Psychose-Risiko: Stadtmenschen erkranken häufiger

Fabian Peters

Psychose-Risiko: Stadtmenschen erkranken häufiger an psychischen Erkrankungen.

(08.09.2010) Britische Forscher vom Institut für Psychologische Medizin und Neurologie der britischen Cardiff University haben in einer Untersuchung von mehr als 200.000 Menschen heraus gefunden, dass Menschen, die in Städten leben einem höheren Risiko psychischer Erkrankungen ausgesetzt sind als Dorfbewohner. Die Ursache: fehlender sozialer Zusammenhalt in den Städten.

Psychische Erkrankungen können sich in unterschiedlichster Form, wie z. B. depressiven Verstimmungen, veränderte Realitätswahrnehmung oder Verlust des Realitätsbezugs, äußern und durch verschiedenste Ursachen ausgelöst werden. Das derartige psychische Störungen häufiger bei Stadtmenschen auftreten, wurde von den Fachleuten bereits seit längerem vermutet und in verschiedenen Studien untersucht. Die bisherigen Ergebnisse wurden im Rahmen der jetzt vorliegenden Studie untermauert und die Forscher boten zugleich einen neuen Erklärungsansatz für die Ursachen. Wer auf dem Land groß wird, leidet weit seltener an psychischen Erkrankungen, so auch das Ergebnis der Forscher vom Institut für Psychologische Medizin und Neurologie der britischen Cardiff University .

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Der Studienleiter Stanley Zammit begründet dies nun im Fachmagazin „Archives of General Psychiatry“ damit, dass es „in Städten (…) öfter als in ländlichen Gegenden Viertel (gibt), in denen viele Menschen hin- und wegziehen und in denen viele alleinerziehende Eltern mit ihren Kindern wohnen". So „nehmen (die Forscher) an, dass die Bewohner solcher Viertel im Schnitt weniger stabile soziale Netzwerke haben und dass dies bei der Entwicklung psychotischer Erkrankungen eine Rolle spielen könnte", erklärte Zammit die Ergebnisse der Studie weiter. Die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Wohnort, Schullaufbahn, eventuellen Krankenhausaufenthalten und nicht affektiven Psychosen der Probanden ergab nach Aussage der Forscher, dass „der Zerfall sozialer Strukturen (…) der wichtigste auf die Wohngegend bezogene Faktor (war), der das erhöhte Psychose-Risiko von Menschen erklärt, die in Städten aufwachsen.". Unter dem Begriff nicht affektive Psychosen verstehen die Wissenschaftler Erkrankungen der Schizophrenie und damit verbundene Psychosen, affektive Psychosen sind hingegen z. B. schwere Depressionen oder Manien, wobei für Depressionen in den bisherigen Studien kein Stadt-Land-Unterschied festgestellt werden konnte.

Ältere Untersuchungen kamen zwar zu ähnlichen Ergebnissen wie die Studie der School of Medicine der Cardiff University, begründeten diese jedoch eher mit der höheren Bevölkerungsdichte, dem Lärm, Reizüberflutung oder höherer Gewaltkriminalität in den Städten. Bei der jetzigen Analyse der anonymisierten Daten von 203.829 Schweden zeichnete sich jedoch ein anderer Zusammenhang zwischen nicht affektiven Psychosen und der sozialen Fragmentierung am Wohnort ab. Demnach geht Urbanität mit einem höheren Psychose-Risiko einher, da insbesondere der Zerfall der sozialen Gemeinschaften innerhalb der Städte voranschreitet. Die Forscher gehen zudem davon aus, dass nicht nur die Integration, sondern auch das "lokalisierte Gefühl der Sicherheit, der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl" maßgeblich für das Risiko nicht affektiver Psychosen sind. Dabei spielt das soziale Umfeld den Ergebnissen der Studie zu Folge eine weit größere Rolle als die individuellen Veranlagungen der Menschen.

Unter den Fachleuten ist bisher jedoch umstritten, ob die Ergebnisse der britischen Forscher so eindeutig Gültigkeit haben oder ob nicht eventuell einfach „Menschen, die schon gefährdet sind, öfter in Städte ziehen als andere", erklärte Norbert Kathmann, Professor für Klinische Psychologie an der Humboldt-Universität in Berlin gegenüber „Spiegel Online“. Damit wäre nicht das soziale Umfeld in der Stadt für die Erkrankung verantwortlich, sondern gegebene Psychosen wären Grund für den Umzug in die Stadt. Zudem besteht laut Kathmann die Gefahr der statistischen Verzerrung, da „sich Kliniken in der Stadt und auf dem Land möglicherweise in ihrer Aufnahmepolitik unterscheiden. „Es ist“ nach Aussage des Fachmanns „vorstellbar, dass Psychiatrien auf dem Land nur Betroffene mit schweren Psychosen aufnehmen, solche in der Stadt dagegen schon Patienten mit leichten Symptomen." Daher reichen die bisherigen Ergebnisse nicht aus, um eindeutig Ursachen für die erhöhte Schizophrenie-Prävalenz in Städten benennen zu können. Auch könnte es sein, dass Stadtmenschen aufgrund der gefühlten Vereinsamung eher einen Arzt oder eine psychiatrische Klinik aufsuchen – schon allein aufgrund des Kontaktbedürfnisses. (fp)