Reiseschwindel: Vitamin C kann auch Reiseübelkeit verhindern

Vitamnin-C baut Histamin ab. Somit wird auch die Reiseübelkeit gelindert. Bild: karepa – fotolia
Sebastian
Kaum ist draußen wärmer, drängt es uns in die Ferne. Doch viele Menschen leiden an der sogenannten Reiseübelkeit. Ihnen wird übel beim Autofahren oder im Flugzeug und bei Schiffsreisenden ist die Seekrankheit gefürchtet. Die Ursachen der Krankheit sind nach wie vor nicht eindeutig geklärt. Natürliche Mittel können vielen Betroffenen helfen.

Bewegungskrankheit – Reisekrankheit
Übelkeit und Erbrechen bei Autofahrten, Zugfahrten und Flugreisen, sowie die Seekrankheit haben den gleichen Ursprung. In den USA wird das Phänomen von Forschern „motion sickness“ (Bewegungskrankheit) genannt. Mediziner hierzulande nennen die verschiedenen Formen Kinetosen und im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch kennt man das Leiden als Reisekrankheit.

Vitamnin-C baut Histamin ab. Somit wird auch die Reiseübelkeit gelindert. Bild: karepa – fotolia
Vitamnin-C baut Histamin ab. Somit wird auch die Reiseübelkeit gelindert. Bild: karepa – fotolia

Das Gehirn ist verwirrt
Das Unwohlsein kommt laut dem Mediziner Prof. Frank Schmäl aus Greven bei Münster unter anderem durch eine Verwirrtheit des Gehirns zustande, da es von den Sinnesorganen unterschiedliche Informationen über die Bewegung erhält. Er erklärt die „drei Systeme, die uns über die Bewegung des eigenen Körpers im Raum informieren“: „Die Augen, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und das sogenannte propriozeptive System, unter anderem Druckrezeptoren an der Fußsohle oder Sensoren in der Haut, die zum Beispiel den Luftzug einer Bewegung spüren.“ Solange die drei Systeme gleiche Informationen an das Gehirn senden, ist alles in Ordnung, aber es schaltet auf Alarmbereitschaft, wenn es widersprüchliche Signale erhält. Laut Schmäl ist das Autofahren im Stau besonders schlimm: „Wenn man dabei auf dem Beifahrersitz liest, nimmt das Auge das ständige Anfahren und Abbremsen nicht wahr. Es meldet Stillstand, während die anderen Systeme dem Hirn sagen: Wir sind in Bewegung.“

Babys und Senioren sehr selten reisekrank
Prof. Schmäl, der die Schwindelambulanz im HNO-Zentrum Münsterland leitet, erforscht die Reisekrankheit seit Jahren. Im April hatte er seinen Forschungsstand in der Fachzeitschrift „Pharmacology“ zusammengefasst. Frauen haben demnach ein höheres Risiko als Männer und Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren leiden besonders oft an Übelkeit beim Reisen. Im Gegensatz dazu würden über 50-Jährige und Babys nur sehr selten reisekrank. Der Grund dafür, dass Babys weniger betroffen sind, sei, dass bei ihnen der Gleichgewichtssinn noch nicht vollständig ausgeprägt ist und das Gehirn die unterschiedlichen Sinneseindrücke nicht als Bedrohung wahrnimmt. Bei Senioren sinkt die Anfälligkeit durch den Alterungsprozess, der unter anderem durch Veränderungen im Innenohr dazu führt, dass die Wahrnehmung nicht mehr so fein ist. Laut Schmäl ist es jedoch bislang ein Rätsel, warum Frauen anfälliger sind.

Mensch ist nicht für Autoreisen gebaut
Laut Statistik besteht für etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ein erhöhtes Risiko für die Reisekrankheit und fünf bis fünfzehn Prozent seien unempfindlich. In den Industrieländern werden laut Schmäl neun von zehn Personen mindestens einmal im Leben reisekrank. Bei der Erklärung, warum der Körper mit Übelkeit und Erbrechen reagiert, gehen Mediziner derzeit von einer Vergiftungstheorie aus: „Der Körper agiert so, als wenn er vergiftet worden wäre und wehrt sich dagegen“, so Schmäl. Er führt weiter an: „Bei einer Vergiftung will der Körper giftige Stoffe aus dem Magen herausbekommen – daher Übelkeit und Erbrechen. Mit einem schnelleren Herzschlag und Schweißausbrüchen versucht der Organismus außerdem, das Blut von Giftstoffen zu reinigen.“ Der evolutionäre Sinn sei zwar unklar, aber laut Schmäl könne die Kinetose als Warnsignal für den Körper interpretiert werden, sich aus einer bedrohlichen Situation zurückzuziehen. Der menschliche Körper sei eben nicht für Reisen per Auto, Schiff oder Flugzeug gebaut.

