Reduziertes Angstempfinden bei Nikotin-Entzug

Fabian Peters

14.07.2011

Raucher lassen sich durch die schockierenden Bilder auf Zigarettenschachteln offenbar nicht beeindrucken. Da der Nikotin-Entzug ihr Angstzentrum im Gehirn außer Kraft setzt, haben die Bilder von Raucherlungen oder zerstörten Mundhöhlen auf den Zigarettenschachteln bei Tabaksüchtigen keine Wirkung, so das Ergebnis einer gemeinsamen Studie von Forschern der Universität Bonn, der Universität Köln und der Berliner Charité.

Der Nikotin-Entzug löst bei den Rauchern eine deutlich verminderte Aktivität des Angstzentrums im Gehirn aus, wodurch die schockierenden Bilder auf den Zigarettenschachteln vollständig ihre Wirkung verlieren, so das Ergebnis einer im Fachmagazin „Human Brain Mapping“ veröffentlichten Studie von Bonner, Kölner und Berliner Wissenschaftlern. „Offenbar sind sie gedanklich in ihrer Sucht gefangen und dann weniger empfänglich für angsteinflößende Reize,“ erklärte der Neurologe Özgür Onur von der Universität Köln. Onur ergänzte: „Raucher brauchen anscheinend das Nikotin, um die Normalfunktion ihrer Amygdala aufrechtzuerhalten.“

Mehr zum Thema:

Schockbilder auf Zigarettenschachteln möglicherweise wirkungslos
Eigentlich sollen die erschreckenden Bilder von Raucherlungen, Tumoren und zerstörten Mundhöhlen auf den Zigarettenschachteln bei den Rauchern Besorgnis auslösen und diese vom Tabakkonsum abhalten. Doch dieser zumindest teilweise auf Angst basierende Ansatz, könnte sich als nutzlos herausstellen, da die Raucher, sobald sie auf Nikotin-Entzug sind, eine deutlich verminderte Aktivität im Angstzentrum des Gehirns aufweisen. Im Rahmen ihrer Studie zeigten Özgür Onur und Kollegen den 56 Teilnehmern (28 Raucher / 28 Nichtraucher) Bilder von ängstlichen, fröhlichen und neutralen Gesichtern. Parallel erfassten die Wissenschaftler die Gehirnaktivität in der Amygdala (sogenannter Mandelkern) der Probanden. Hier befindet sich auch das Angstzentrum, welches sowohl bei den Rauchern als auch bei den Nichtrauchern durch den Anblick der Bilder mit den angsterfüllten Gesichtern gleichermaßen aktiviert wurde. Zunächst seien „bei Rauchern und Nichtrauchern (…) keine Unterschiede“ festzustellen gewesen, was darauf schließen lasse, dass „die Verarbeitung von Emotionen im Gehirn bei beiden Gruppen ähnlich“ funktioniert, erklärte Özgür Onur.

Nikotin-Entzug setzt Angstzentrum außer Kraft
Sobald die Raucher jedoch eine zwölfstündige Abstinenz hinter sich hatten, waren erhebliche Unterschiede bei den Reaktionen im Angstzentrum der Tabakkonsumenten und der Nichtraucher festzustellen, berichten die Forscher. „Die Aktivität des Angstzentrums war bereits nach wenigen Stunden Enthaltsamkeit im Vergleich zu vorher stark herabgesetzt“, erläuterte Onur. Die Folge sei gewesen, dass den Rauchern auf Entzug „Bilder von ängstlichen Menschen schlicht egal“ waren, so die Aussage des Fachmanns. Sobald die Tabaksüchtigen nicht ihre durchschnittliche Tabakdosis von 17 Zigaretten am Tag konsumierten, war ihr Angstempfinden demnach deutlich beeinträchtigt. Die Folgen dieser verminderten Aktivität im Angstzentrum sind jedoch nach Ansicht der Forscher nicht zu unterschätzen, da „Angst ein archaischer Trieb“ ist und uns davor schützt „Gefährliches zu tun“, erklärte René Hurlemann vom Bonner Universitätsklinikum. Außerdem hat das verminderte Angstempfinden bei Nikotin-Entzug nach Einschätzung der Experten auch zur Folge, dass die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln ihre Wirkung verlieren, da diese die Raucher vermutlich kaum berühren.

Ausbau der Therapiemaßnahmen und verbesserte Forschung gefordert
Völlig unnütz sind die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln jedoch nicht, denn im Angstzentrum von Nichtrauchern lösen sie sehr wohl Reaktionen aus. „Wer noch nicht raucht, kann absehbar durch solche Schockkampagnen vom Zigarettenkonsum abgehalten werden“, berichten die Forscher. Allerdings bedarf es weiterer Maßnahme, um auch die bereits Tabaksüchtigen zu erreichen, denn bei ihnen haben die Schockbilder den aktuellen Studienergebnissen zufolge vermutlich kaum eine Wirkung. Daher fordern Onur und Kollegen den Ausbau von Therapiemaßnahmen und eine intensivierte Forschung zur Optimierung der Raucherentwöhnung für verschiedene Patienten. Ob damit nachhaltige Erfolge zu erzielen sind, bleibt abzuwarten. Bisher greifen in Deutschland immer noch Millionen Menschen zur Zigarette. Den Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge wurden im Jahr 2010 täglich deutschlandweit rund 229 Millionen Zigaretten geraucht. Zwar ist die Zahl der insgesamt konsumierten Zigaretten pro Jahr hierzulande in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen, doch im gleichen Atemzug hat der Konsum von Zigarren, Zigarillos und Feinschnitt erheblich zugenommen. Und dies obwohl eigentlich jeder Bundesbürger weiß, dass Rauchen ungesund ist. (fp)

Bild: Gerd Altmann / pixelio.de