Raucherkrebs-Zellveränderung: Vielfache Organschäden durch Tabakkonsum

Ein neue Studie zeigt es deutlich: Rauchen schadet nicht nur der Lunge massiv, sondern führt auch zu gefährlichen Veränderungen in anderen Organen. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)
Nina Reese
Forscher entdecken molekulare Fingerabdrücke in Raucher-Tumoren
Rauchen schadet der Gesundheit und kann Krebs verursachen – das ist hinlänglich bekannt. Wissenschaftler aus den USA und England haben nun die genetischen Schäden untersucht, die durch den blauen Dunst entstehen und kamen zu einem drastischen Ergebnis: Denn der Tabakrauch schadet nicht nur der Lunge, sondern führt auch in anderen Organen zu gefährlichen Mutationen.

150 Mutationen in jeder Lungenzelle
Wer eine Schachtel Zigaretten am Tag raucht, verursacht pro Jahr durchschnittlich 150 Mutationen in jeder Lungenzelle. Das zeigt eine am Donnerstag im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie, in welcher das Krebsrisiko für Raucher untersucht wurde. Forscher des National Laboratory in Los Alamos (New Mexico, USA) und des Wellcome Trust Sanger Institute (Hinxton, England) hatten für das Projekt das Erbgut von 5.000 Tumoren untersucht. Sie verglichen solche von Rauchern mit denen von Menschen, die noch nie geraucht hatten, so die Mitteilung des Wellcome Trust Sanger Institutes.

Ein neue Studie zeigt es deutlich: Rauchen schadet nicht nur der Lunge massiv, sondern führt auch zu gefährlichen Veränderungen in anderen Organen. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)
Ein neue Studie zeigt es deutlich: Rauchen schadet nicht nur der Lunge massiv, sondern führt auch zu gefährlichen Veränderungen in anderen Organen. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)

Dabei entdeckten die Wissenschaftler im Erbgut der Tumoren von Rauchern bestimmte molekulare Fingerabdrücke von DNA-Schäden („Mutations-Signaturen“) in der Raucher-DNA und zählten, wie viele dieser speziellen Veränderungen des Erbguts in den verschiedenen Tumoren gefunden wurden. Es zeigte sich, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der Zahl der Mutationen in der Tumor-DNA und der Anzahl der gerauchten Zigaretten besteht.

Genetische Veränderungen auch in fernen Organen
Die höchsten Raten identifizierten die Forscher mit rund 150 Mutationen pro Zelle in der Lunge. Doch auch in anderen Teilen des Körpers bargen Tumoren Mutationen, die mit Rauchen in Verbindung gebracht werden. Dies erkläre laut der Mitteilung, wie Tabakkonsum verschiedene Arten von Krebs verursache. Demnach führt eine Packung Zigaretten pro Tag im Jahr zu durchschnittlichen 97 Mutationen in jeder Zelle im Kehlkopf. In der Rachenhöhle treten im Schnitt 39 sowie im Mund 23 Veränderungen auf. Selbst Organe wie die Harnblase und die Leber, die keinen direkten Kontakt mit dem Tabakrauch haben, sind der Studie nach mit 18 bzw. 6 Mutationen betroffen.

„Diese Studie bietet neue Einblicke dahingehend, wie Tabakrauch Krebs verursacht“, wird Erstautor Ludmil Alexandrow vom National Laboratory in einer Mitteilung seines Instituts zitiert. „Unsere Analysen zeigen, dass Tabakrauchen Mutationen, die zu Krebs führen, durch mehrere, unterschiedliche Mechanismen verursacht. Das Rauchen von Tabak schädigt die DNA in Organen, die direkt dem Rauch ausgesetzt sind und beschleunigt ebenso eine veränderliche Zell-Uhr in Organen, welche sowohl direkt als auch indirekt Rauch ausgesetzt sind“, so Alexandrow weiter.

