichtet.

Vorbild für Horrorclowns
„Pogo, der Clown“ verbreitete sich als Kostüm auf Halloween-Parties in den USA. Gerade weil Lehrer und Eltern sich entsetzten, wuchs der Reiz für Jugendliche, sich als dieser mordende Clown zu verkleiden.

Aus Spaß wird ernst
Die Grenze zwischen makabrem Humor und kriminellen Verhalten lässt sich schlecht ziehen. Seit Jahrzehnten treten um Halloween nicht nur Menschen auf Parties in Horrorclown-Kostümen auf, sondern wenige wollen Fiktion nicht von Wirklichkeit, dunklen Scherz nicht von Verbrechen unterscheiden.

Erbärmliche Feiglinge
Die Täter, die sich als Horrorclowns verkleiden, Unbekannte jagen, bedrohen oder körperlich verletzen, haben meist Gemeinsamkeiten: Sie haben im normalen Leben wenig Perspektiven, sind „arme Würstchen“, die sich auf Kosten Schwächerer mächtig fühlen. Die Maske verschafft ihnen Anonymität.

Lachen reißt die Maske ab
Die Psychologin Isabella Heuser sagt: „Für die Täter ist das Verbreiten von Angst und Schrecken fast das Wichtigste. Deshalb haben sie schon verloren, wenn ein vermeintliches Opfer sie einfach nur auslacht und eben nicht ernst nimmt.“

Lachen ist nicht immer fröhlich
Über solche Fratzen zu lachen, hat mit Freude nur wenig zu tun, denn Menschen lachen, wenn sie einen Autounfall erleiden, und sie lachen, wenn ihr Haus brennt. Sie lachen in Wahn und Irrsinn und den tiefsten Phasen der Verzweiflung.

Lachen enthemmt
Rettungssanitäter erzählen sich Witze über Leichen und lachen. Lachen ist nicht nur ein Ausdruck der Fröhlichkeit. Es enthemmt, es lockert die Muskeln, es löst die Anspannung, macht gefährliche Situationen erträglich.

Lachen im Wahn
Verrücktes Lachen ist auch Kennzeichen psychischer Erkrankungen, zum Beispiel für die Bipolare Störung in der manischen Phase und Schizophrenie.

Lachen als Aggression
Höhnisches Gelächter, dämonisches Grinsen und spöttisches Kichern geben Andere der Lächerlichkeit preis. Wer böse lacht, der enthemmt sich ebenfalls. Er hält seine Lust nicht mehr zurück, er gibt seiner Aggressivität freien Lauf.

Zweierlei Lachen
Ein sanftes Lächeln mit geschlossenem Mund und offenem Blick wirkt sympathisch. Ein Grinsen mit entblößten Zähnen verheißt Unheil und lässt sich als Androhung von Gewalt verstehen. Verbindet es sich mit Erregung, dann bekommen wir eine Gänsehaut – unser Fell sträubt sich und wir fletschen die Zähne, nicht anders als Schimpansen.

Der Künstler als Clown
Der Künstler Jonathan Meese provoziert mit dem Hitlergruß und gilt bei Kritikern als Fall für die Psychiatrie. Seine Kunst beschreiben Journalisten als „zugemülltes Jungs-Zimmer“ und als „Horrorkabinett zwischen Charles Bronson und Slayer“. Meese selbst propagiert die „Diktatur der Kunst.“

Der schreckliche Clown
Er nimmt im Kunstbetrieb die Rolle des schrecklichen Clowns ein, des Enfant Terrible. Das schreckliche Kind will und kann keine Perspektive anbieten, wie die Gesellschaft besser organisiert werden soll. Provozierende wirken bisweilen ungewollt komisch. Zu Meese fragten Kritiker, ob sich derjenige, der sich ernsthaft mit den Werken des Kunstdiktators auseinander setzt, nicht selbst lächerlich macht.

Das Kind und der Horror
Was verbindet das Kind mit dem Narr und den Clown mit dem Schrecken? Das Kind ist unmündig, darum kann es sich für seine Taten nicht verantworten. Darum sagt es zum einen ungeschminkt die Wahrheit, die sich Erwachsene verkneifen, zum anderen handelt es grausam, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Tödlicher Witz
Warum sollten Witze tödlich sein? Das Lachen über jemand, der leidet, durchzieht die Geschichte der menschlichen Grausamkeit.
Klaus Theweleit spricht vom „Lachen des Folterers“. Soldaten im Krieg genießen es, die Leichen ihrer Feinde zu schänden. Sie lachen, wenn sie deren verstümmelte Körper durch die Straßen ziehen. Wer dem bösen Lachen ausgesetzt ist, verliert seine Rechte.

Das Theater des Schreckens
Historiker sprechen vom Theater des Schreckens. Folter als nicht erklärbar oder irrational und pathologisch zu kennzeichnen, bedeutet, sie nicht erklären zu wollen, so Theweleit. Marqis de Sade, kein Sadist, sondern ein Aufklärer, zeigte in „Die 120 Tage von Sodom“, wie die Mächtigen sich am Leiden der Hilflosen erfreuen.
Jemanden lächerlich zu machen, bedeutet, Macht über ihn zu haben oder, seine Macht nicht anzuerkennen.

Witze entwerten
Sigmund Freud erkannte, dass ein Witz soziale Zugehörigkeit definiert. Witze diffamieren Minderheiten. Wer Witze über „Neger“ erzählt, beginnt mit der Gewalt gegen sie. Die Grenze zwischen Spaß und Ernst verschwimmt. Vom Judenwitz zum Pogrom ist es nur ein kleiner Schritt. (Dr. Utz Anhalt)

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