Psychopharmaka-Arzneien bei Tausch gegen Sex: Freispruch für Doctor

Das Gericht konnte keine gegenseitigen Abhängigen sehen. Bild: oneinchpunch - fotolia
Heilpraxisnet
BGH: Gerichtspsychiater hat Behandlungsverhältnis nicht ausgenutzt
Erhält eine Suchtkranke von einem psychiatrischen Gutachter Psychopharmaka und bietet sie im Gegenzug Sex an, ist dies nicht immer als strafbarer sexueller Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses anzusehen. Darauf hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe in einem am Dienstag, 19. Juli 2016, bekanntgegebenen Beschluss hingewiesen (Az.: 1 StR 24/16). Er sprach damit einen 61-jährigen Gerichtspsychiater frei.

Das Gericht konnte keine gegenseitigen Abhängigen sehen. Bild: oneinchpunch - fotolia
Das Gericht konnte keine gegenseitigen Abhängigen sehen. Bild: oneinchpunch – fotolia

Konkret ging es um eine frühere Staatsanwältin, die mit dem Psychiater über mehrere Monate eine Sex-Beziehung hatte. Der Psychiater erstellte Gutachten für dasselbe Gericht, an dem auch die Staatsanwältin tätig war. Sie hatte ihn über dessen Freund kennengelernt, mit dem sie eine Affäre unterhielt. Der Gutachter zeigte an ihr ebenfalls Interesse. Dabei teilte die Frau ihm ihre Alkoholsucht mit. Eine Arzt-Patient-Beziehung bestand nicht.

Als die Frau zwei Jahre später suchtbedingt in eine Klinik kam, wünschte sie die Behandlung mit Psychopharmaka, konkret mit angstlösenden Benzodiazepinen. Wegen einer früheren Abhängigkeit von solchen Tabletten ging sie allerdings davon aus, dass ihr behandelnder Arzt ihr diese Medikamente nicht verschreiben würde.

Sie wandte sich daher an den psychiatrischen Gutachter. Sie brachte ihn mehrmals dazu, ihr die Benzodiazepine zu verschreiben, dafür gab es dann Sex. Auch wollte sie einen früheren Kollegen, mit dem sie ein Verhältnis hatte, auf diese Weise ärgern. Die Beziehung zu dem Gutachter lief über mehrere Monate. Für den Mann war es mehr als Sex. Er wünschte sich erfolglos eine Lebenspartnerschaft und gemeinsame Kinder.

Als die Beziehung publik wurde, verurteilte das Landgericht München II den Psychiater wegen seiner sexuellen Beziehung zu der Juristin zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe. Er habe sich des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses schuldig gemacht.

Doch der Gerichtspsychiater hat hier ein Behandlungs- oder Beratungsverhältnis „nicht ausgenutzt“, urteilte nun der BGH. Nur dies sei aber strafbar. Hier habe die Staatsanwältin aber bereits von Anfang an den Plan gehabt, den Gutachter zu instrumentalisieren, um durch eine Sex-Beziehung an die Medikamente zu kommen.

Die Frau sei dem Gutachter in ihrer Position als Staatsanwältin auch „auf Augenhöhe“ begegnet. Die Beziehung habe sich als „Ausdruck ihrer sexuellen Selbstbestimmung“ dargestellt und nicht als deren Missbrauch durch den Angeklagten. Ob tatsächlich ein strafbarer Missbrauch vorliege, hänge immer auch von der Art und Intensität des Behandlungsverhältnisses ab, betonte der BGH in einem Beschluss vom 29. Juni 2016. fle/mwo

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