Studie macht Notwendigkeit von Präventivmaßnahmen deutlich
Die Studie bestärke laut der Heidelberger Krebsexpertin Martina Pötschke-Langer vorhandenes Wissen. „Aber die Anwendung des Wissens muss in der Politik und im Parlament folgen“, so die Expertin gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Dementsprechend seien aus Sicht Pötschke-Langers Präventivmaßnahmen wie eine Erhöhung der Tabaksteuer, ein Werbeverbot für Tabakprodukte und stärkerer Nichtraucherschutz erforderlich.

Im Tabakrauch sind 7.000 Chemikalien enthalten
Tabakrauch ist laut der Studie ein komplexes Gemisch aus mehr als 7.000 Chemikalien, darunter sind über 70 bekannt, die Krebs verursachen (Karzinogene). Frühere epidemiologische Studien haben demnach das Rauchen mit einem erhöhten Risiko für 17 verschiedene Krebsarten in Verbindung gebracht – einschließlich Tumoren in Gewebe, das nicht direkt dem Rauch ausgesetzt ist. In der neuen Studie identifizierte das Forscher-Team bei diesen Arten nun mehr als 20 Mutationssignaturen und fanden bei fünf davon eine Verbindung zum Krebs von Rauchern.

Eine Signatur, die so genannte „Signatur 4“ wurde hauptsächlich in DNA entdeckt, die durch direkte Tabakrauchexposition beschädigt wird, wie zum Beispiel der Lunge. Die „Signatur 5“ zeigte sich demnach bei allen Krebstypen, die durch Rauchen verursacht werden. Andere Signaturen würden den Autoren nach die Theorie verstärken, dass das Rauchen das Risiko von mehreren Krebsarten durch die Erhöhung der Gesamtzahl der Mutationen erhöhe. Die Autoren stellen jedoch fest, dass für einige der Varianten die zugrunde liegenden Mechanismen noch unklar seien.

Krebsentstehung durch Tabakrauch ist komplexer als gedacht
„Unsere Forschung zeigt, dass die Art und Weise wie Tabakrauchen Krebs verursacht, komplexer ist, als wir dachten. In der Tat verstehen wir die zugrunde liegenden Ursachen für viele Arten von Krebs noch nicht vollständig“, so Mike Stratton vom Wellcome Trust Sanger Institute laut der Mitteilung seines Instituts. „Doch diese Studie über das Rauchen sagt uns, dass die Betrachtung der DNA bei Krebs neue, provokative Anhaltspunkte liefern kann, dahingehend wie sich Krebs entwickelt und damit potenziell verhindert werden kann“, sagte Stratton weiter.

Auch aus Sicht der Krebsexpertin Pötschke-Langer sei die Studie vor allem aufgrund ihres Umfangs von Bedeutung: „Diese Studie wird sicherlich für große Aufmerksamkeit sorgen“, so die ehemalige Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) gegenüber der Nachrichtenagentur.

Rauchen ist das größte vermeidbare Risiko für die Gesundheit
In Deutschland rauchen nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit insgesamt 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ab 18 Jahren. Männer rauchen demnach mit 31 Prozent häufiger als Frauen (24 Prozent rauchen). Bei den Jugendlichen ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Hier hat sich in den letzten fünfzehn Jahren der Anteil der rauchenden 12- bis 17-Jährigen von 27,5 Prozent im Jahr 2001 auf 7,8 Prozent im Jahr 2015 reduziert.

An den Folgen des Tabakkonsums sterben dem Ministerium zufolge rund 120.000 Menschen im Jahr. Dieser stellt damit hierzulande nach wie vor das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko dar. Erst kürzlich zeigte beispielsweise eine Studie, dass Rauchen die durchschnittliche Lebenserwartung deutlich senkt. Auch die durch Rauchen verursachten Lungenkrebs-Todesfälle bei Frauen nehmen dramatisch zu.

Rauchstopp bringt schnell positive Effekte
Die Zigaretten aus dem eigenen Leben zu verbannen, ist daher immer eine gute Idee – unabhängig davon, wie alt man ist. Das Rauchen aufgeben benötigt vor allem einen festen Willen und konsequenten Verzicht. Doch der Erfolg ist schnell spürbar und das Risiko für die meisten Krebsarten sinkt bereits nach einigen Jahren als Nichtraucher deutlich. (nr)

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