Radikalreform des Gesundheitssystems gefordert

Fabian Peters

TK-Chef für radikale Reform des Krankenversicherungssystems

11.04.2012

Der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse (TK), Norbert Klusen, hat eine Radikalreform des Gesundheitssystems gefordert. „Langfristig muss der Unterschied zwischen Privatpatient und Kassenpatient verschwinden“, betonte der TK-Chef.

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Im Gespräch mit der „Financial Times Deutschland“ (FTD) plädierte Klusen für die Abschaffung des Zwei-Klassen-Systems bei den Krankenversicherungen, wobei nach seiner Vorstellung eine Umwandlung der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) von Körperschaften des öffentlichen Rechts in Aktiengesellschaften oder Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit erfolgen sollte. Klusens Überlegungen basieren auf einem aktuellen Gutachten zur zukünftigen Strukturierung des Krankenversicherungsmarktes.

Konkurrenz zwischen privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen
Angesichts der wachsenden Probleme bei den privaten Krankenversicherungen (PKV) hatten sich in den vergangenen Wochen mehrere gesetzliche Krankenkassen für eine grundlegende Reform des Versicherungssystems ausgesprochen. Meist mit dem Tenor, dass eine Abschaffung der PKV erforderlich sei. Der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse beschreitet nun einen neuen Weg und fordert statt der Auflösung der PKV einen Wettbewerb zu gleichen Bedingungen. Seine Vorstellung sei, dass auf diesem Wege langfristig der Unterschied zwischen Privatpatient und Kassenpatient verschwinde, erklärte Norbert Klusen gegenüber der FTD. Auch der TK-Chef stellte ähnlich wie kürzlich sein Kollege von der AOK die Frage, „ob die heutige Trennung von privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen noch sinnvoll ist.“ Die Antwort Klusens geht jedoch in eine grundsätzlich andere Richtung. Statt einer Abschaffung der PKV sollen die gesetzlichen Krankenkassen in ihrem rechtlichen Status den Privatversicherern angeglichen werden. So könnten private und gesetzliche Anbieter in Zukunft unter den gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen konkurrieren beziehungsweise kooperieren, erklärte Klusen unter Bezug auf ein aktuelles Gutachten, das der FTD in Auszügen vorgelegt wurde. Beide Systeme würden sich auf diese Weise zu einem einheitlichen Versicherungsmarkt mit mehr Wettbewerb und Durchlässigkeit entwickeln, so die Einschätzung des TK-Chefs.

Reform des Krankenversicherungssystems gefordert
Der radikale Reformansatz des TK-Vorstandsvorsitzenden sieht eine Umwandlung der gesetzlichen Krankenkassen in Aktiengesellschaften oder Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit vor, um ein Ende des Zwei-Klassen-Systems zu erreichen. Die bisherige Trennung der Versicherten nach Berufs- und Einkommensgruppen hätte demnach ein Ende. Klusen eröffnet mit seinem Vorstoß neue Perspektiven für die Debatte um die Zukunft des deutschen Krankenversicherungssystems. Angesichts der finanziellen Schwierigkeiten und der entsprechenden Beitragsanhebungen bei verschiedenen Privatversicherern, hatten einzelne Vorsitzende der gesetzlichen Krankenkassen in den vergangenen Wochen die PKV stark angegriffen und indirekt deren Abschaffung gefordert. In der Politik ist das einzigartige deutsche Krankenversicherungssystem mit zwei parallel laufenden Versicherungsarten ebenfalls durchaus umstritten und immer mehr Politiker haben sich jüngst für eine grundlegende Reform ausgesprochen. „Die Zeit ist reif, um über Veränderungen nachzudenken“, betonte nun auch der im Sommer ausscheidende Vorstandsvorsitzende der TK.

Versachlichung der Debatte um die Zukunft des Krankenversicherungssystems
Mit dem präsentierten Gutachten hofft der TK-Chef nach eigenen Angaben zu einer Versachlichung der Debatte um die Zukunft der Gesundheitssystems beizutragen. Hier werden erste Schritte aufgezeigt, „wie wir die starren Grenzen zwischen privat und gesetzlich öffnen könnten“, betonte Klusen. Sein Vorschlag biete den gesetzlichen Krankenkassen die Option, eigene Zusatzleistungen anzubieten beziehungsweise diese direkt bei Ärzten, Kliniken oder Pharmaherstellern einzukaufen und so den Wettbewerb mit den privaten Krankenversicherungen aufzunehmen. Grundsätzlich soll an dem Leistungskatalog der GKV laut Aussage des vorgelegten Gutachtens jedoch ebenso wenig gerüttelt werden, wie an der unterschiedlichen Finanzierung der beiden Systeme, berichtet die „FTD“. Die PKV soll weiterhin lediglich bestimmten Berufs- und Einkommensgruppen vorbehalten werden, ihre Beiträge risikoabhängig bestimmen und die Möglichkeit zur Auswahl ihrer Versicherten haben. Ob sich auf diesem Wege einer Art Teilprivatisierung der gesetzlichen Krankenkassen die Leistungsunterschiede zwischen den rund 72 Millionen gesetzlich Krankenversicherten und den knapp neun Millionen Privatversicherten beheben lassen und ob die Beiträge in der PKV nicht weiterhin explodieren, bleibt dahingestellt, doch Klusens Vorstoß trägt zumindest zu einer Belebung der Debatte um die Zukunft des deutschen Krankenversicherungssystems bei. (fp)