Auf Alkohol, Zigaretten und Kaffee verzichten
Viele Menschen reagieren bei Autofahrten mit Übelkeit, kaltem Schweiß, Schwindel und sogar Erbrechen. In Akutsituationen hilft es zunächst einmal die Fahrt zu unterbrechen, auszusteigen, sich zu bewegen und frische Luft einzuatmen. Darüber hinaus werden verschiedenste Hilfsmittel auf dem Markt angeboten, für die es jedoch kaum medizinische Belege gibt. Schmäl rät dazu, vor Reisen auf Alkohol, Zigaretten und Kaffee zu verzichten: „Im Gleichgewichtssystem gibt es Nikotin- und Koffein-Rezeptoren. Alkohol wirkt enthemmend auf unser Gleichgewichtssystem. Wenn jemand, der zu Reisekrankheit neigt, während seines Fluges zum Beispiel zu viel Rotwein trinkt, wird das Ganze nur noch schlimmer.“ Und wenn der Verzicht nicht reicht, empfiehlt er Scopolamin-Präparate: „Da gibt es Pflaster, die den Stoff nach und nach abgeben. Die klebt man sich hinter das Ohr. Allerdings nicht, weil dort das Gleichgewichtsorgan sitzt, sondern weil die Haut den Wirkstoff dort besonders gut aufnehmen kann.“

Test mit Vitamin C
Die Bundeswehr ist ebenfalls auf der Suche nach Mitteln gegen die Seekrankheit. So experimentierte Andreas Koch am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine gemeinsam mit dem Wiener Allergologen Prof. Reinhart Jarisch mit Vitamin C. „In der Allergologie wird viel mit Vitamin C gearbeitet“, erläuterte Koch. „Wenn der Körper allergisch auf etwas reagiert, wird viel Histamin freigesetzt. Mit Vitamin-C-Präparaten kann der Histaminspiegel gesenkt werden.“ In einem Wellenbad wurden Tests durchgeführt. „Wir haben 63 Probanden an zwei Tagen in eine Rettungsinsel gesetzt und jeweils 20 Minuten lang durchgeschaukelt“, so Koch. Dabei bekamen die einen vorher Vitamin C und die anderen ein Placebo. „Mit dem Placebo mussten 17 Teilnehmer besonders früh aus der Insel steigen, mit Vitamin C nur sechs. Und die Probanden, die beide Durchgänge abbrachen, hatten es mit Vitamin C länger ausgehalten.“ Demnächst sollen detailliertere Resultate veröffentlicht werden.

Natürlich vorbeugen
Steht eine Fahrt in den Urlaub an, können Betroffene sich sinnvoll vorbereiten. So sollte man am Vorabend der Abreise leicht bekömmliche Mahlzeiten zu sich nehmen und während der Fahrt auf fettreiche Kost verzichten. Anstatt ein Buch zu lesen, sollte man sich eher auf die vorbei ziehende Landschaft konzentrieren. Um sich abzulenken haben sich auch Hörbücher als effektiv erwiesen. Es sollte zudem darauf geachtet werden, dass immer frische Luft durch ein Fensterspalt in das Auto eindringen kann. Auch Gespräche im Auto über eine nahende Übelkeit sollten unbedingt vermieden werden, da man sich sonst Symptome subjektiv deutlich verstärkt werden könnten. In der Bahn, im Bus und im Auto sollten Menschen, die für eine Reisekrankheit sehr empfänglich sind in der Fahrtrichtung sitzen. Einreibungen der Handgelenke mit Rosmarin- oder Basilikumöl gelten naturheilkundlich ebenfalls als hilfreich. Auch Melisse-Tropfen, die schon vor Beginn der Fahrt zu sich genommen werden können, haben sich bei manchen Menschen als sinnvoll erwiesen.

Ingwer ist umstritten
In der Naturheilkunde taucht Ingwer immer wieder als wirksames Mittel gegen Kinetose auf. Laut Schmäl hilft Ingwer zwar erwiesenermaßen an Übelkeit nach Operationen oder in der Schwangerschaft, aber ein eindeutiger Beleg für die Wirksamkeit bei Reisekrankheit fehle bislang. Auch Dr. Claus-Martin Muth von der Universitätsklinik Ulm ist skeptisch: „Die Datenlage ist uneinheitlich. Es gibt viele wissenschaftliche Berichte, die sagen, dass Ingwer bei Seekrankheit nützt. Aber es gibt genauso viele, die keinen Effekt feststellen.“ Heilpraktikerin Susanne Mertens hält dagegen: „Meine Erfahrungen sprechen eine deutliche Sprache. Die meisten Patienten haben mir gegenüber eine positive Wirkung bestätigt. Sie litten durch die Einnahme von Ingwer-Extrakten deutlich weniger an Erbrechen und Übelkeit.“ (sb)

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