Pubertierende finden selten einen guten Arzt

Nina Reese

Jugendliche suchen oft lange nach geeignetem Spezialisten

19.12.2013

Jugendliche, die unter einer ernsthaften, chronischen oder unheilbaren Krankheit leiden, haben es oft nicht leicht: Auf der einen Seite sind sie zu alt für den Kinderarzt, auf der anderen Seite fehlen in der Erwachsenenmedizin oft die entsprechenden Experten. Dadurch ist es gerade für junge Erwachsene häufig schwierig, im Anschluss an die Versorgung durch den Kinderarzt einen geeigneten Experten zu finden.

Knapp 30% der 12 bis 18-jährigen leiden an chronischen Krankheiten
Etwa 27 Prozent der 12 bis 18-jährigen Kinder und Jugendliche leiden nach Angaben des Präsidenten des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann, derzeit an einer chronischen Krankheit wie zum Beispiel Asthma, Diabetes, Herzfehlern, Rheuma oder Stoffwechselstörungen. Im Laufe der Kindheit stellt eine solche Erkrankung normalerweise kein Problem dar, denn durch die meist enge Bindung zu einem Kinderarzt werden kleine Patienten entsprechend therapiert und gut versorgt. Doch mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter ändert sich dies oft, denn dann steht Wechsel von einer kindzentrierten zu einer erwachsenenorientierten Gesundheitsversorgung an – was in der Medizin als „Transition“ bezeichnet wird. In der Folge ist der Kinderarzt nicht mehr zuständig, viele Jugendliche benötigen aufgrund ihrer Krankheitsbilder aber kompetente Spezialisten, um weiterhin entsprechend betreut zu sein. Was bleibt, ist oft die mühsame Suche nach einem geeigneten Erwachsenenmediziner – denn viele dieser Ärzte sind mit körperlichen oder medizinischen Problemen von Pubertierenden gar nicht vertraut.

Interdisziplinäre Teams wichtig, um chronisch kranke Jugendliche in der Transitionsphase zu betreuen
Dementsprechend sei es für viele junge Erwachsene schwierig, einen Erwachsenenmediziner zu finden, der sich mit dem jeweiligen Krankheitsbild auskenne und so eine kompetente Betreuung und Versorgung ermöglichen könne. Im Kindesalter sei dies laut Dr. Wolfram Hartmann durch fließende Grenzen zwischen einzelnen Spezialisten für ganz bestimmte Krankheitsbilder im Kindes- und Jugendalter sowie eine interdisziplinäre, enge Zusammenarbeit im ambulanten und stationären Bereich gut möglich gewesen – daher müsse dem Experten nach auch in der späteren Betreuung an dieser Struktur festgehalten werden: „Um diese Patienten ohne größere Probleme auch im Erwachsenenalter weiter medizinisch versorgen zu können, benötigen wir interdisziplinäre Teams aller drei Versorgungsebenen, die chronisch kranke Jugendliche in der wichtigen Transitionsphase zwischen 16 und 18 Jahren gemeinsam betreuen und die therapeutischen Maßnahmen koordinieren“, so Dr. Wolfram Hartmann in einem Vortrag zum Thema „Wenn junge Patientinnen und Patienten erwachsen werden“.

„In der Erwachsenenmedizin treten viele junge Menschen in eine ganz neue Welt ein“
Doch nach wie vor sind viele Erwachsenenmediziner für eine Behandlung junger Erwachsener mit seltenen chronischen Krankheiten oder Behinderungen nicht entsprechend ausgebildet. Auch die finanzielle Seite stellt immer wieder ein Problem dar, denn die oft kostenintensiven Behandlungen der jungen Patienten können von vielen Erwachsenenmedizinern kaum bewerkstelligt werden. Hinzu kommt im Zuge der Transition der Prozess der „Abnabelung“ der Kinder und Jugendlichen, wodurch es verstärkt zu Konflikten kommt und Therapien oder Medikationen häufig einfach abgebrochen werden: „In der Erwachsenenmedizin treten viele junge Menschen in eine ganz neue Welt ein. In der Pädiatrie waren sie es gewohnt, zusammen mit ihren Eltern die Ratschläge, die der Kinder- und Jugendarzt vorgibt, anzunehmen und den Behandlungsvorgaben des Arztes einfach zu vertrauen […]. In der Übergangsphase beginnt dieser neue Lebensabschnitt, in der der junge Mensch dahin geführt werden muss, selbst zu entscheiden, was passiert“, so der Leiter der Abteilung für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. med. Berthold P. Hauffa.

Vertrauensverhältnis muss langsam aufgebaut werden
Gerade deshalb müsse der Übergang nach Ansicht von Prof. Dr. Dr. med. Dagmar Führer, der Direktorin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen an der Universitätsklinik Essen möglichst behutsam und kompetent gestaltet werden: „Von uns Erwachsenenmedizinern muss ein enges Vertrauensverhältnis erst aufgebaut werden […] das fängt bei ganz formalen Dingen an, etwa beim Wechsel in der Ansprache von Du auf Sie. Und dann muss natürlich – abgestimmt auf das Erwachsenenalter – ein neues Behandlungskonzept erstellt werden. Das ist für alle Seiten erst einmal gewöhnungsbedürftig.“ (nr)

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